Garmisch-Partenkirchen - Zu den runden Geburtstagen gehört vor allem der siebzigste, aber er hat auch seine Tücken. Als es bei Tina Turner, der großen Rocksängerin, so weit war, hat sie die tiefen Abgründe, die sich plötzlich auftaten, detailliert so geschildert: „Ich bin nun in das Alter gekommen, in dem ich erst mein Gebiss und mein Hörgerät nötig habe, um zu fragen, wo meine Brille ist.“
Rosi Mittermaier zum Beispiel. Sie wird heute siebzig, aber ihre Zähne sitzen noch wie mit vierzig, ihre Ohren sind fünfzig, und ihre einzigen Falten sind die Lachfalten, sie kommen bei voller Entfaltung noch daher wie mit sechzig. Damals, anlässlich ihres letzten runden Jubiläums, hat ihr der „Blickpunkt Sport“ des Bayrischen Rundfunks eine Sondersendung gewidmet, auch Franz Beckenbauer war da – und als irgendwann die alten Anekdoten die Runde machten, wäre die Party um ein Haar brisant geworden.
„Ich weiß gar nicht“, musste sich der Kaiser jedenfalls wehren, „wo dieses Gerücht mit der Rosi und mir herkommt.“
Rosi weiß es offenbar auch nicht. Mit der Leichtigkeit ihres Charmes hat sie dem Franz jedenfalls zugezwinkert und („Du stehst doch eher auf Blonde“) das heikle Thema geschwind weggelacht, so wie sie immer lacht, seit die Welt sie als „Gold-Rosi“ kennt. Keine lacht schöner, und die beste Erklärung für dieses Glück ist die Gnade ihrer frühen Geburt.
„Rosi, Rosi noch einmal, es war so wunderschön.“
Für die Zu-spät-Geborenen: Rosi Mittermaier hatte ihre verrückten fünf Tage bei den Winterspielen in Innsbruck anno 76. Gold in der Abfahrt, Gold im Slalom, Silber im Riesenslalom, schunkelnd sangen jedes Mal 25 000 deutsche Urlauber an den Pisten: „Rosi, Rosi noch einmal, es war so wunderschön.“ Alle Herzen hat die Bayerin erobert, aber nicht nur wegen ihres Skifahrens, sondern wegen ihrer besonderen Art, die manchmal fast den Tatbestand der falschen Bescheidenheit erfüllte. „Den fehlenden Ehrgeiz“, hat sie behauptet, „mache ich durch Spaß wett.“
Es war eine andere Zeit, aber anders war vor allem Rosi. Die Verbissenheit, mit der viele ihren Sport trieben, lag ihr fern, und vor allem hat sie sich nicht dem Boulevard ausgeliefert oder den Klatschspalten der bunten Blättchen, mit denen sich ältere Ladys beim Friseur das Warten auf ihre gusseiserne Dauerwelle verkürzen. Lothar Matthäus beispielsweise, der Held unter den Fußballern, teilte sein Leben offenherzig mit Hinz, Kunz und „Bild“ und wurde einmal gefragt: „Warum schweigen Sie nicht?“
„Ja, gut“, stammelte darauf der Bemitleidenswerte, „es ist schade, dass alles der Öffentlichkeit preisgegeben wird, wenn man bekannt ist, aber das gehört halt zum Ruhm.“ Gehört es das? Jedenfalls wäre Matthäus, wenn er 40 000 Fanbriefe bekommen hätte wie Rosi damals nach Innsbruck, anschließend an keinem Spiegel mehr vorbeigekommen, ohne sich selbst zu grüßen, während Rosi daheim auf der Winklmoos-Alm in Reit im Winkl fluchtartig in den ersten Stock umzog, um sich den Ruhm vom Leib zu halten – wenn der Trubel zu groß wurde, „bin ich halt hinten durchs Fenster ’naus und ab durch den Wald“.
Wie wird eine so?
„Mit Goaßn-Milch“ sei die Rosi aufgezogen worden, haben ihre Schwestern einmal verraten, also mit der Milch von der Geiß – man wird dann nicht so leicht zur Zicke.
Diesen Ritterschlag hat Rosi Mittermaier später auch amtlich bescheinigt bekommen von der Sporthilfe. Die vergibt jedes Jahr ihre Goldene Sportpyramide an die wirklich Großen, die in den ewigen Stein gemeißelt gehören, und Rosi steht da seither auf Augenhöhe mit Max Schmeling und Fritz Walter, Uwe Seeler und Steffi Graf, Franz Beckenbauer und Hans Günter Winkler – der große Reiter hat sein Erfolgsgeheimnis in den wunderbaren Satz gefasst: „Eine Operation an der Bandscheibe hat mich gezwungen, mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben.“
Das Leben der Helden war früher einfacher
Zugegeben, dieses Unterfangen fiel früher leichter, und das Leben der Helden war einfacher. Sie sind nicht verglüht unter dem Brennglas der öffentlichen Rundumüberwachung, es gab noch keine Handykameras, nicht hinter jedem Busch lauerte eine tückische Versuchung oder ein sonstiger Fallstrick, und auch der „Playboy“ hat sich noch nicht oft gemeldet – erst Kati Witt, die Eisprinzessin, ließ sich zu neckischen Nacktfotos überreden, worauf es an den Zeitungsständen fast zu Raubüberfällen kam. All das ist Rosi erspart geblieben – aber wahrscheinlich hätte sie sowieso Nein gesagt.
Ihr Leben hatte stets eine klare Linie. Das war das größte Kunststück in dieser wachsenden Ära der Medien, in der immer mehr Selbstdarsteller und Schaumschläger dermaßen wie die Fettaugen auf der Suppe schwammen, dass dem dichtenden Sportsfreund Norman Mailer einmal die Blähung entfuhr: „Die Stillen haben heutzutage nicht die geringste Chance, ausgenommen auf dem Friedhof.“
Rosi lebt noch. Und dass auch dieses Leben nach dem Sport und abseits der Halle des Ruhms seinen Sinn hat, verrät sogar der höchste Straßentunnel Europas in den Ötztaler Alpen, er heißt nämlich „Rosi-Mittermaier-Tunnel“. Darüber hinaus ist sie nationale Botschafterin für Sport, Toleranz und Fair Play, Schirmherrin der Kinderrheuma-Stiftung, außerdem unterstützt sie die Initiative gegen Knochenschwund und reist für die Christoffel-Blindenmission durch die Welt.
„Du, sag mal, seid’s ihr früher auch Ski g’fahren?“
Ach ja, fast hätten wir es vergessen: Während sich andere alle paar Jahre scheiden lassen, ist sie immer noch mit dem ersten Mann verheiratet. Der hat ihr den Nachnamen Neureuther geschenkt und sie ihrem Christian im Gegenzug zwei prächtige Kinder, die Tochter Ameli und den Sohn Felix, der dann wie der Vater und die Mutter zum besten Skifahrer Deutschlands wurde. Wie trefflich sie ihn erzogen haben, belegt eine schöne Geschichte aus seiner Kindheit. Eines Tages kam der kleine Felix aufgeregt nach Hause und fragte die Mutter: „Du, sag mal, seid’s ihr früher auch Ski g’fahren?“
Gold-Rosi hat auch da gelacht, wie immer. Sie stammt halt aus jenen lustigen Skifahrerzeiten, als der Radioreporter Heinz Mägerlein seinem Mikrofon einmal den unschlagbaren Satz anvertraute: „Die Zuschauer standen an den Hängen und Pisten“ – wobei er Letzteres in übler Absicht mit einem kleinen „p“ und einem „ss“ aussprach. Damals hat Rosi Mittermaier das Lachen gelernt – und es nie mehr verlernt.
Herzlichen Glückwunsch.