Singen in Stuttgart Mitgliederschwund bei Gesangvereinen
Die Coronapandemie sorgt für eine teils negative Entwicklung bei Vereinen in Stuttgart. Doch Corona allein ist nicht der Grund. Andere Gruppen haben innovativ reagiert.
Die Coronapandemie sorgt für eine teils negative Entwicklung bei Vereinen in Stuttgart. Doch Corona allein ist nicht der Grund. Andere Gruppen haben innovativ reagiert.
Singe, wem Gesang gegeben. Das gilt auch heute noch. Die Coronapandemie macht es den Vereinen nicht einfacher zu überleben. In Bad Cannstatt haben sich fünf Gesangvereine in kurzer Zeit aufgelöst. Andere Chöre erfinden neue Formate.
Der Gesangverein Steinhaldenfeld gehört zu denen, die nun aufgelöst werden mussten, wie der Erste Vorsitzende Ulrich Raecke erklärt. Er war die vergangenen sechs Jahre Vereinsvorstand und seit 48 Jahren Mitglied. 1974, als er hergezogen ist, hat er im zweiten Bass angefangen, der alleine 13 Sänger zählte. Im Männer- und Frauenchor gab es jeweils 60 bis 70 Sängerinnen und Sänger. Der Chor blühte. Zuletzt zählte der Verein nur noch zehn bis elf Sänger, die als gemischter Chor geprobt haben. Auftritte waren nicht mehr möglich. Dann kam Corona. Proben fielen aus. Einige wollten nicht mehr kommen. Dazu kam das Alter der Sänger und Mitglieder. Es gab Austritte. Am 24. Mai dann bei der Mitgliederversammlung hätten sich drei Mitglieder für Vorstandsposten nicht mehr zur Wahl gestellt. Die Arbeit hätte dann Raecke auch noch mit übernehmen müssen. Dazu war er nicht bereit, so der 69-Jährige. Es sei von der Altersentwicklung her abzusehen gewesen, dass nichts mehr funktioniert. Das Ende des Vereins ist beschlossen.
Auch andere Vereine stehen vor Herausforderungen. Nicht nur Corona habe viel zunichtegemacht, ist zu hören. Mehr als die Hälfte der Gesangvereine hat Probleme mit der demografischen Entwicklung.
Cannstatts Bezirksvorsteher Bernd-Marcel Löffler, selbst Sänger, erklärt: „In den letzten paar Jahren haben sich leider einige Gesangvereine aufgelöst: der Seniorenchor, der Volkschor, der Gesangverein Sommerrain, Eintracht Winterhalde und nun der Gesangverein Steinhaldenfeld. Also fünf Gesangvereine in kurzer Zeit.“ Die Entwicklung sei leider vorhersehbar gewesen, im Endeffekt hätten viele Gesangvereine vor 40 Jahren bereits den Anschluss verloren, ohne es zu merken, sagt Löffler. Er sieht das Problem vor allem bei den Sängern: In dem Moment, in dem junge Sänger den Altersanschluss nicht mehr finden und die nächstjüngeren Sänger ihre Väter sein könnten oder inzwischen ihre Großväter, funktioniere der ganz normale Übergang nicht mehr. Junge Sänger kommen nicht mehr, sondern suchen ihr Glück in Projektchören, moderner aufgestellten Ensembles oder freien Formaten.
Das Hauptproblem sieht Löffler in der völlig veränderten Freizeitkultur im Verhältnis zur Blütezeit der Chöre in den 50er, 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Das chorische Singen habe sich aus der Mitte der Gesellschaft in die akademischen Kreise mit anderem Liedgut verlagert. Ein Stück unserer Volkskultur gehe verloren.
Holger Frank Heimsch, der Präsident des Wilhelm-Hauff-Chorverbands (WHCV), des Dachverbands der Stuttgarter Chöre, sieht aktuell die Entwicklung so, dass die Vereine versuchen zu überleben und ihre musikalische Arbeit wieder aufnehmen und Konzerte veranstalten. Bei Vereinen mit einem höheren Altersdurchschnitt gebe es eine Art „natürliche Selektion“, das heißt, dass hier eventuell mit einem früheren oder späteren Ende der musikalischen Arbeit zu rechnen war. Doch Heimsch sieht auch, dass Gesangvereine innovativ und strukturell neue Wege gegangen sind. Viele hätten neue digitale Ausspielwege für ihre Musik gefunden wie etwa Chormäleon, der Chor der DHBW Stuttgart, der in den Jahren 2020 und 2021 die ausgefallenen Konzerte in einen digitalen Adventskalender umgemünzt hat, so dass jeden Tag ein Video veröffentlicht wurde. Oder der Wolfbusch Kinder- und Jugendchor, der zusammen mit dem Solitude-Chor und weiteren Ensembles eine CD produziert, damit die Vokalmusik auf anderem Weg zu den Menschen kommt.
„Ein Rückgang, Ausscheiden oder Auflösen der Vereine ist ein natürlicher Prozess, der erst jetzt etwas deutlicher wird“, so Heimsch. Jedoch gebe es noch viele kleine Ensembles im Raum Stuttgart, die sich privat organisierten und das starke Netzwerk und dessen Vorteile noch nicht kennten. Die großen klassischen Vereine wie der Stuttgarter Liederkranz würden sich immer wieder neu erfinden und mit der Zeit gehen.
Der Kolping-Chor mit seinen 150 Jahren habe jeden Sturm der Vokalszene überstanden und mit traditionellem Repertoire, aber immer wieder neuen Chorkonzerten altes wie neues Publikum finden können. Der WHCV-Projektchor „Sing mit Maybebop“ hat rund 100 Sängerinnen und Sänger unterschiedlichster Richtungen zusammengebracht. Dadurch haben auch einige Chöre wie etwa Chormäleon und das Musikwerk Stuttgart neue Choristen gewinnen können.
Es gebe einen Trend im Bereich „kleiner, aber feiner“. Hier will der Präsident die Ensembles und Vereine für sich gewinnen und in das landes- und bundesweite Netzwerk der Vokalmusik einbringen. Nach den Sommerferien soll als besondere Aktion eine „Woche der Vereine“ stattfinden. Und für 2023 sind die Stuttgarter Chortage geplant.
Chorverband
Der Wilhelm-Hauff-Chorverband Stuttgart e. V. (WHCV) ist der Dachverband der Stuttgarter Chöre und wurde 1920 gegründet. Dem Verband gehören 60 Mitgliedsvereine an mit rund 5000 aktiven und fördernden Mitgliedern. In den Mitgliedsvereinen sind 139 Ensembles (Chöre und Instrumentalgruppen). Die Chorstärke variiert von vier bis rund 150 Personen.
Mitgliederentwicklung
Der WHCV und seine Sängerjugend stellen einen erheblichen Mitgliederschwund fest. 2020 gab es noch 5951 aktive und fördernde Mitglieder, 2021 waren es nur noch 5460. In diesem Jahr zählte der WHCV aktuell 4898 aktive und fördernde Mitglieder.