Flair beim Flanieren genießen: Der Sindelfinger Handwerkermarkt ist besonders, durch tolle Stände, aber auch die bauliche Umgebung. Foto: Stefanie Schlecht
Der 39. Sindelfinger Handwerkermarkt wartete auf mit alten und neuen Attraktionen, italienischen Liedern und internationalem Charme. Einige Marktbeschicker haben ein besonderes Lob.
Thomas Morawitzky
10.05.2026 - 15:34 Uhr
Mit den Handwerkern kam die Sonne: Zum 39. Mal fand am Wochenende in den Gassen der Sindelfinger Altstadt ein Markt der besonderen Art statt, mit vielen Ständen selbstgefertigter Waren, selbsterzeugten Nahrungsmitteln, mit Musik, und sehr gesellig.
Zwei Tage zuvor wäre der Sindelfinger Handwerkermarkt ein grauer Markt geworden, mit Regenschlieren – am Wochenende jedoch hüllt ihn der Frühling ein und viele Menschen schlendern vorbei an seinen Ständen, vertiefen sich in ein Gespräch mit Händlern, erwerben ungewöhnliche Dinge oder lauschen einfach nur der Straßenmusik, während sie eine kleine Mahlzeit verzehren oder ein Eis.
Tina Pohl und Lisa Hein leiten den Handwerkermarkt seit nunmehr vier Jahren, haben ihn übernommen von Martin Hein, Lisa Heins Vater, der immer noch mithilft, sich aber aus der Organisation zurückzog. Überhaupt ist der Sindelfinger Handwerkermarkt eine große ehrenamtliche Leistung – Gewinn dürfen die Veranstalter nicht einstecken, Familien und Freunde helfen. Entstanden ist er einst aus dem Wunsch heraus, den Webern der Textilstadt Sindelfingen eine Plattform zum Verkauf ihrer Waren zu geben, öffnete sich aber bald schon anderen Gewerken.
Sechs neue Beschicker auf Handwerkermarkt
Bis heute werden als Teilnehmer ausschließlich hauptberufliche Handwerker und Kunsthandwerker akzeptiert. Sechs neue Beschicker sind in diesem Jahr mit dabei, erstmals erheben die Veranstalter einen sogenannten Kulturbeitrag, erstmals endet der Markt am Samstag bereits um 18 Uhr – dies war ein Wunsch der Handwerker: Viele von ihnen reisen an diesem Tag erst an, sind bald erschöpft. 15 bis 20 000 Menschen werden am Wochenende an ihren Ständen vorüberschlendern, schätzen Tina Pohl und Lisa Hein.
Vor Ort den Handwerkern zuschauen: das ist auch ein Grund dafür, warum Handwerkermärkte beliebt sind. Foto: Stefanie Schlecht
Klaus Rau ist erstmals nach Sindelfingen gereist, arbeitet in Rohrdorf bei Meßkirch am Bodensee als Kunstschmied und Schlosser, wurde in Heidenheim geboren, fertigt Pfannen aus Stahl, Truhen, Kerzenständer, Balkongitter, oder kombiniert seine Schmiedearbeiten mit den Keramiken seiner Frau, zum Beispiel, wenn es darum geht, ein Grabmal zu gestalten. Er ist gerne in Sindelfingen und er kehrt gewiss gerne wieder, wie er sagt.
Martin Kellner, mit Rita Kellner und der gemeinsamen Kaffeerösterei zuhause in Calw-Stammheim, nimmt seit zehn Jahren teil am Sindelfinger Handwerkermarkt und lobt ihn sehr: „Wir besuchen eigentlich nur noch diesen Markt, weil er uns atmosphärisch am schönsten gefällt und eine wunderbare Mischung aus schöner Handwerkskunst und handwerklicher Manufaktur bietet“, sagt er. Über die Kunst der Kaffeerösterei lernen, das kann man an Martin Kellners Marktstand freilich auch: Er erklärt gerne, wie Kaffeebohnen geerntet verlesen werden, wie durch gleichmäßige Röstung ein harmonischer Geschmack entsteht. Einen sehr aromatischen Espresso bietet er natürlich auch.
Internationale Handwerker in Sindelfingen
Ebenfalls zum ersten Mal in Sindelfingen ist Olivier Sybillin aus Chaudebonne, einer sehr kleinen Gemeinde in Frankreich. Er zeigt seine Malereien und Fotografien im Alten Rathaus, während draußen, auf der Straße, Bernard Siaud glühendes Eisen mit klirrenden Schlägen bearbeitet und sein Bruder Jaean-Marc Siaud die fantastischsten, aus Holz gefertigten E-Gitarren ausstellt.
Farbenpracht um den Hals getragen. Foto: Stefanie Schlecht
Hans Epp aus Burladingen-Ringingen hat Hocker, Bänke, Vesperbretter in originellem Design mitgebracht. Er setzt seine Stücke aus mehreren einheimischen Holzarten zusammen, sodass jedes wirkt wie ein farbiges Puzzle. Er bohrt in seine Hölzer und füllt die Bohrungen auf mit Hölzern anderer Farbe, mit Walnuss, Robinie, Zwetsche, Eibe oder Ulme, er verwendet klassische Schreinertechniken – und er fühlt sich wohl, in Sindelfingen: „Es sind sehr sympathische Leute hier“, sagt er bei seinem ersten Marktbesuch. „Sie haben ein großes Interesse.“ Vorzüglich sich die Hände waschen kann man indes am Stand von Manuela Gorlt, wenige Meter weiter: Sie verkauft Seife aus natürlichen Zutaten, oft auch für spezielle Zwecke – zum Waschen der Haare aus Hanf, mit Rosenduft oder in Grün, oder zum Waschen des Hundes.
Sindelfingen – Stadt der Weber und Wolle
Auf dem Stand von Ute Walz aus dem Nordschwarzwald hat sich eine ganze Gesellschaft auf Haus- und Waldtieren versammelt, kleinere oder größere Handpuppen, die tierisch neugierig dreinschauen. Ute Walz hat sie gefilzt, die Tierkörper mit selbstgefertigten Schablonen, die Gesichter, viel detaillierter, mit Nadeln – „Sie brauchen einen klaren Ausdruck“, sagt sie. Es gibt Katzen, Hunde, Bären, Rehe – und eine echte Hündin, Maira, die sich hinterm Stand bei ihrem Frauchen ausstreckt.
Immer gerne dabei beim Handwerkermarkt, aus einfachen und praktischen Gründern, ist Stefanie Wald, denn sie betreibt eben dort, in der Kurzen Gasse, ihr Ladengeschäft „WaldWolle“ und muss also nur ihre Tür öffnen, um dabei zu sein. Seit 15 Jahren beteiligt sie sich am Handwerkermarkt, ihre Eltern bauten selbst noch Spinnräder, nun stehen Spinnräder im Ladengeschäft und Kurse rund um die Wolle und ihre verschiedenen Verarbeitungsweisen bietet die Tochter ebenfalls an.
Und nicht zuletzt: Genuss für Gaumen beim Handwerkermarkt
Direkt vor ihrem Geschäft indes ist der Platz, auf dem die Marktbesucher herzhaft in den abwechslungsreich belegten schwäbischen Fladenklassiker Dinnende beißen und die Darbietungen der Straßenmusiker genießen. Am Samstagnachmittag ist dort der Pop- und Jazzchor Cocktail Vocale am Zug und singt sich nach Italien. Nur einen echten Italiener hat der Chor, dem Hörensagen nach, an Bord – das hält die Damen und Herren mit Strohhut und heiterer Singlaune aber durchaus nicht davon ab, „Volare“ zu intonieren – und sie klingen gut, der Handwerkermarkt schwärmt, das Wetter passt dazu.