Die charakteristischen blauen Rampen stehen immer noch da. Dass Lukas Rosengrün mit seinem Skateboard darüber bretterte, ist allerdings fast drei Jahrzehnte her. „Als Jugendlicher habe ich in den Neunzigerjahren mit dafür gekämpft, dass der Skatepark von vor dem Glaspalast hierher verlegt wurde“, erinnert er sich. Heute ist er 41 Jahre alt, seit fünf Jahren Bürgermeister von Ehningen und bewirbt sich darum, das Zepter in Sindelfingen zu übernehmen. Die Stadt, in der er aufgewachsen ist. Warum?
„Ich bin in einer Phase meines Lebens, in der ich mir die Frage gestellt habe, ob ich nicht mehr Verantwortung übernehmen möchte“, sagt er. Nach der Entscheidung von Bernd Vöhringer (CDU), nicht mehr anzutreten, habe sich ein Fenster geöffnet. Diese seltene Chance wollte er nicht ungenutzt vorbeiziehen lassen. Eines ist dem Sozialdemokraten dabei aber wichtig: „Es war eine Lebensentscheidung, keine Karriereentscheidung.“ Er müsse für seine Lebenszufriedenheit nicht OB gewesen sein, sagt er.
Plädoyer für kleine Lösung beim Badezentrum
Wer derzeit an die Sindelfinger Lokalpolitik denkt, kommt um das Großthema Badezentrum nicht herum. Wie positioniert er sich: Große Lösung für über 100 Millionen mit allem drum und dran – oder doch lieber kleinere Brötchen backen? „Meine Empfehlung geht ganz klar dahin, das Badezentrum für 35 Millionen im Bestand zu sanieren und nicht die große Lösung anzustreben“, sagt er. Das Geld werde für die Sanierung von Schulen, Kindergärten und in anderen Bereich wesentlich dringender gebraucht. „Zumal der Abmangel von jährlich etwa fünf Millionen Euro in beiden Varianten gleich hoch ist.“
Zu einem anderen Dauerbrenner hat Rosengrün ebenfalls eine klare Meinung: Die darbende Innenstadt mit ihren Leerständen. „Wir brauchen im Zentrum andere, attraktivere Angebote: Geschäfte, die eine Nische bedienen und die dadurch ein großes Einzugsgebiet haben“, sagt der OB-Kandidat. Dafür müsse die Stadt einerseits die ihr gehörenden Liegenschaften aktivieren – oder gar abreißen und neu bauen. „Dafür müssen wir auch eine politisch subventionierte Miete kalkulieren, wenn es sein muss.“
In Ehningen habe das Rathaus mit einer Kampagne nachgeholfen: Lädle sucht Käpsele – was funktioniert habe. Ähnliches könne er sich auch in Sindelfingen vorstellen. Ein weiterer Vorschlag von ihm ließ im Wahlkampf aufhorchen: Ein Rauchverbot auf dem Marktplatz außerhalb von Gastronomieflächen. Außerdem ein kombiniertes Rauch- und Alkoholverbot am Busbahnhof.
Schwankungen im Haushalt glätten
Noch sitzt die Daimler-Stadt auf einem stattlichen Geldpolster von einer halben Milliarde Euro, könnte sich derartige Belebungsprogramme also leisten. Doch, was tun, wenn die Gewerbesteuern einmal nicht mehr so sprudeln oder gar Rückzahlungen fällig werden? Rosengrün: „Solche Schwankungen sind mir in Ehningen mit der IBM nicht neu. Es hat sich als praktikabel erwiesen, hier immer mit einem zehnjährigen Mittelwert zu kalkulieren.“ Zugleich gelte es, die Verwaltung durch mehr Digitalisierung effizienter aufzustellen, um auch auf der Kostenseite zu sparen.
Das soziale Miteinander in einer von Zuwanderung geprägten Stadt wie Sindelfingen sei nicht immer frei von Spannungen, wie die Absagen von Sindelfinger Stadtoberen beim jüngsten Fastenbrechen gezeigt habe. Nach politischen Verhaftungen in der Türkei sei man nicht zu einem gemeinsamen Umgang damit gekommen, hieß es nachher. Wäre Rosengrün dort aufgetreten? Der OB-Kandidat überlegt lange, bevor er antwortet: „Ich kann die Absage von Bernd Vöhringer verstehen. Sie war ein wohlüberlegtes Zeichen der Solidarität mit der Opposition in der Türkei.“
Interkultureller Austausch wichtig
Der Kontakt zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen sei wichtig, der interkulturelle Austausch auf einer Veranstaltung wie dem Fastenbrechen dafür eine gute Plattform. „Für ein Gelingen müssen sich beide Seiten aufeinander zubewegen“, sagt Rosengrün, der im Falle seiner Wahl den bestehenden Rat für Vielfalt in Sindelfingen in solche Entscheidungen einbeziehen will. Reibungspunkte entstehen derzeit immer wieder auch bei einem anderen Thema: Energiewende.
In Ehningen bekommt er hautnah mit, wie schwierig es sein kann, diese zu gestalten. Stichwort: Interkommunaler Windpark. In Sindelfingen hingegen sieht er vielversprechende Planungen für eine Energiedrehscheibe auf der Dachsklinge, für Solarzellen auf dem A-81-Deckel sowie den Dächern von kommunalen Gebäuden. „Eine große Stellschraube, über die viel zu wenig gesprochen wird, ist die Dämmung und energetische Sanierung von Gebäuden“, sagt Rosengrün.
Zum Ende des Gesprächs erobert eine Kitagruppe den Skatepark, Kinder toben. Das bringt ihn zum nächsten Thema, das Sindelfingen ebenso plagt, wie Böblingen oder Holzgerlingen: Personalmangel in der Kinderbetreuung. Seine Gemeinde kann darüber allerdings nicht klagen: Keine offenen Stellen in Ehningen. „Wir haben viel getan in der Personalentwicklung, das halte ich für den richtigen Weg.“ Gelder im Sozialbereich, insbesondere in Kitas und Schulen, seien eine Investition in die Zukunft.
Lukas Rosengrün und die OB-Wahl
Geboren
wurde Lukas Rosengrün am 16. August 1984 in Saarbrücken. Er wuchs in Sindelfingen auf und ist Mitglied der SPD.
Nach dem Studium
der Nachwachsenden Rohstoffe und des Energiemanagements an der Universität Hohenheim begann er 2013 seine berufliche Laufbahn in der Energiewirtschaft bei EnBW.
Im Jahr
2015 wechselte Rosengrün konzernintern zum Übertragungsnetzbetreiber Transnet BW, bevor er sich für einen Weg in die Lokalpolitik entschied.
Nachdem Claus Unger
in Ehningen nicht für eine weitere Amtszeit kandidierte, wurde Rosengrün im März 2020 zum Bürgermeister der Gemeinde gewählt.
Zur Wahl
des Sindelfinger Oberbürgermeisters am 11. Mai sind alle Personen ab 16 Jahren zugelassen, die länger als drei Monate in der Stadt gemeldet sind. Sollte keiner der Kandidaten im ersten Wahlgang mehr als die Hälfte der Stimmen auf sich vereinen, wird am 25. Mai eine Stichwahl zwischen den beiden Kandidaten mit den meisten Stimmen abgehalten.