Single-Kolumne No Big Bang Theory: Wo bleibt der große Knall?

Wer auf den großen Knall wartet, kann die Mauern nicht leise reißen hören. Foto: Lili Oberdörfer

In ihrer Single-Kolumne schreibt unsere Autorin über ein erstes Date, das Warten auf den „großen Knall“ und warum man manchmal vor lauter Erwartungen und Zweifel sowieso nichts hören kann.

Stuttgart - Manchmal, also wirklich sehr selten, da passiert es – das Unmögliche wird möglich: Mensch lernt Mensch auf einer Dating-Plattform kennen und beide finden einander gut. Richtig gut. Sogar so gut, dass sich jedes Aber wie eine schlechte Aluhut-Lüge anfühlt. Wir schreiben viel, obwohl wir beide chatten hassen und das Wort „chatten“ generell sehr lustig finden. Wir lachen miteinander hinter Bildschirmen, kennen die Songs, die der andere liebt, schlafen abends ein und wachen morgens auf – in Gedanken beieinander.

 

Reality-Check

All das trifft heute auf die Realität: denn unser erstes Date steht bevor. Das erste Aufeinandertreffen viel zu hoher Erwartungen, viel zu tiefer Zweifel – an das Gegenüber, das Universum, an uns selbst.

Es klingelt. Ich und mein fünftes Glas Sekt schleppen uns mit wackeligen Beinen in Richtung Tür. Ob ich heute schon die Treppenstufen gezählt und die Zeit dabei gestoppt habe, um herauszufinden, wie lange man im Schritttempo von der Haustür zu meiner Wohnung braucht? Neeeee, haha, ich bin ja nicht verrückt – *hust*.

Kein großer Knall, nur zwei Menschen

Dann ist er gekommen: unser Moment, im Türrahmen. Er die Zündschnur, ich halte das Feuerzeug. Wir warten auf den großen Knall und es passiert: nichts. Kein Katy-Perry-Firework-Moment. Kein Applaus. Nur zwei Menschen.

Zwei Menschen, die einen großartigen Abend haben: Rotwein trinken, sechs Stunden reden, den anderen beeindrucken wollen, gegen Mauern stoßen, sich langsam an die Realität herantasten (obwohl wir in Gedanken doch schon viel weiter waren).

Am Ende wird daraus eine ganze Nacht und ein nächster Tag. Eigentlich alles perfekt. Ja, eigentlich. Warum haben wir ihn nicht gehört? Den großen Knall, nachdem sicher ist: WIR SIND ES. Warum ist die scheiß Rakete verdammt nochmal nicht hochgegangen?

Leise höre ich meine Mauer bröckeln

„Irgendwie dachte ich, dass wir aneinander explodieren“, sagt er mir bei unserem zweiten Treffen. „Es war anders, als ich es erwartet habe. Ich dachte am Ende sogar, du willst mich nicht wiedersehen“, lacht er nervös. „Aber das will ich doch“, antworte ich bestimmt. Wir schauen uns an und jetzt höre ich es: da irgendwo in der Ferne, ein dumpfer Knall. Und langsam, ganz langsam, bröckelt sie, meine Mauer. Und weil es gerade so leise ist, kann ich auch seine Fassade allmählich reißen hören.

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