Skandal bei Brüdergemeinde Korntal Missbrauchsopfer wollen mehr Geld

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Die ehemaligen Heimkinder der Brüdergemeinde nehmen die Debatte bei den Katholiken zum Anlass für neue finanzielle Forderungen. Das aber ist nicht alles.

Die Brüdergemeinde hat bisher bis zu 20 000 Euro je misshandeltes Heimkind bezahlt. Nun  wird der Ruf nach deutlich  höheren Summen laut. Foto: factum/ /Simon Granville
Die Brüdergemeinde hat bisher bis zu 20 000 Euro je misshandeltes Heimkind bezahlt. Nun wird der Ruf nach deutlich höheren Summen laut. Foto: factum/ /Simon Granville

Korntal-Münchingen - Angelika Bandle und Detlev Zander haben nach einer langen Zeit des Streits nichts mehr miteinander zu tun. Unabhängig davon sind sich die beiden Opfer eines Missbrauchs bei der evangelischen Brüdergemeinde Korntal aber in der Sache einig: Die Brüdergemeinde muss den ehemaligen Heimkindern mehr bezahlen. Die Opfer physischer und psychischer Gewalt in den Einrichtungen der kirchlichen Gemeinde hätten zu wenig in Anerkennung ihres Leids erhalten.

Beide orientieren sich für ihre Einschätzung an der Diskussion in der katholischen Kirche. Dort stehen Beträge von bis zu 300 000 Euro im Raum. Entschieden ist bei den Katholiken noch nichts, doch dass die Evangelische Kirche Deutschland (EKD) dieser Tage erklärte, sie wolle den Plänen der Katholiken zur Entschädigung von Missbrauchsopfern nicht folgen, ärgert beide massiv. „Das ist ein Schlag ins Gesicht der Betroffenen“, sagt Zander. „Die EKD versucht sich immer noch zu schützen vor Schadensersatzansprüchen“, beobachtet Angelika Bandle. Dabei handle es sich um reiche Kirchen. Der Hinweis, das nicht leisten zu können, sei ein „Jammern auf ganz hohem Niveau“, urteilt sie mit Blick auf Korntal.

Weitere Opfer haben sich gemeldet

Tatsächlich äußert sich der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde skeptisch zu den diskutierten Summen. „Das kann keine Institution leisten“, sagt Klaus Andersen. „Wenn diakonische Einrichtungen mit hohen Forderungen von sechsstelligen Summen konfrontiert sind, haben alle ein Überlebensproblem.“ Das könne nicht die Lösung sein. „Das soll nicht von uns wegweisen, wir haben unseren Teil der Verantwortung übernommen“, fügt er an. Aber der Kontext der Diskussion sei doch viel größer: „Die Gesellschaft muss das Thema auf die Agenda setzen“ – zumal es „Verantwortlichkeiten von mehrere Ebenen gibt“. Auch sieht er die Gefahr, dass bei hohen Summen der ethische Aspekt der Debatte verloren ginge. „Es darf nicht zum Freikaufen kommen.“

Die Heimkinder, die zwischen 1950 und 1980 in den Kinderheimen von einem Heimleiter, verschiedenen Erzieherinnen und einem Hausmeister gequält wurden, erhalten bis zu 20 000 Euro. Die Aufklärer gehen in ihrem 2018 vorgelegten Bericht von Hunderten Fällen körperlicher Gewalt und Erniedrigung sowie sexuellem Missbrauch bis hin zu Vergewaltigung aus.

Seitdem die Aufklärer ihren Bericht vorgelegt haben, haben sich laut Andersen 30 weitere Betroffene gemeldet. Wesentlich neue Aspekte hätten sich nicht ergeben. Der Bericht enthalte bereits sehr viele Facetten, folgert er daraus. Er sei deshalb „eine sehr gute Basis“ für die anstehende Debatte über Erinnerungskultur.

Betroffene wollen den Druck erhöhen

Das sehen Angelika Bandle und Detlev Zander völlig anders. Anders als es die Brüdergemeinde in ihrer jüngsten Mitteilung darstelle, sei das Missbrauchsgeschehen zwischen den 50er und 80er Jahren keineswegs „systematisch aufgearbeitet“. Vielmehr enthalte der Bericht „nur das, was schon in der Öffentlichkeit war und nicht mehr totgeschwiegen werden konnte“. Sie und ihre Mitstreiter haben sich vorgenommen, an dem Thema dranzubleiben und deutlicher ihre Anliegen zu formulieren. Das, so Bandle, habe sie vor wenigen Wochen in einer Podiumsdiskussion gelernt. Die Betroffenen hatten in Stuttgart eine Diskussion über Bildungs-. und Lebenschancen ehemaliger Heimkinder in Deutschland organisiert. Unter dem Titel „Mit Medikamenten missbraucht und das Selbstbewusstsein geraubt“ diskutierten neben Ärzten und Therapeuten auch Klaus Andersen von der Brüdergemeinde und Matthias Katsch. Katsch hatte die Aufdeckung des Missbrauch-Skandals am Canisius-Kolleg in Berlin initiiert. Bandles Fazit: „Wir müssen lauter sein.“

Das wollen sie im Land, aber auch in Korntal. Ausgezeichnete Persönlichkeiten könnten nicht weiter ihre Ehrungen behalten, wenn sie im Aufklärungsbericht als Täter identifiziert worden seien, fordern sie. Ein verliehenes Bundesverdienstkreuz beispielsweise müsse dann eben posthum aberkannt werden.