Sinti und Roma in Sindelfingen Nazis löschten Sindelfinger Familie aus

Von Artur Lebedew 

Vor 75 Jahren befreiten die Sowjets KZ-Häftlinge in Auschwitz. Unter den Gefangenen damals: Sechs Überlebende der 26 deportierten Sinti und Roma aus Sindelfingen. Am Montag wird bei einer Kranzniederlegung auch ihrer gedacht.

In Auschwitz sind im so genannten Zigeunerlager Tausende Sinti und Roma ermorden worden, auch Sindelfinger. Foto: dpa
In Auschwitz sind im so genannten Zigeunerlager Tausende Sinti und Roma ermorden worden, auch Sindelfinger. Foto: dpa

Sindelfingen - Der Völkermord an Sinti und Roma ist aus dem gleichen Motiv des Rassenwahns, mit dem gleichen Vorsatz, mit dem gleichen Willen zur planmäßigen und endgültigen Vernichtung durchgeführt worden wie der an den Juden“, sagte im Jahr 1997 der damalige Bundespräsident Roman Herzog. Am kommenden Montag jährt sich zum 75. Mal der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. In Sindelfingen wird Oberbürgermeister Bernd Vöhringer am Rathaus einen Kranz niederlegen.

Seit 1996 hängt dort eine Tafel mit den 27 Namen der ehemaligen Bürger der Stadt, die von den Nazis in Konzentrationslagern ermordet wurden. Zwei Kommunisten sind unter den Opfern, zwei Zeugen Jehovas, ein Jude. 16 Mal ist der Name Reinhardt zu lesen, eine ganze Familie. Sie starben, weil sie Angehörige der Sinti und Roma waren, „Zigeunerische Personen“, wie die Nazis sagten. 26 Familienmitglieder der Reinhardts wurden aus Sindelfingen deportiert. Mindestens 17 starben. Wer waren diese Menschen?

„Viel wissen wir über die Sinti und Roma nicht“

Der Sindelfinger Stadtarchivar Horst Zecha holt einen dicken Leitz-Ordner aus der Vitrine und knallt ihn in seinem Büro auf den Tisch. „Die Nazis dokumentierten sehr ordentlich, aber viel wissen wir über Sinti und Roma trotzdem nicht“, sagt er. Im Herbst 1930 siedelten sich die ersten Familienmitglieder der Reinhardts in Sindelfingen an, einer damals kleinen Stadt mit 8000 Einwohnern, wie Zecha herausgefunden hat. Außerhalb der Stadt, im Gewann Stelle/Roter Berg, hatten sie ein Grundstück gekauft, dort kleinere Wohn- und Eisenbahnwagen aufgestellt, später ein kleines Häuschen gebaut.

Ihr Auskommen verdienten viele als fahrende Händler, sie zogen in Pferdekutschen von Ort zu Ort und verkauften Töpfe und Haushaltswaren. Manche arbeiteten auch in den Fabriken von Bosch und Daimler-Benz, die Kinder gingen zur Schule. „Viele waren arm“, sagt Zecha, nicht wenige bettelten auf der Straße, waren in der Gesellschaft unverstanden und verhasst. Zwei Bürgermeister in Sindelfingen wollten sie wegen Bagatellen wie Ruhestörung und Bettelei loswerden, wie Zecha erzählt.

Ein Tübinger Nervenarzt systematisierte Sinti als „fremdrassig“

In den Akten der Stadt vermerkt sind Polizeimeldungen, die das belegen, auch sind Listen jener Sinti und Roma darunter, die sich damals in Sindelfingen aufhielten. Der SS-Chef Heinrich Himmler hatte die Städte im Winter 1938 verpflichtet, diese anzulegen. Der Himmler-Erlass zur „Bekämpfung der Zigeunerplage“ wurde später die bürokratische Grundlage für die „endgültige Lösung der Zigeunerfrage“, wie es darin heißt. Die von den Nazis als „wissenschaftlich“ bezeichnete Begründung dafür lieferte der Tübinger Nervenarzt Robert Ritter.

1936 begann er mit pseudowissenschaftlichen Methoden, Angehörige der Sinti und Roma als „fremdrassig“ und für Deutsche als gefährlich zu systematisieren, so wie Juden oder Dunkelhäutige auch. Dokumente aus dem Stadtarchiv und dem Bundesarchiv in Koblenz belegen, dass Ritter und seine Mitarbeiter mindestens zwei Mal auch die Sindelfinger Sinti untersuchte.

Etwa eine halbe Million Tote

Franz Anton und Johann Reinhardt waren die ersten, die von der Polizei verhaftet und ins Konzentrationslager verschleppt wurden, nach Dachau. Am 15. und 16. März 1943 kam es in Württemberg dann zu massenhaften Deportationen. „Wir hatten gerade Pause in der Gartenstraßenschule, als wir gesehen haben, wie die armen Leute von Polizisten durch die Böblinger Straße abgeführt wurden“, erzählte ein Zeitzeuge Horst Zecha von den Sinti-Verhaftungen in Sindelfingen. Die 26 Familienmitglieder, das jüngste war gerade einmal drei Jahre alt, kamen zunächst zum Stuttgarter Nordbahnhof. Dort wurden insgesamt 234 Sinti in einen Güterzug gepfercht und in den Osten in die „Zigeunerlager“ nach Auschwitz gekarrt, andere nach Buchenwald, Dachau oder Mauthausen.

Dass aus einer damals so „unbedeutenden Kleinstadt“ wie Sindelfingen so viele Menschen deportiert worden seien, zeige die Dimension der NS-Verbrechen, sagt Zecha. Proteste gegen die Deportationen sind keine bekannt. Den meisten Sindelfingern war es wohl egal, was mit ihren Mitbürgern passiert.

Etwa eine halbe Million Sinti und Roma sind in den KZ umgekommen, schätzen Historiker. Nur etwa zehn Prozent der Menschen überlebten, in Sindelfingen waren es sechs Personen. Trotzdem blieb das Leid jahrzehntelang vergessen.

Die Gemeinde Magstadt errichtete auf dem Marktplatz im Jahr 1993 ein Mahnmal, das an den Völkermord an Sinti und Roma erinnert. Es war die erste Gemeinde in Deutschland, die gegen diesen Genozid ein Zeichen setzte. Diskussionen darüber, ob es dieses Denkmal geben sollte, halten sich bis heute.