Sirenennetz im Kreis Böblingen Mehrheit der Kommunen setzt auf Sprachdurchsagen

Hatten ausgedient, werden nun wieder wichtig: Sirenen Foto: images/Sylvio Dittrich

Neue Sirenen: Von den 26 Kreiskommunen haben sich 22 bereits für ein Warnsystem entschieden. Der Landrat sieht darin einen ein großen Schritt für die Sicherheit im Kreis – auch wenn es einen Alleingang gibt.

Nach dem Ende des Kalten Krieges gab der Bund aufgrund der geänderten Sicherheitslage sein rund 80 000 Anlagen zählendes Sirenennetz auf. Teilweise übernahmen diese die Kommunen. Mit der Flutkatastrophe im Ahrtal im Sommer 2021 hat ein Umdenken eingesetzt: Sirenen haben im Mix der verschiedenen Möglichkeiten zur Bevölkerungswarnung als zusätzlichem Baustein wieder an Bedeutung gewonnen. Gemeinsam mit Cell Broadcast, Warn-Apps wie NINA und Katwarn sowie Informationen via Radio und Fernsehen sollen auf unterschiedlichen Wegen möglichst viele Menschen im Gefahrenfall erreicht und zeitgleich Redundanzen geschaffen werden.

 

Im Landkreis Böblingen haben im Jahr 2022 alle Städte und Gemeinden ihre Bereitschaft erklärt, sich an einem kreisweiten Sirenennetz zu beteiligen. Die Aufgabenverteilung dabei: Der Landkreis erbringt die Planungsleistungen und übernimmt die Beschaffung der Sirenen zentral, die Städte und Gemeinden tragen letztendlich die Kosten für ihre jeweiligen Anlagen.

Bis Ende Juni läuft die Frist

Weil inzwischen zwei grundsätzlich unterschiedliche Sirenen-Systeme auf dem Markt verfügbar sind – entweder erfolgt die Warnung lediglich mit Signalton oder es sind zusätzlich auch Sprachdurchsagen möglich – war eine zweite Abstimmungsrunde in den kommunalen Gremien nötig.

Bis Ende Juni können die Städte und Gemeinden ihre Entscheidung noch mitteilen. Da es mit den morgigen Kommunalwahlen auch eine Zäsur bei den Gemeinderäten gibt, haben die meisten der 26 Kreiskommunen ihre Wahl bereits getroffen. Lediglich von vier steht die Rückmeldung noch aus, wie das Landratsamt mitteilt. Der Zwischenstand: 13 Kommunen haben sich für die Sprach-Variante entschieden, acht dagegen.

Roland Bernhard äußert sich erfreut, dass nahezu alle bei dem Projekt mitmachen. „Wir werden der erste Landkreis Deutschlands sein, der ein Sirenennetz hat, welches überwiegend direkte Warndurchsagen ausgeben kann“, so der Landrat. „Das ist ein großer Schritt für die Sicherheit in unserem innovativen Landkreis. Und – wie das vergangene Wochenende gezeigt hat – Anlässe können sich schnell ergeben. Der Katastrophen- beziehungsweise Bevölkerungsschutz gewinnt zunehmend an Bedeutung und bildet einen Schwerpunkt der kommunalen Daseinsvorsorge.“

Eine Kommune schert aus

Bisher hat sich lediglich Deckenpfronn für einen Alleingang entschieden. Anstatt Teil des kreisweiten Netzes zu bleiben, soll dort geprüft werden, ob die eigene alte Zivilschutzsirene wieder ertüchtigt werden kann. „Diese Entscheidung des Gemeinderats bedauern wir, weil wir von der Notwendigkeit eines modernen Sirenennetzes überzeugt sind. So kann diese veraltete Technik etwa aufgrund ihres hohen Strombedarfs nicht sinnvoll akkugepuffert werden“, sagte Simone Hotz, Sprecherin des Landratsamts.

Die Entscheidung war in etlichen Ratssitzungen Gegenstand intensiver Debatten. Für die zusätzliche Sprachoption sprachen dabei unterschiedliche Argumente: Ein Vorteil besteht darin, dass mit der Alarmierung auch direkt Handlungsanweisungen gegeben werden. Dadurch muss sich die Einwohnerschaft nicht zusätzlich via Radio oder Internet informieren – insbesondere bei Stromausfall ein Plus. Zudem könnten mit vorab professionell eingesprochenen Durchsagen auch gezielte Informationen in einzelnen Orts- oder Stadtbereichen von der integrierten Leitstelle eingespielt werden, zum Beispiel bei Trinkwasservereinigungen. Damit wären auch Polizei und Feuerwehren entlastet, die sonst mit Lautsprecherdurchsagen aus ihren Fahrzeugen warnen müssten.

Die Preisunterschiede sind beträchtlich

Gewichtiges Argument gegen die zusätzliche Sprachwarnung: die Kosten. Da die Reichweite der Sprachdurchsage begrenzt ist, wird ein geringerer Abstand zwischen den einzelnen Sirenenstandorten und damit eine höhere Anzahl nötig. Die daraus resultierenden Mehrkosten weichen teilweise erheblich von der reinen Tonalarmierung ab.

In Altdorf ist diese Abweichung am größten. Dort liegt die Differenz zwischen den Bruttokosten mit knapp 76 000 Euro zu fast 188 000 Euro unterm Strich bei 59,6 Prozent. Auch Jettingen und Nufringen, die bei denen der Unterschied laut Kostenschätzung auch mehr aus 50 Prozent beträgt, haben sich für die günstigere Variante entschieden.

Stimmungswandel in Herrenberg

Eng war die Entscheidung in Herrenberg. Bei der Kostenschätzung „mit Sprachdurchsage“ liegt die Summe bei gut 810 000 Euro. Nur in Leonberg, wo die Rückmeldung noch fehlt, fällt diese Option mit rund 917 000 Euro noch höher aus. Dem standen in der Gäustadt für die „Ohne-Variante“ Kosten von knapp einer halben Million Euro gegenüber – eine Differenz von knapp 39 Prozent. Dennoch hatte die Verwaltung nach intern kontroverser Diskussion die kostspieligere Option aufgrund des Mehrwerts empfohlen, wie Finanzbürgermeister Stefan Metzing im Finanzausschuss in der zweiten Maiwoche berichtete.

Das Stimmungsbild in dieser Vorberatung entsprach dieser Empfehlung. Eine Woche später schlug das Pendel im Gemeinderat dann doch in die andere Richtung aus – denkbar knapp: 13 Ratsmitglieder votierten für die günstigere Lösung, zwölf sprachen sich für die teurere Variante aus.

Wer macht was

Sirenen mit Sprachdurchsage
 kommen zum Einsatz in Böblingen, Bondorf, Ehningen, Gärtringen, Hildrizhausen, Holzgerlingen, Magstadt, Renningen, Rutesheim, Schönaich, Steinenbronn, Weil im Schönbuch und Weissach.

Sirenen ohne Sprachdurchsage
 werden in Aidlingen, Altdorf, Gäufelden, Herrenberg, Jettingen, Mötzingen, Nufringen und Weil der Stadt installiert. 

Trennung
 Ausgeschieden aus dem kreisweiten Sirenennetz ist Deckenpfronn. 

Warten
 Ausstehend sind noch die Rückmeldungen aus Grafenau, Leonberg, Sindelfingen und Waldenbuch. 

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