Die Anwohner sind gebrannte Kinder
Es sind insbesondere die Anrainer der Wurmbergstraße, denen Böses schwant, sollte die Spitalscheune wie geplant nach über zehnjährigem Dornröschenschlaf wieder eröffnen. Sie sind gebrannte Kinder. Denn als das Fachwerk-Gemäuer noch eine Diskothek war, war regelmäßig Halligalli in der Hinteren Gasse 35. Und die Nachbarschaft um den Schlaf gebracht. Das Ehepaar Fausten etwa erinnert sich noch gut an die wummernden Bässe, die man beinahe physisch im Bett gespürt habe. Lautstarke Gespräche vorm Lokal, um nicht zu sagen Gegröle, Park-Such-Verkehr und bisweilen auch angetrunkene „Wildpinkler“ sind ihnen noch im Gedächtnis. Auch dann noch, wenn das viele Jahre her ist. „Rund um die Spitalscheune sind fast 100 Haushalte von den zu erwartenden Lärmbelästigungen betroffen“, schreibt Marite Mertmann in einer Mail an Baubürgermeisterin Corinna Clemens. Sie möge ihren Einfluss geltend machen, dass es dazu nicht kommt.
Auch Ingo Sika, der Kultur- und Biennale-Aktivist, zählt zu den Mitunterzeichnern der Unterschriftenliste. Erst habe er gezögert, erzählt der Freie-Wähler-Gemeinderat auf Nachfrage, weil „da zwei Seelen in meiner Brust schlagen“. Ein Stück Subkultur, wie sie die Punk-Kneipe Traube verkörpert habe, sei ja auch „wichtig und erhaltenswert“, habe ihre Daseinsberechtigung. Aber auch gerade in/an der Altstadt? Zahnarzt Sika hat jedenfalls Befürchtungen, dass das Nebeneinander von Wohnen und Kneipe Konflikte heraufbeschwören kann. Als Sika noch in Magstadt wohnte am Brauereiplatz, sei „es manchmal bis morgens um 3 gegangen“. Ob eine Kneipe mit Besucherströmen in einer Altstadt mit der Hauptfunktion Wohnen sinnvoll sei, stellt er zumindest in Frage. Wissend, „was alleine schon die Außengastronomie vom 3-Mohren am Schaffhauser Platz auslöst“. Da träfen zwei Weltanschauungen aufeinander, sagt Sika: „Und das meine ich völlig wertfrei.“
Viele Schlafzimmer in Steinwurfnähe
Im Falle der Nähe von Wurmbergstraße und Spitalscheune besonders ist einerseits die sprichwörtliche Steinwurfnähe von teils nur wenigen Metern. Es ist auch noch ein Zwischenhof in der Bebauung, der „wie ein akustischer Kamin“ wirkt. Lärm sammelt sich dort, um dann nach oben in die Etagen zu steigen. Die allermeisten Schlafzimmer gehen genau in diesen Lichthof hinein.
Ist in Sachen Revitalisierung der Spitalscheune nun also Krach im doppelten Sinne des Wortes programmiert? Ordnungsamtsleiter Jürgen Beck glaubt und hofft, dass nicht. „Wir nehmen die Bedenken der Anwohner sehr ernst“, sagt Beck, weshalb es auch verschiedentlich Gespräche mit Wirt Andy Ankele gegeben habe. Der wolle dort ja auch keine „Traube 2“ eröffnen, sondern ein anderes Konzept fahren. Will heißen: eine Schankwirtschaft, man könnte auch sagen eine Kneipe, in der Musik läuft, aber keine brachialen Beats hämmern.
„Es gelten die Ruheregelungen“, sagt Jürgen Beck, die Nachtruhe nach 22 Uhr. Wirt Ankele brauche von der Stadt eine Gaststättenerlaubnis „personen- und raumbezogen“. Doch die könne man ihm nicht versagen, wenn er die Auflagen einhalte: „Für ein Verweigern gibt es keine Rechtsgrundlage“, stellt der Mann vom Ordnungsamt klar. Ankele habe gut kooperiert „und so gut wie alle Unterlagen vorgelegt“.
Und was sagt der 64-jährige Gastronom selber? Dass er keinen Stress mit den Nachbarn wolle – „ganz und gar nicht“. Wenn das dem Kroaten Stefan Markovic gehörende alte Gemäuer, das laut Ankele „gut schallisoliert ist“, erst mal entrümpelt sei, zögen im Erdgeschoss die „Assis“ ein. Für Nicht-Insider: Die „Assis“ stehen für die „Alternative Skate- und Sound-Interessen Sindelfingen e.V.“, eine Gruppierung, in der Skater vom Glaspalast Mitglied sind – und Musiker. Andy Ankele auch. Sie sollen hier ihr festes Vereinslokal haben, das aber auch allen anderen Gästen offen stehen soll, die außerhalb der üblichen Kneipenlandschaft einen Anlaufpunkt haben wollen. Das finden viele (relativ) jungen Leute gut, die so ein Angebot im für sie eher schlafmützigen Sindelfingen vermissen. Der Wunsch geht bis weit in bürgerliche Kreise hinein. Auch in der abgefuckten Traube waren viele Stammgast, die völlig friedliebende Typen sind und tagsüber rechtschaffen ihre Brötchen in etablierten Behörden und Unternehmen verdienen.
Ein paar Mal Live-Musik im Jahr
Und die Musik in der Scheune? Klar, soll es geben, Live-Musik, sagt Ankele. Aber „nur fünf, sechs Mal im Jahr, öfter nicht.“ Weitere Sessions in der Scheune soll es regelmäßig geben, „aber unplugged“, so der 64-Jährige, also ohne Verstärkerstrom. Ansonsten eben „Flaschenbier und Hintergrund-Beschallung aus der Konserve“. Die Bühne im zweiten Stock der Scheuer bleibe vorerst ungenutzt, erklärt der Böblinger. Erst müsse dort ein alter Wasserschaden aufwendig behoben werden.
In die Spitalscheune selbst habe er sich sofort verguckt. Die rustikal-authentische Aura zwischen alten Wagenrädern und Heugabeln dürfte es so öffentlich auch kein zweites Mal in Sindelfingen geben. Ankele versichert, dass ihm an einer friedlichen Koexistenz gelegen sei, er indes Leben in eine ansonsten „zwar wunderschöne, aber tote Altstadt bringen“ wolle. Er traue sich zu, für die nötige Disziplin und nächtliche Ruhe unter seinen (Stamm-)Gästen zu sorgen: „Und meine ,Träubler’ helfen da mit.“