Ski alpin in Zermatt Mit Blick aufs Matterhorn – ein neuer Klassiker im Ski-Weltcup?

Das Matterhorn in den Schweizer Alpen – ein weltberühmter Berg. Foto: IMAGO/YAY Images/IMAGO/chrisga

Am kommenden Wochenende beginnt der alpine Ski-Weltcup wie immer in Sölden. So richtig spektakulär wird es eine Woche danach – wenn erstmals am Fuße des Matterhorns gefahren wird. Was steckt dahinter?

Es ist ein Satz, wie er Jahr für Jahr Zigtausenden Touristen über die Lippen kommt. Europäern, Amerikanern, Asiaten – sofern sie auf ihrer Urlaubstour auch in Zermatt haltmachen und diesen einen berühmten Berg dann nicht mehr nur von Postkarten kennen: „Die Kulisse mit stetigem Blick auf das Matterhorn ist einmalig.“ Also: Alle(s) schon mal da gewesen? Mitnichten! Denn am Fuße des 4478 Meter hohen Wahrzeichens der Schweiz gibt es schon bald eine veritable Premiere.

 

Über die prächtige Kulisse schwärmte jüngst nämlich nicht irgendein Tourist – sondern Markus Waldner, der Renndirektor des Internationalen Skiverbands (Fis), der glücklich ist über seine Neuerung im alpinen Weltcup-Kalender. Am nächsten Wochenende beginnt mit dem Riesenslalom in Sölden die Saison zwar in gewohntem Rahmen. Eine Woche danach (bei den Frauen sind es zwei Wochen) aber haben die Abfahrer ihr Opening auf europäischem Boden – das spektakulärer kaum sein könnte.

Rund 2:15 Minuten Fahrzeit

Warum? Das belegen diese Fakten: Gestartet wird auf dem Gletscher auf 3720 Meter Höhe in der Schweiz. Das Ziel liegt in Italien hoch über Cervino. Bis zu 135 Kilometer pro Stunde schnell werden die Rennläufer, auf einer Streckenlänge von 3700 Metern sind 885 Höhenmeter zu überwinden. Rund 2:15 Minuten, so schätzt Didier Defago, werden die besten Abfahrer der Welt benötigen. Er sagt: „Die Strecke ist komplett. Es gibt Kurven, Sprünge, schnelle Abschnitte, steile, technisch anspruchsvolle Passagen.“

Der Schweizer ist Olympiasieger, 2010 in Vancouver gewann er Gold in der Abfahrt. Seine Karriere hat der 45-Jährige vor sieben Jahren beendet. Heute designt er unter anderem Abfahrtsstrecken. Mit seinem Landsmann Bernhard Russi etwa war er für die Strecke bei den Winterspielen in Peking verantwortlich. Am Fuße des Matterhorns ist die Erschaffung der Abfahrt mit dem Namen „Gran Becca“ (Großer Gipfel) allein sein Projekt. Oder ist es eher eine verrückte, aus der Zeit fallende Idee?

Kritik jedenfalls gab es prompt, als die Pläne bekannt wurden. „Der Skisport hat die große Aufgabe, seine Glaubwürdigkeit zu bewahren“, sagte etwa Felix Neureuther, der einst zwar selbst Skirennläufer war, mittlerweile aber Naturschutzgedanken voranstellt. Und er ergänzte: „Mit einer Abfahrt Anfang November auf einem Gletscher und zu einem Zeitpunkt, wo die Gletscher schmelzen, macht man sich angreifbar.“ Die Veranstalter sehen das anders.

Das Projekt, so heißt es, genüge im Bereich der Nachhaltigkeit „hohen Ansprüchen“. Defago betont: „Wir haben sehr kompetente Leute dabei, die Nachhaltigkeit hier innovativ umsetzen.“ Der Walliser fügt hinzu, das müsse auch „einer der Motoren dieses Projekts“ sein. Aber kann Nachhaltigkeit überhaupt in Einklang gebracht werden mit dem alpinen Skirennsport?

Nachhaltig oder nicht?

In Zermatt und Cervino beantworten sie die Frage mit einem klaren Ja – und nennen fast ein Dutzend Argumente, die auch aus dieser Sicht für das neue Event sprechen. So würden keine neuen Pisten gebraucht, für die Streckenführung seien nur minimale Eingriffe in die Natur nötig. Da zwei Drittel der Strecke weit oben und auf dem Gletscher gefahren werden, sei dort kein Kunstschnee nötig. Weiter unten komme dieser aus einer bestehenden Anlage, die ausschließlich Schmelzwasser nutzt. Bäume müssen keine weichen, neue Seilbahnen braucht es nicht, und Masten für Sicherheitsnetze müssen nicht dauerhaft installiert werden – aufgrund der Weite des Geländes und der dadurch vorhandenen großen Sturzräume. Johan Eliasch, der Fis-Präsident, meint zudem: „Dadurch, dass die Teams das ganze Jahr über die Möglichkeit haben, vor Ort zu trainieren, könnten die Reisen zu den Langstreckenorten in der südlichen Hemisphäre reduziert werden und dazu beitragen, dass die Fis ihren CO2-Fußabdruck vermindert.“

Letzteres Argument sticht indes nicht. Nahezu alle Nationalteams haben im Sommer zum Beispiel in Chile trainiert, das Gletscher-Skigebiet am Matterhorn war dagegen zeitweise geschlossen. Ein temporäres Starthaus mit einer großen Solaranlage auf dem Dach soll dagegen das Ziel der Nachhaltigkeit stärken. Das wird jedoch noch nicht stehen, wenn an diesem Sonntag die sogenannte Schneeinspektion stattfindet – die prüft, ob das Rennen auch stattfinden kann.

„Die oberen drei Viertel der Strecke sind mehr oder weniger fertig. Im unteren Teil braucht es noch ein bisschen Schnee“, sagt Andreas Evers – und schildert dabei einen Eindruck aus erster Hand. Der Abfahrtscoach der deutschen Mannschaft war in den vergangenen Tagen zum Training in Zermatt und schaut vor allem mit einem sportlichen Blick auf die Premiere.

Eine neue Möglichkeit, sich zu präsentieren

Die Abfahrer, erklärt der Österreicher, „trainieren – bis auf etwa drei Wochen – das ganze Jahr über intensiv, haben dann aber nur wenige Rennen, um sich zu präsentieren“. Er hält es daher „für begrüßenswert, dass es diese zusätzliche Möglichkeit gibt“. Bisher sah der Rennkalender nach dem Auftakt in Sölden ja eine mehrwöchige Pause vor, ehe der Skisport wieder in der Öffentlichkeit auftauchte. Dass Zermatt und Cervino das nun ändern, ist sicher auch im Sinne der Skiindustrie. Aber auch im Sinne der Athleten?

Die besten Speedfahrer der Welt müssen nun rund einen Monat früher in Schuss sein – und gleich höchsten Ansprüchen auf Neuland genügen. Evers sieht da allerdings kein Problem: „Unsere Athleten werden bereit sein für diese Standortbestimmung.“ Defago sieht zudem den Vorteil, dass Müdigkeit zu Saisonbeginn noch keine Rolle spielt. Was sich ganz gut trifft.

Denn das, was der Olympiasieger da im Schatten des Matterhorns geplant hat, hat es in sich. Und die dünne Luft auf fast 4000 Meter Höhe mindert die Belastung auch nicht. Kein anderes Weltcup-Rennen startet auf einer solchen Höhe. „Das ist schon besonders“, sagt Andreas Evers, „das wird die Athleten an ihre Grenzen bringen.“ Aber, so ergänzt der Coach ganz lapidar, „das ist der Weltcup – hier starten die Besten“. Trotzdem gab es im Vorfeld Diskussionen.

Eine große Herausforderung

Weil die Strecke ursprünglich noch ein wenig länger sein sollte, regte sich Widerstand. „Ich glaube nicht, dass es der Sicherheit dient, wenn man zu Beginn eines Weltcup-Winters auf einer Höhe von 4000 Metern eine Abfahrt startet, deren Laufzeit zweieinhalb Minuten beträgt“, sagte etwa der ehemalige Super-G-Weltmeister Dominik Paris im Schweizer „Blick“. Man ist daraufhin mit dem Start ein wenig nach unten gegangen. Eine Herausforderung bleibt die „Gran Becca“ dennoch. „Zu Saisonbeginn muss es ja nicht gleich die Kategorie Kitzbühel sein. Aber die Strecke ist selektiver, als viele glauben“, sagt DSV-Trainer Andreas Evers.

Die Frage, die sich anschließt: Hat das Rennen auch das Zeug dazu, in die Riege der Klassiker wie Kitzbühel, Wengen oder Gröden aufgenommen zu werden? Zeigen wird das die Zeit. „20, 30 Jahre“, schätzt Didier Defago. Evers jedenfalls glaubt daran, „dass sich das Speedopening etablieren kann“ – und nennt den vielleicht entscheidenden Grund: „Das Matterhorn ist ein weltbekannter Berg.“

Auf den Mythos, das Wahrzeichen und dessen Anziehungskraft setzen auch die Veranstalter und wählen große Worte, um die Premiere ins rechte Licht zu rücken. „Ein wahr gewordener Traum“ ist es für die Schweizer Skilegende Pirmin Zurbriggen. „Eine Chance für die gesamte Skiwelt“ sieht der italienische Verbandspräsident Flavio Roda. Und Franz Julen, der Chef des Organisationskomitees (und der Zermatter Bergbahnen) sagt: „Das Projekt bringt neue innovative Ideen, auf die der Skisport dringend angewiesen ist.“ Es sei eines der nachhaltigsten Rennen überhaupt.

Didier Defago hat es mitgestaltet, die Strecke entworfen, an Details gearbeitet. Als Walliser, sagt er, hält er das Projekt für spannend, besonders, interessant. Doch ein Schmerz bleibt beim Olympiasieger: Für ihn kommt das Rennen mindestens sieben Jahre zu spät. „Das ist der einzige Punkt, der mich etwas traurig macht“, sagt er, lächelt und ist dennoch mit sich im Reinen: „Ich hatte ja die Ehre, die neue Strecke zu zeichnen.“

Wenn die ersten Rennfahrer in zwei Wochen auf die Piste gehen, ist er dennoch nervös, gespannt aufs Feedback – und kann sich nur in einer Sache sicher sein: Die Kulisse könnte schöner kaum sein.

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