Ski alpin – Abfahrt Wie Beat Feuz zum Olympioniken wurde

Olympiagold ist eben doch etwas Besonderes – und Beat Feuz hat es sich geholt. Foto: dpa/Michael Kappeler

Der Skirennläufer hat in der Abfahrt fast alles gewonnen, was es gibt. Nur Olympiagold fehlte noch – doch gerade das hatte der Schweizer angeblich nicht im Fokus.

Sport: Jürgen Kemmner (jük)

Yanqing - Kurz vor der Eröffnungsfeier der Winterspiele hat Beat Feuz mit ein paar Schweizer Journalisten geplaudert. Über sich, seine Saison und natürlich über Olympia. Nun muss man wissen, dass der Skirennfahrer an diesem Freitag 35 Jahre alt wird und folglich einen großen Fundus an Geschichten besitzt. Er hat so ziemlich jeden Abfahrtsklassiker gewonnen, den der Alpinzirkus veranstaltet, den in Gröden, in Garmisch, in Wengen und am 23. Januar auch die legendäre Streif in Kitzbühel. Einer wie Feuz hat etwas zu erzählen. Die folgende Aussage war jedoch nicht unbedingt zu erwarten: „Olympia hat für mich nicht die gleiche Priorität wie Wengen oder Kitzbühel“, sagte der Mann aus dem Emmental und meinte es recht ernst.

 

Das ist bemerkenswert. Vor allem deshalb, weil er zwar eine olympische Bronzemedaille besitzt, die er 2018 in der Abfahrt in Pyeongchang holte, sowie eine silberne, die es im Super-G ebenfalls in Korea gab – aber Gold ihm noch fehlte. Man könnte an diesem Montag in Yanqing sagen: Trotz seiner Aussage hat sich Beat Feuz über die Goldmedaille in der olympischen Abfahrt sehr gefreut. „Der schönste Moment war, als Nummer 30 im Ziel war. Dann habe ich den Anruf von meiner Freundin und meiner Tochter bekommen. Da sind dann alle Emotionen hochgekommen“, erzählte der Sieger.

Favorit Kilde huldigt Feuz

Es war nicht der große Favorit Aleksander Aamod Kilde aus Norwegen, der das Erbe seines Landsmannes Aksel Lund Svindal – Olympiasieger 2018 – antrat. Kilde wurde lediglich Fünfter und war entsprechend enttäuscht. „Ich habe mir zu viele Fehler geleistet“, sagte er. „Feuz hat es verdient. Er ist ein gewaltiger Abfahrer.“ Es war auch nicht Matthias Mayer. Dem Österreicher hätte es nach Kjetil Andre Aamodt (1992, 2002, 2006) und Deborah Compagnoni (1992, 1994, 1998) gelingen können, in drei Spielen mindestens eine Goldmedaille in den Alpin-Wettbewerben mitzunehmen. Der 31-Jährige wurde Dritter hinter Überraschungsmann Johan Clarey, der mit 41 Jahren seinen größten sportlichen Erfolg verbuchte, auch wenn er damit weiterhin als der Anti-Gewinner gilt. Der Franzose hat in seiner Karriere weder im Weltcup noch bei einer WM oder bei Olympia jemals gesiegt.

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Es war also Beat Feuz, der die 3152 Meter der Piste „The Rock“ am schnellsten zurücklegte. Und als ihm allmählich bewusst wurde, was ihm da in 1:42,69 Minuten gelungen war, hielt er es mit dem ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer, der das Zitat prägte: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern. Nichts hindert mich, weiser zu werden.“

„Ein großes Ding“

Der Schweizer hatte in den Bergen von Yanqing seine Erleuchtung und ordnete den noch ganz backwarmen Olympiasieg dann doch nochmal neu in seiner Werteskala ein. „Olympia ist ein großes Ding“, sagte der Abfahrts-Weltmeister von 2017. „2018 war ich Zweiter und Dritter, und heute hat endlich alles gepasst. Das bedeutet mir die Welt!“ Und er schob den Satz nach, der von großen Gewinnern oft verwendet wird und sich trotzdem nie abnutzt: „Heute ist ein Traum in Erfüllung gegangen.“

Dieser Traum hätte auch ein unerfüllter bleiben können. Im Frühling 2012 ließ sich Feuz einen Knochenabriss im linken Knie fixieren, beim Sommertraining in Chile erlitt er im selben Knie einen Knorpel- und Meniskusschaden, es folgte eine Entzündung im Knie – und die Saison 2012/2013 fand ohne ihn statt. Feuz musste elf Operationen am verflixten Knie über sich ergehen lassen, er saß zeitweise im Rollstuhl. Dass der Schweizer am 30. November 2013 in Lake Louise sein Comeback erlebte, verdankt er auch Felix Neureuther. Der Deutsche, mit dem Feuz gut befreundet ist, half ihm durch die schwierige Zeit und drängte ihn zur Rückkehr in den Weltcup-Zirkus.

Enttäuschung im deutschen Lager

Die Erben des einstigen deutschen Skistars hielten sich auf der Piste am Berg Xiaohaituo vornehm zurück, als wollten sie die Schweizer Feierstunde nicht stören. Romed Baumann war auf Rang 13 der Schnellste, Vizeweltmeister Andreas Sander und Josef Ferstl landeten auf den Plätzen 17 und 23. Dominik Schwaiger stürzte spektakulär, er zog sich an Unterarm und Ellbogen schwere Prellungen zu. Ein wenig weiter oben in der Ergebnisliste wären sie alle gerne aufgetaucht. „Ich hatte mir mehr erhofft“, sagte Baumann. „Ich war gut drauf und bin enttäuscht, dass nicht mehr ging.“

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Keine Feier bei den Deutschen, aber auch die Schweizer werden sich zurückhalten, denn in der Nacht auf diesen Dienstag sollte bereits der Super-G stattfinden. Unabhängig davon hat sich für Beat Feuz die Reise nach China gelohnt – und die Rückreise an diesem Mittwoch wird ein Triumphzug. „Ich kann es kaum erwarten, nach Hause zu fliegen und dabei diese Goldmedaille um den Hals zu tragen“, sagte er.

Nun, ein Olympiasieg ist eben doch etwas anderes als ein Erfolg bei einem Abfahrtsklassiker. Etwas anderes wird Beat Feuz sicher nicht mehr behaupten.

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