Stuttgart – Meine Freundin Hanna hat sich vor ungefähr einem Jahr einen Label-Maker gekauft. Seitdem wird in ihrer Küche einfach alles mit Etiketten versehen: Mehl, Haferflocken, Zucker – selbst am Kühlschrank steht „Kühlschrank“. Hanna liebt es, wir alle lieben es, Dingen einen Namen zu geben. Wenn Dinge Namen haben, lassen sie sich besser ordnen. Und Ordnung bedeutet Kontrolle – die behalten wir gerne. Leider müssen wir immer wieder schmerzhaft feststellen, dass das Universum absolut darauf scheißt, was wir Ordnung nennen.
Gefühle im Rauch
Es ist ein Montagabend und wir sitzen zusammen in seiner Küche, in der man auch mit geschlossenen Fenstern rauchen darf. Dieses Bild fasst Dating während einer Pandemie ganz gut zusammen: Zwei Menschen, ein Raum und ganz viel Rauch, der sie umgibt. Statt die unordentlichen Gefühle in den Bars dieser Stadt gegen Eiswürfel prallen zu lassen und die Zweifel auf der Tanzfläche auszuschwitzen, während Körper an Körper klebt, sitzt man all das, was so in einem passiert, gemeinsam aus.
Die verzweifelte Suche nach dem passenden Label
„Was ist das jetzt mit uns?“ Freundschaft? Freundschaft plus? Beziehung? Auf dem besten Weg dahin? Schon nach wenigen Wochen mischt sich diese Frage unter den Rauch. Und so sitzen wir jetzt in diesem geschlossenen Raum mit Label-Maker auf dem Tisch. Ungeduldig, unsicher und viel zu früh. Wir wissen ja noch nicht einmal, in welches Glas wir überhaupt passen sollen.
„Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt. Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.“
Es gibt ein bekanntes (Instagram-Caption-taugliches) Zitat von Rilke, welches auf jedem gut bestückten Poetry-Pinterest-Board nicht fehlen darf: „Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt. Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.“ Es ist die Ungeduld, wenn sich der Kontrollzwang meldet. Dann verzweifeln wir bei dem Versuch, ein passendes Label zu finden – für ein Glas, das es noch nicht einmal gibt. Nur, um es fertig ins Regal stellen zu können, damit alles endlich wieder seine Ordnung hat.
Und während wir ergründen, was wir sind, vergessen wir, dass es doch eigentlich darum geht, herauszufinden, was wir alles sein könnten. Und nein, damit möchte ich nicht das Mingle-Dasein glorifizieren. Überhaupt ist das ein furchtbarer Begriff.
Ernste Absichten
Hier geht es um ernste Absichten. Und wenn beide damit einverstanden sind, reicht es doch für den Moment, eben genau das zu sein: Zwei Menschen, die sich ernsthaft kennenlernen wollen. Ohne Glas, ohne Label und bitte nicht im Regal. Ich steh' auf, öffne das Fenster und schau' dem Rauch dabei zu, wie er in die kalte Februarnacht entschwindet.