Lobbyarbeit von Daimler, VW und Co. Die dubiosen Abgasversuche an Menschen und Affen

Auch die neue Netflix-Dokumentation „Dirty Money“ zeigt in ihrer Auftaktepisode die Experimente mit den Makaken in New Mexico. Screenshot: StZ Foto: Netflix

Jahrelang ließen Autokonzerne ihre Lobbyarbeit von Wissenschaftlern flankieren. Nun wird bekannt, welche dubiosen Experimente der von ihnen finanzierte Verein namens EUGT förderte. Daimler geht voll auf Distanz, Volkswagen teilweise.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Stuttgart - Die Affen durften zur Ablenkung Zeichentrickfilme anschauen, während sie im Dienste der deutschen Autoindustrie Abgase inhalierten. Zehn Makaken waren es, die in einem Labor im US-Bundesstaat New Mexiko die Überlegenheit des modernen Diesel-Motors bezeugen sollten. Erst wurden ihre luftdichten Kammern mehrere Stunden lang an den Auspuff eines alten, schmutzigen Ford (Baujahr 1999) angeschlossen, dann kam ein moderner, angeblich sauberer VW Beetle (Baujahr 2012) auf den Prüfstand. Anders als bei allen bisherigen Studien, hieß es, solle der Unterschied erstmals „in einer umwelttypischen Situation mit direkten Dieselabgasen aus den Fahrzeugmotoren“ demonstriert werden. Dank der modernen Technik, so die Erwartung, seien „keine relevanten gesundheitlichen Wirkungen nachweisbar“.

 

Gefördert wurde das bizarre Experiment 2014 im Lovelace Respiratory Research Institute in Albuquerque von einem Verbund deutscher Konzerne: der Europäischen Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportwesen, kurz EUGT.

Daimler, Bosch, VW und BMW hatten den Verein gegründet

Die Stuttgarter Unternehmen Daimler und Bosch sowie Volkswagen und BMW hatten den Verein 2007 gegründet, offiziell mit dem Ziel, die Forschung zu den Folgen des Verkehrs voranzubringen; dazu wurden Projekte finanziert, Fachartikel publiziert oder Kongresse abgehalten. Faktisch ging es zumindest auch darum, mit Hilfe von Wissenschaftlern die Vorbehalte gegen den Diesel abzubauen. Vor allem in den USA galt dieser als Stinker.

Für die Seriosität der EUGT sollte ein Forschungsbeirat bürgen, an dessen Spitze man einen als ausgesprochen industriefreundlich geltenden Experten holte: den Münchner Toxikologen Helmut Greim, heute 82. Ob es um Autoabgase ging, ums Pflanzenschutzmittel Glyphosat oder um Holzschutzmittel: immer wieder kam der Professor zu dem Ergebnis, die gesundheitlichen Risiken seien, wenn überhaupt vorhanden, weitaus geringer als befürchtet. Für Umwelt- und Gesundheitsschützer war er daher schon lange ein rotes Tuch. Greim sah sich umgekehrt regelmäßig von Medien „diffamiert“, weil seine Ergebnisse nicht dazu taugten, „vermeintlich skandalöse Zustände“ anzuprangern.

Auch in das Affenexperiment, das schon 2015 in einem EUGT-Bericht skizziert wurde, war der Beiratschef eingebunden. Die Studie sei nicht veröffentlicht worden, „weil das amerikanische Labor ohne unser Wissen den Versuchsablauf verändert hatte“, schrieb er unserer Zeitung; deshalb sei „kein verlässliches Ergebnis herausgekommen“. Ob der Motor des VW Beetle durch eine illegale Abschalteinrichtung manipuliert war, wisse er nicht, warum sich der Forschungsleiter getäuscht fühle, sei für ihn „nicht nachvollziehbar“. Beides war nach einem Bericht der „New York Times“ der Fall.

Ein „NYT“-Leser schreibt, die Deutschen könnten es nicht lassen mit dem Vergasen

Er fühle sich „wie ein Trottel“, zitierte die Zeitung den Wissenschaftler. Dabei stützt sie sich auf Untersuchungen, die im Zusammenhang mit einem Zivilprozess gegen VW in den USA vorgenommen wurden; dokumentiert sind auch Mails des Forschers und seine Befragung durch Anwälte. Seither schlagen die Wogen der Empörung immer höher, dies- und jenseits des Atlantiks. Wie verkommen sei das denn?, fragten „NYT“-Leser im Kommentarforum; die Deutschen könnten es einfach nicht lassen mit dem Vergasen; nie wieder werde man ein Auto von Daimler, VW oder BMW kaufen.

In Deutschland zeigten sich Verbände fassungslos ob der Enthüllung. Seit Jahren rüge man „die Manipulation politischer Entscheidungen durch bezahlte Auftragsforschung“ der Konzerne, hieß es bei der Deutschen Umwelthilfe; nun werde diese endlich in den USA aufgearbeitet. Auch bei Lobbycontrol fühlt man sich stark an die Methoden der Tabakindustrie erinnert, Gesundheitsgefahren mit Hilfe von Wissenschaftlern „kleinzureden und damit schärfere Regulierung abzuwenden“; das „Diesel-Sauberwaschen“ erscheine durch das Affenexperiment in einem neuen Licht. Die Autokonzerne reagierten betroffen und überboten sich mit immer neuen Distanzierungen. Daimler nannte die Tierversuche „überflüssig und abstoßend“, man wolle aufklären, wie es zu der Studie kommen konnte. VW entschuldigte sich nach anfänglichem Zögern für das „Fehlverhalten Einzelner“. Auf Abstand ging auch BMW. Bosch war aus dem Schneider: Man habe die „Aktivitäten zur EUGT“ bereits 2013 beendet, hatte ein Sprecher unserer Zeitung schon vor zehn Tagen mitgeteilt; Gründe dafür wollte er nicht nennen. Dabei gab es einst eine enge personelle Verbindung. Vorsitzender des Vereins war ein früherer Konzern-Vertreter: Gunter Zimmermeyer, erst Geschäftsführer beim Verband der Automobilindustrie, dann Bosch-Lobbyist in Berlin und Brüssel.

Die Internetseite war plötzlich komplett gelöscht

Gegenstand der StZ-Recherche waren die Gründe, aus denen sich die EUGT Mitte 2017 aufgelöst hatte. Komplett gelöscht war die Internetseite, nur auf der Homepage der beauftragten PR-Agentur namens Kaiserwetter (Motto: „Wir machen gutes Wetter für unsere Kunden“) fand sich noch eine Liste von Projekten. In den Tiefen des Netzes freilich blieb manches erhalten – auch der Bericht zu dem Affenexperiment. VW nannte erst organisatorische, dann personelle Gründe für das Aus. Mit dem Dieselskandal habe es nichts zu tun, auch nicht mit dem Kartellverdacht gegen den gleichen Unternehmenskreis. Daimler gab an, die Finanzierung habe „nicht mehr sichergestellt“ werden können; daher befinde sich die EUGT derzeit „in Liquidation“. Der Beiratschef Greim sagt, VW habe wegen des Dieselskandals die Mitgliedschaft gekündigt, aus Kostengründen. Er selbst hätte gerne weiter gemacht.

Was auch immer den Ausschlag gab, die Mission des Vereins hatte sich mit dem Dieselskandal erledigt. Im Rückblick erscheint manche Aktivität umso fragwürdiger – nicht nur das Affenexperiment, das zunächst angeblich sogar mit Menschen geplant war, wovon man wegen rechtlicher Bedenken wieder abkam. Tatsächlich förderte die EUGT auch einen Inhalationsversuch mit Menschen. Es ging um Stickstoffdioxid, laut Umweltbundesamt ein „ätzendes Reizgas“, das den Atemtrakt schädige, Entzündungen auslöse und die Wirkungen anderer Luftschadstoffe verstärke. Als Hauptquelle gilt der Straßenverkehr. Bisher gebe es kein klares Bild, wie NO2 beim Menschen wirke, bedauerte die EUGT.

Ändern sollte das Thomas Kraus, Professor für Arbeits- und Umweltmedizin am Uniklinikum Aachen. Er engagierte laut EUGT-Report 25 junge, gesunde Testpersonen und setzte sie im Wochenabstand jeweils für drei Stunden unterschiedlichen NO2-Konzentrationen aus: vom natürlichen Wert bis zum Dreifachen des Arbeitsplatzgrenzwertes, der deutlich über den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation liegt. Erst mussten die Probanden in einem 40 Quadratmeter großen Raum auf einem Fahrrad-Ergometer strampeln, dann durften sie sich an einen Tisch in der Mitte setzen. Das 2016 publizierte Ergebnis: es hätten „keine Reaktionen auf das inhalierte NO2 nachgewiesen werden“ können. Auch Entzündungen an den Atemwegen habe man nicht festgestellt, meldete die EUGT – trotz „modernster Untersuchungsmethoden“.

Daimler verurteilt die Studien

Menschen gezielt Reizgas einatmen zu lassen – das schien wohl auch Kraus heikel. Er habe zuvor ein Votum der Ethikkommission der Fakultät eingeholt, berichtete er unserer Zeitung. Diese habe den Versuch als „vertretbar“ eingestuft, vor allem wegen der kurzen Exposition mit NO2. Seine Ergebnisse relativierte der Mediziner gleich mehrfach: zum einen seien sie nicht auf die Allgemeinbevölkerung übertragbar, etwa, weil alle Testpersonen Nichtraucher waren und keiner Asthma hatte; Vorbelastete gelten durch Abgase aber als besonders gefährdet. Zudem seien keine Rückschlüsse auf die gesundheitlichen Auswirkungen der Luftbelastung insgesamt zulässig; Stickstoffdioxid sei nur ein Mosaikstein. „Völlig falsch“ fände es Kraus mithin, seine Befunde als Entwarnung zu verstehen. Aufgrund von Rückfragen habe er den Eindruck, dass sie dazu „instrumentalisiert“ würden – von wem, sagt er nicht.

Auf Fragen dazu legte Daimler nochmals nach. Man sei „über das Ausmaß der Studien und deren Durchführung erschüttert“. Beide Versuche verurteile man „auf das Schärfste“, so ein Sprecher: Sie widersprächen „unseren Werten und ethischen Prinzipien“.

Hier lesen Sie weitere StZ-Plus-Texte!

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Tierversuche Daimler AG