Ski alpin Dave Ryding – der Hauptdarsteller in einem britischen Ski-Märchen

Ganz im Glück: Dave Ryding nach seinem Slalomsieg in Kitzbühel Foto: AFP/JOHANN GRODER

Als erster Brite gewinnt Dave Ryding ein Weltcup-Rennen im alpinen Skizirkus. Dabei wurde er ohne Schnee groß und übte auf Matten.

Sport: Dominik Ignée (doi)

Stuttgart - Der höchste Berg Englands scheitert an der 1000-Meter-Marke, weil der Scafell Pike eben nur 978 Meter hoch ist. Dies erklärt, warum sich auf der Insel der Fußball durchgesetzt hat und nicht der alpine Skisport. In der Schweiz stehen immerhin stramme 48 Viertausender herum. Die umgekehrte Folge dieser geografischen Unterschiede ist die Tatsache, dass die erste Schweizer Fußballliga im Vergleich zur Premiere League eine Operettenliga ist mit überschaubarem Niveau.

 

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Für den Engländer Dave Ryding waren diese Gegebenheiten kein Grund, Kicker zu werden – obwohl er es auch zu einem ordentlichen Außenverteidiger britischer Prägung hätte bringen können. Nein, Ryding wurde Skirennläufer. Nun hat er die Welt ein bisschen aus den Fugen geraten lassen und als Flachländer beim Slalomklassiker in Kitzbühel gesiegt. Seit Einführung der Ski-Weltcups im Jahr 1967 hatte noch nie ein Brite ein Weltcup-Rennen gewonnen. 55 Jahre mussten die Engländer auf einen wie Dave Ryding warten. Gut möglich, dass sie ihm im Reich der Queen dafür noch einen Orden verpassen. Auf alle Fälle werden an diesem Dienstag beim Nachtslalom in Schladming die Augen auf ihn gerichtet sein.

Dave Ryding war nach seinem Meisterstück so aus dem Häuschen, dass er gar nicht damit aufhörte, den Schnee im Zielraum des Ganslerhangs zu küssen. Sein Trainer Jai Geyer warf sich ebenso weinend in den Schnee und schluchzte: „Er hat’s geschafft – ich kann es nicht glauben!“ Die „Kronenzeitung“ titelte „Der nackte Wahnsinn“, während der „Kurier“ in die sprachliche Trickkiste griff mit den Worten: „Easy Ryding“. Und als der Gewinner wieder aufgestanden war, da hatte er fast Tränen in den Augen, als er sagte: „Dieser Sieg bedeutet die Welt für mich. Ich bin stolz auf meine Story, weil es so etwas noch nie gab.“

Natürlich gab es so etwas noch nie, doch musste Dave Ryding auch lange darauf warten. Der gute Mann ist 35 Jahre alt, da denken andere übers Karriereende nach. Er nicht. Ryding blieb dran, gab nie auf, er lebte seinen Traum. Der Rennläufer ließ schon vor fünf Jahren in Kitzbühel als Slalom-Zweiter hinter Marcel Hirscher aufhorchen, es war der erste Podestplatz eines Briten seit dem zweiten Platz von Konrad Bartelski in der Abfahrt von Gröden 1981. Insgesamt kommt Ryding jetzt auf vier Podestplätze. Sie wissen in der Szene also längst, dass er was kann.

Sein Weg in den Weltcup-Zirkus war allerdings extrem beschwerlich – ohne Berge ist das kein Wunder. Das Skifahren lernte er auf einem Plastikhügel in der Grafschaft Lancashire nicht weit weg von Liverpool. Plastikhügel, weil es sich dabei um eine 130 Meter lange Mattenpiste handelte. Einmal im Jahr machte die Familie Skiurlaub in den französischen Alpen. Erst mit 13 Jahren bestritt er in Norwegen sein erstes Rennen auf echtem Schnee. Er trainierte in belgischen Skihallen, während Felix Neureuther und viele Österreicher und Schweizer daheim in wenigen Minuten den ersten hochalpinen Skilift erreichen konnten. Dass Dave Ryding es trotz dieser dürftigen Voraussetzungen in den Weltcup schaffte, grenzt an ein Wunder. Aber es spricht für sein Durchhaltevermögen und seinen unbändigen Willen, auch ohne Berge gut zu werden. „Die Leute dachten, ich wäre verrückt“, sagt er im Rückblick.

Aber auch das stimmt: Gut betuchte Engländer haben Anfang des 20. Jahrhunderts mit ihrer Reiselust und ihrem Pioniergeist die Entwicklung Schweizer Skiorte gefördert und sie erst möglich gemacht. So hat ein gewisser Sir Arnold Lunn 1922 die ersten Slalomregeln festgelegt. Jetzt erst fangen sie damit an, die Rennen auch zu gewinnen.

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