Wie ein schlechter Witz, wie bittere Ironie klingt dieser Satz nun in diesen Tagen, in denen das Gesicht des Fußball-Bundesligisten, der allmächtige Aufsichtsratschef Clemens Tönnies, dem eigenen Leitbild die Rote Karte gezeigt hat. Der Chef der Königsblauen, er wurde, wenn man so will, zum Königsbraunen. Seine Sätze hallen noch immer nach. Tönnies, das zur Erinnerung, sagte auf einer Wirtschaftstagung in Paderborn, man solle im Kampf gegen den Klimawandel lieber jährlich zwanzig Kraftwerke in Afrika finanzieren, anstatt die Steuern zu erhöhen: „Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren.“
Das ist Rassismus pur, und entsprechend groß war das Echo. Tönnies wurde heftig kritisiert, von Politikern, von namhaften Ex-Profis und den Medien – zu Recht. Dass aber der für Konsequenzen verantwortliche Schalker Ehrenrat beim mächtigen Clubchef nun bedingungslose Milde walten ließ und in seiner Beurteilung tatsächlich davon sprach, dass der Vorwurf des Rassismus beim Fleischfabrikanten unbegründet sei, das ist extrem schwer verdauliche Kost – einerseits.
Die DFB-Elf – lange ein Musterbeispiel für Integration
Im allgemeinen Kontext passt die peinliche Nicht-Haltung des Schalker Ehrenrats irgendwie ins Bild, das der deutsche Fußball derzeit abgibt. Der ganze Kosmos, von der Kreisliga bis nach ganz oben, ist ja wie die gesamte Gesellschaft ein multiethnisches Milieu – ein Milieu, das schon immer schon einen gewissen Nährboden bot für rechte Hohlköpfe, auf und neben den Rängen. Nun, im Sommer 2019, lässt sich aber eines sicher sagen: Der Fußball hierzulande war schon mal weiter vielfältiger und bunter. Und weniger braun angehaucht.
Klar, schon in den Achtzigern wurden schwarze Spieler mit Affenlauten beleidigt und mit Bananen beworfen, als aber Anfang der Neunziger Flüchtlingsheime gebrannt hatten, da reagierten Fans, Vereine und Verbände mit Veränderungswillen. Mannschaften liefen mit der Trikotbotschaft „Mein Freund ist Ausländer“ auf, beim DFB entstanden Ideen für Integrationsprojekte, in vielen Fankurven fand eine Selbstreinigung statt. Später galt die Nationalelf unter Joachim Löw lange weltweit als Musterbeispiel für gelungene Integration. Das war eine Erfolgsgeschichte, denn lange war rechtes Gedankengut in deutschen Stadien verpönt.
Der Wind hat sich wieder gedreht.
Vielfalt? Toleranz? Vorbildfunktion? Iwo! Clemens Tönnies, der Vorsteher eines der größten deutschen Clubs (150 000 Mitglieder), ist nur ein aktuelles Negativbeispiel. Norbert Dickel und Patrick Owomoyela redeten sich kürzlich im TV-Portal von Borussia Dortmund während eines Freundschaftsspiels um Kopf und Kragen. Dickel, der Stadionsprecher, wollte lustig sein und bezeichnete Profis von Udinese Calcio als „Itaker“, Owomeyela, der Ex-Profi, imitierte später Hitler. Dumm, dämlich, unterstes Stammtischniveau (auch wenn sich zumindest Owomoyela hinterher aufrichtig und glaubwürdig entschuldigte) – aber gleichzeitig auch, mehr oder weniger direkt: Spiegel einer Gesellschaft und Spiegel der politischen Verhältnisse im Land, in dem die Hemmschwelle für plumpe Altherrenwitze auf Kosten gesellschaftlicher Minderheiten zuletzt wieder gesunken ist. Um es vornehm auszudrücken.
Kleine Hetzer, große Bühne
Der Fußball bot kleinen Hetzern schon immer eine große Bühne – aktuell aber wieder in einer verschärfteren Form. Beim Länderspiel gegen Serbien in Wolfsburg im März etwa gab es auf der Haupttribüne Affenlaute und „Bimbo“-Beschimpfungen in Richtung des Nationalspielers Leroy Sané – und noch immer hallt rund um den Kosmos der DFB-Elf die berühmte Causa Mesut Özil nach. Als sich der deutschtürkische Nationalspieler vor der WM 2018 mit dem Präsidenten und Despoten Recep Tayyip Erdogan ablichten ließ, gab es zu Recht einen Aufschrei der Empörung. Aber eben auch: Rassisten und rechte Hohlköpfe, die dankend auf diesen Zug aufgesprungen sind und genüsslich ihre Frage stellten, wie deutsch die Nationalelf denn noch ist (und in ihren Augen schnell wieder sein sollte).
Der Fußball bot schon immer eine Plattform für, sagen wir es wohlwollend, einfach gestricktere Menschen. Fremdenhass, Homophobie, frauenfeindliche Haltungen (gerne auch, was die weiblichen Nationalteams angeht): Solche Tendenzen waren in gewissen Zuschauerkreisen schon immer verbreitet. Der Prolet mit dem biederen Altherrenwitz hat nun noch immer seinen Platz im Stadion.
Es braucht Mut
Die Frage ist: Wie kann der Fußball – nicht nur im Falle von plumpen Parolendreschern – auf all die Herausforderungen dieser Zeit angemessen reagieren? Der Lieblingssport der Deutschen ist längst in die Mitte gerückt. Was rund um den Fußball gesagt und getan wird, kann für eine Gesellschaft elementar sein. Die Bekämpfung jeder Form der Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung ist deshalb eine der Aufgaben, denen sich Profis und Amateure wachsamer und konsequenter als bislang stellen müssen. Dafür braucht es, wie vielleicht zu Beginn der Neunziger, wieder mehr Mut und Innovationsfreude. Und Proficlubs, die sich – anders als jetzt der FC Schalke – von ihren Chefs lossagen, wenn die diskriminieren anstatt zu einen.