Die bayerische Landtagspräsidentin Ilse Aigner sagte einmal dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“: „Offenbar ist eine alleinstehende Frau für viele noch immer das Schlimmste, ein vollkommen inakzeptabler Zustand.“ Die Berliner Autorin Katja Kullmann (51) setzt sich in ihrem Buch „Die singuläre Frau“ damit auseinander, warum es in der Gesellschaft immer noch einem Affront gleichkommt, als Frau alleine zu leben.
Frau Kullmann, haben Sie sich bewusst dafür entschieden, Single zu sein?
Bis Mitte 30 war ich durchgängig seriell monogam verbandelt. Aber immer war ich es, die sich getrennt hat, eine Beziehung hat mich nie dauerhaft befriedigt. Irgendwann dachte ich dann, ich mache mal eine Pause. Ich hatte keinen festen Plan, es war auch kein feministisches Programm. Nach und nach stellte ich dann fest, dass mir das Leben ohne Partner eigentlich sehr gut gefällt.
Wie ist es Ihnen am Anfang ergangen?
Ich bin damals in eine neue Stadt gezogen, nach Berlin, und habe ein neues Leben angefangen mit neuen Freunden, neuem Job und neuem Umfeld. Dabei habe ich bemerkt: Wenn man sich nicht auf dieses ganze Beziehungsleben konzentriert und auf dieses „Was macht der andere?“ oder „Warum ruft er nicht an?“, dann hat man viel mehr Energie für andere Sachen. Ich hatte dann ein sehr viel erfüllteres soziales Leben.
Warum haben Sie den Begriff „die singuläre Frau“ erfunden?
Ich habe viel gelesen und festgestellt, dass es Frauen gibt, die ähnlich leben wie ich. Wir sind viele! Manche sind alleinerziehend, manche arbeitslos, aber wir alle wurschteln uns so durch. Da habe ich mich gefragt: Wie nennt man diese Form des Lebens? Alleinstehend? Das klingt nach so einem tragischen Witwenschicksal. Dabei ist die singuläre Frau in der Geschichte seit dem 19. Jahrhundert vorhanden und war immer wieder eines: ein Idol. Aber es sind oft untererzählte, große Geschichten. Wer allein lebt, lebt ja keineswegs ein bedauernswertes Dasein – es wird einem nur oft von außen gespiegelt.
Geht es auch darum, eine allein lebende Frau nicht mehr als Affront zu sehen?
Ja, genau, ich wollte diese Lebensform würdig beleuchten. Nicht abfeiern, nicht überhöhen als „das bessere Modell“, sondern zeigen, das sind ganz okaye Zeitgenossinnen. Es geht mir auch nicht um den alten Schulterpolsterkampf des Feminismus, nein! Ich habe mich eher als Deserteurin aus diesem Pärchen-Spiel gesehen. Ich will mich nicht mein Leben lang rechtfertigen, warum ich so lebe. Deshalb möchte ich die singuläre Frau befreien – aus diesem Zweisamkeitsknast. In jeder Frau steckt eine Frau ohne Begleitung.
Wer dauerhaft Single ist, mit dem stimmt etwas nicht. Die Vorwürfe sind ja endlos. Empfinden Sie das auch so?
Nein, aber ich kenne die Vorwürfe. Meine Geschichte ist eine Beispielgeschichte für ein weibliches Großstadtleben. In ländlichen Regionen und traditionellen Gesellschaften hat es die allein lebende Frau nach wie vor schwerer. Ich bin viel allein gereist, nach Japan, in die Türkei, in vielen ländlichen Gegenden wurde ich irritiert oder sogar blöd angeschaut. Die Erfahrung kenne ich also.
Glauben Sie, dass künftig mehr Frauen allein leben werden?
Es gibt bereits jetzt 18 Millionen allein lebende Menschen in Deutschland, neuneinhalb Millionen davon sind Frauen. Beziehungen haben ja immer noch etwas Sexistisches: Die Mutterschaft wird erwartet, Frauen sollen fürsorglich sein, sie sollen verführen, und sie sollen der Besitz eines Mannes sein. Allein lebende Männer haben in der Geschichte ein anderes Image: Sie sind der Dandy, der Cowboy, das Genie. Männer, die sich enge Bindungen vom Hals halten, haben in der öffentlichen Wahrnehmung eine besondere Mission. Frauen leben oft deshalb nicht gerne alleine, weil es bei ihnen ein so schlechtes Image hat.
Dabei haben allein lebende Frauen in der Geschichte viel erreicht.
Ja, sie waren die Kämpferinnen für das Frauenwahlrecht. Die Arbeiterinnen zwischen den Weltkriegen haben unsere Städte zu dem gemacht, was sie heute sind. All die Lebensweisen, die wir heute als emanzipiert ansehen, wurden von allein lebenden Frauen umgesetzt. Die singulären Frauen waren immer Pionierinnen. Und, das zeigt die Geschichte: Die allein lebende Frau ist eine freie Frau. Die Französin Françoise Giroud bezeichnete sich selbst als „die femme libre“.
Werden wir die monogame Beziehung irgendwann ganz hinter uns lassen?
Es sind sehr traditionelle Gesellschaften, die noch an den Geschlechterrollen und an der Idee der romantischen Liebe stark festhalten. Vor der Französischen Revolution haben sich die Menschen auch schon geliebt und gehasst, aber sie haben in größeren Zusammenhängen gelebt, sie hatten nicht die Idee, dass ein Mensch alle Bedürfnisse erfüllen muss. Ich glaube, dass dieser Gedanke gesellschaftlich an sein Ende kommt. Es wird künftig mehr andere Formen des Zusammenlebens geben wie in Wohngemeinschaften oder Co-Parenting.
Finden Sie das Alleinleben besser?
Es geht mir nicht darum, die eine oder andere Lebensform als die bessere oder die schlechtere darzustellen. Auch in der eigenen Wohnung mit sich selbst kann man Krisen haben, ich stelle mein Lebensmodell aber nicht infrage. Es ist einfach ein Weg, sein Leben zu führen – ein Weg von vielen Wegen. Und ich will aber zeigen, dass Frauen allein gut leben können, dass es keine bedauernswerten Frauen sind und sie alle das Recht haben, allein und frei zu sein.
Katja Kullmann – Expertin für Geschlechterfragen
Buch
Die Essayistin und Journalistin Katja Kullmann (geboren 1970) lebt in Berlin. Sie schreibt über Statusgerangel, Geschlechterfragen und Populärkultur. Bei der „taz“ arbeitet sie seit 2017 als Themenchefin. „Die singuläre Frau“ ist ihr fünftes Buch.