Nicht gleich alles glauben, gelegentlich Zweifel anmelden – das ist immer eine gute Idee. Nicht nur in der Esoterik, sondern auch in der Wissenschaft.

Wissenschaft: Alexander Mäder (amd)

Stuttgart - Bitte schauen Sie sich das Bild der Denkerfigur von Auguste Rodin an. Einfach so, eine halbe Minute sollte genügen. Anschließend notieren Sie bitte, wie sehr Sie an Gott glauben: auf einer Skala von null Punkten, also gar nicht, bis 100, mit ganzem Herzen. – Fertig? Dann kommen wir zur Auswertung dieses kleinen psychologischen Experiments. Es geht dabei um diese Frage: Hat Sie der Denker in Ihrem Glauben beeinflusst? Haben Sie vielleicht ein paar Punkte weniger notiert, weil das rationaler wirkt und das Bild doch an Ihren Verstand appelliert hat?

Das können Sie sich vermutlich nicht vorstellen, denn Sie werden keine Veränderung in Ihrem Glauben an Gott gespürt haben. Psychologen halten es trotzdem für möglich, denn es wäre nicht das erste Mal, dass sich das Denken und Fühlen durch eine scheinbare Belanglosigkeit wie das Bildnis eines nachdenklichen Mannes manipulieren lässt. Der Geist arbeitet meist schneller, als man ihm folgen kann. Oft ist das praktisch: wenn es zum Beispiel darum geht, Gesichter oder Wörter zu erkennen. Doch er ist dabei leider anfällig für Fehler.

Manche machen den Zweifel zu ihrem Markenzeichen

Für die Skeptiker, die sich mit Engagement gegen esoterische Umtriebe wenden, ist die Verführbarkeit des Geistes eine Wurzel des Übels. Man dürfe sich seiner Sache nie völlig sicher sein, war kürzlich auf dem Weltkongress der Skeptiker in Berlin wieder zu hören. Am besten vertraue man der wissenschaftlichen Methode und lasse sich durch ihre Ergebnisse gelegentlich eines Besseren belehren. Die Wissenschaft kann eine persönliche Erfahrung entzaubern, so wie es die nur neunjährige Emily Rosa in den 90er Jahren getan hat: Sie prüfte in einem Schulprojekt, ob selbst ernannte Heiler das Energiefeld ihrer Hand wahrnehmen können, ohne die Hand zu sehen.

15 Heiler bekamen je zehn Versuche. Emily warf in jedem Durchgang eine Münze und entschied so, über welche Hand des Heilers sie ihre Hand halten würde. Die Heiler lagen in 47 Prozent der Fälle richtig – diese Quote hätten sie auch durch Raten erreicht. Emily schaffte es mit ihrem Bericht in das Fachjournal der US-amerikanischen Medizinervereinigung.

Doch sich durch die Wissenschaft belehren zu lassen ist leichter gesagt als getan. Denn die Assoziationen des Geistes sind überzeugend. Viele aus der Branche der Heiler dürften an ihre besonderen Fähigkeiten glauben – und deren Kunden sowieso. Und es gibt noch eine zweite Schwierigkeit: Die Wissenschaft mag verlässlicher sein als manch persönliche Erfahrung, doch auch auf vermeintlich exaktem Terrain muss man auf der Hut sein.

Nicht jedes Experiment lässt sich wiederholen

Das betrifft schon den Klassiker unter den Verführungsexperimenten, der auf den US-Psychologen John Bargh von der Yale-Universität zurückgeht. Bargh ließ Mitte der 90er Jahre seine Versuchspersonen Knobelaufgaben mit Wörtern lösen. Einige Probanden bekamen dabei Begriffe wie „vergesslich“ oder „Falte“ vorgelegt, die sie subtil an das Älterwerden erinnern sollten. Das blieb nicht ohne Folgen: Für den knapp zehn Meter langen Weg vom Versuchsraum bis zum Fahrstuhl am Ende des Ganges brauchten diese Probanden eine Sekunde länger als die anderen Versuchsteilnehmer.

Doch der junge Psychologe Stéphane Doyen von der Freien Universität Brüssel hat diesen Test kürzlich mit seinen Studenten wiederholt und keinen Effekt gefunden. Im Online-Fachmagazin „Plos One“ gestehen Doyen und seine Mitarbeiter zwar zu, dass inzwischen zu viele ähnliche Effekte nachgewiesen worden seien, als dass man sie rundheraus zurückweisen könne. Doch die durchweg kleinen Effekte werden ihrer Ansicht nach gelegentlich überbewertet – und das Experiment von John Bargh sei ein Beispiel dafür. John Bargh hat daraufhin in einem Blogeintrag dem Journal „Plos One“ vorgeworfen, nicht die hohen Qualitätsstandards einzuhalten, die in der Wissenschaft üblich seien. Ein für wissenschaftliche Verhältnisse nicht gerade üblicher Wutausbruch.

Manchmal denkt der Geist zu schnell

Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch das Experiment von Will Gervais und Ara Norenzayan von der kanadischen Universität von British Columbia in Vancouver einmal in die Kritik geraten wird. Die beiden Psychologen haben ihre Versuchspersonen gefragt, wie stark sie an Gott glauben. Die Hälfte bekam vorab den Denker von Rodin zu sehen und bewertete ihren Glauben im Durchschnitt mit 41 Punkten. Bei den übrigen Probanden lag der Wert hingegen bei 62. Die Studie ist im Wissenschaftsmagazin „Science“ erschienen. Lässt sich der Geist wirklich so leicht manipulieren?

Der Psychologe Daniel Kahneman, der an der US-amerikanischen Princeton-Universität arbeitet, hat sein Ja auf diese Frage   in ein 600-seitiges Buch gepackt, das diese Woche auf Deutsch erschienen ist („Schnelles Denken, langsames Denken“, Siedler Verlag, 25 Euro). Er beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit den Faktoren, die das rationale Verhalten unterhöhlen, und ist dafür 2002 mit dem Wirtschafts-Nobelpreis ausgezeichnet worden. Das intuitive Denken, das Kahneman das „schnelle“ Denken nennt, muss gelegentlich vom gründlichen Nachdenken, dem „langsamen“ Denken, korrigiert werden. (Auf der folgenden Seite finden Sie drei Aufgaben, mit denen Sie testen können, wie gut Sie Ihr schnelles Denken im Griff haben.)

Das Denker-Experiment schätzt Kahneman gegenüber dem Magazin „Science“ zwar vorsichtig ein: Der Denker habe nicht unbedingt das religiöse Empfinden der Probanden beeinflusst, sondern vielleicht nur ihre Aussagen darüber. Die Probanden, die den Denker betrachtet hatten, hatten offenbar mehr Skrupel, ihre religiöse Überzeugung klar zu formulieren. Doch grundsätzlich hält Kahneman solche subtilen Manipulationen nicht nur für möglich, sondern auch für schwer vermeidbar.

Manche ahnen die Zukunft voraus, sagt ein Forscher

Vielleicht ist sein Kollege Daryl Bem auch Opfer einer irregeleiteten Wahrnehmung. Bem, der an der Cornell-Universität im US-Bundesstaat New York arbeitet, gehört zu den Größen seines Fachs. Vor zwei Jahren hat er jedoch mit einer Studie Aufsehen erregt, die so gar nicht nach dem Geschmack vieler Kollegen und auch der Skeptiker ist: Er will nachgewiesen haben, dass es so etwas wie eine Vorahnung gibt, und der Bericht seiner Experimente ist vom renommierten Fachmagazin „Journal of Personality and Social Psychology“ zur Veröffentlichung angenommen worden. Vier Gutachter hatten sie vorab geprüft (sie StZ stellte damals die Studie vor und berichtete über die anschließende fachliche Diskussion).

Im markantesten Experiment, das alle Interessierten online absolvieren können, präsentiert Bem 48 Wörter, von denen man anschließend so viele wiedergeben soll, wie das Gedächtnis hergibt. Danach muss man sich mit der Hälfte dieser Wörter genauer beschäftigen, um sie sich besser einzuprägen. Doch schon bei der Abfrage zuvor zeigte sich bei Bems Originalexperiment, dass sich die Versuchspersonen besser an die Wörter erinnerten, die sie erst später genauer einüben sollten. Die Zukunft schien sich auf die Gegenwart auszuwirken.

Auf dem Skeptikerkongress rechnete der Psychologe Chris French von der Universität London mit Bems Studie ab. Mit seinen Kollegen hat er das Experiment wiederholt; Bem hatte ihnen alle Daten und Computerprogramme zur Verfügung gestellt. Doch French fand keinen Effekt. In seinem Bericht im Online-Fachmagazin „Plos One“ deutet er auch an, woran das liegen könnte. So hat Bems Versuchsleiter die versehentlich mit Schreibfehlern notierten Wörter daraufhin geprüft, ob sie noch als „richtig erinnert“ gelten dürfen. Dabei könnte der Versuchsleiter bestimmte Wörter unbewusst bevorzugt haben.

„Das Letzte, was man will, sind noch mehr Zweifel“

Daniel Kahneman schließt sein Buch mit einem pessimistischen Ausblick: Er selbst habe die Schwächen seiner Intuition in all den Jahren nicht ausmerzen können. Er sei bloß besser darin geworden, die Situationen zu erkennen, in denen es gefährlich werden könnte. Doch das helfe nicht immer, denn die Stimme der Vernunft sei leise und die der falschen Intuition laut und deutlich. Und überhaupt mache man sich gerne etwas vor und schwelge in dem schönen Gefühl, auf sicherem Boden zu stehen. „Das Letzte, was man will, wenn man in Schwierigkeiten ist“, schreibt Kahneman, „sind noch mehr Zweifel.“ Doch ein Wissenschaftler muss streng mit sich sein.

Drei kurze Testfragen

Frage 1: Ein Baseballschläger und ein Ball kosten zusammen 1,10 Dollar. Der Schläger kostet einen Dollar mehr als der Ball. Wie teuer ist der Ball?

Frage 2: Wenn fünf Maschinen fünf Minuten brauchen, um fünf Geräte herzustellen, wie lange brauchen dann hundert Maschinen für hundert Geräte?

Frage 3: Die Seerosen in einem Teich verdoppeln ihre Fläche jeden Tag. Wenn der See nach 48 Tagen komplett mit Seerosen bedeckt ist, wie lange hat es gebraucht, bis er zur Hälfte bedeckt war?

Die Antworten finden Sie auf der folgenden Seite.

Die Auflösung des Tests

Prinzip des Tests: Jede der drei Fragen im Infokasten links hat eine intuitiv plausibel erscheinende Antwort, die aber falsch ist. Um zur richtigen Lösung zu gelangen, muss man daher den ersten Impuls unterdrücken. Das gelingt nicht allen Menschen gleich gut und gilt in der Psychologie als Maß für logisches Denken.

Die Lösungen:

Frage 1: Der Ball kostet nicht zehn Cent, weil dann der Schläger 1,10 Dollar kosten müsste. Er kostet vielmehr fünf Cent.

Frage 2: Die Maschinen brauchen nicht hundert, sondern nur fünf Minuten, weil jede ein Gerät produziert.

Frage 3: Der See ist nicht schon nach 24 Tagen zur Hälfte mit Seerosen bedeckt, sondern erst nach 47 Tagen. Am folgenden Tag hat sich die Seerosenfläche dann verdoppelt – und der See ist ganz bedeckt.