Zhangjiakou - Olympische Spiele sind etwas ganz Besonderes, erst recht in China. Auch sportlich. Weil der Wintersport hier nicht zu Hause ist, sind alle Anlagen in den Bergen von Yanqing und Zhangjiakou neu entstanden: Skipisten, der Eiskanal, die Schanzen und Loipen, der Biathlon-Schießstand. Viele Athletinnen und Athleten sammelten ihre ersten Erfahren mit den Wettkampfstätten erst während der Winterspiele.
Aber es gibt auch Ausnahmen. Der Skicrosser Daniel Bohnacker zum Beispiel kennt die Piste, auf der an diesem Freitag (4.45 Uhr Qualifikation, ab 7 Uhr K.-o.-Läufe/MEZ) um Medaillen gefahren wird. Ein Vorteil ist das allerdings nicht – denn seine Erinnerungen sind ziemlich schmerzhaft.
Beschwerlicher Weg zurück
Es war Ende November, als in China nicht nur die Olympia-Generalprobe stattfand, sondern zugleich das erste Weltcuprennen der Saison. Der 31-jährige Daniel Bohnacker war zunächst gut drauf, allerdings nur bis zu jener verhängnisvollen Szene in der Steilwandkurve. Ein Kontrahent fuhr ziemlich weit unten hinein, hielt dem Druck nicht stand, wurde von den Fliehkräften nach oben gedrückt. Dort aber befand sich zu diesem Zeitpunkt Daniel Bohnacker. Er musste ausweichen, der Zaun kam immer näher. Letztlich ging beiden der Platz aus, ein Sturz war unvermeidbar. „Eigentlich“, sagt er, „war es ein ganz normaler Rennunfall.“ Allerdings mit fatalen Folgen.
Schon beim ersten Einschlag verlor Bohnacker das Bewusstsein. Auf den zweiten Landehügel knallte er voll mit dem Kopf und der Schulter, die Halswirbelsäule verschob sich. Wie schwer der Sturz war, zeigte sich auch an seinem Helm: Der komplette Lack war gesplittert, das stabile Teil erheblich deformiert. „Auf der Strecke ist es für mich blöd gelaufen“, sagt der Mann von der Schwäbischen Alb, der nun in Obermaiselstein im Allgäu lebt, „allerdings hätte natürlich alles auch viel schlimmer sein können.“
Als Bohnacker anschließend im Krankenhaus lag, fühlte er sich, als hätte ihn ein Lastwagen überfahren. Erst nachdem er per Whatsapp einige Bilder seines verhängnisvollen Sturzes zugeschickt bekommen hatte, kehrte langsam die Erinnerung zurück. Zusammen mit dem mulmigen Gefühl, nicht zu wissen, wie lange er zur Behandlung in China bleiben muss.
Intensive Wochen
„Da geht einem ziemlich viel durch den Kopf, wenn man auf die Auswertung der Bilder von der Computertomografie wartet“, sagt er, „letztlich konnte ich schnell zurück nach Deutschland, alles ist gut ausgegangen.“ Lediglich die ständigen Schulterprobleme erinnern ihn immer wieder an den Sturz vor zweieinhalb Monaten. Nun folgt die Rückkehr.
Daniel Bohnacker hat ein paar intensive Wochen hinter sich. Im Dezember wurde er in den Rennen öfter mal abgeräumt, allerdings war er auch nicht fehlerfrei unterwegs. Im Januar kam dann der Qualifikationsdruck dazu, der Skicrosser versuchte es mit der Brechstange, was auch nicht wirklich half.
Letztlich löste er mit Platz sieben beim Weltcup im schwedischen Idre Fjäll und dank Platz 24 beim letzten vorolympischen Rennen in Nakiska/Kanada, das die Deutschen als interne Ausscheidung nutzten, das heiß ersehnte Ticket nach China – auf den letzten Drücker. Die Freude war groß, schließlich hat Bohnacker mit den Olympischen Winterspielen noch eine Rechnung offen.
Rabenschwarze Tage
2014 flog er nach starken Leistungen im Weltcup als einer der Favoriten Richtung Russland, erwischte in Sotschi aber einen rabenschwarzen Tag. Und vier Jahre später verpasste er Pyeongchang 2018 wegen eines Kreuzbandrisses. „Mein Ziel war, unbedingt noch einmal dabei zu sein“, sagt der Wirtschaftsinformatiker mit abgeschlossenem Studium, „denn es werden wohl meine letzten Spiele sein.“ Für die er sich auch sportlich einiges vorgenommen hat.
Diesmal steht Bohnacker nicht auf der Liste der Medaillenkandidaten, dazu kommt die Schwierigkeit, ignorieren zu müssen, was Ende November passiert ist. Und trotzdem glaubt er an seine Chance. „Ich habe gelernt, solche Unfälle völlig auszublenden und nicht zurückzuziehen“, sagt der Skifahrer, der gelegentlich am Olympiastützpunkt Stuttgart trainiert, „nur wer in der Lage ist, sich komplett runterzuhauen, kann bestehen. Ich weiß, dass ich schnell bin. Bei den Spielen will ich das abrufen, was ich draufhabe. Gelingt mir das, kann viel passieren.“
Anders ausgedrückt: Das Podium oder der Fangzaun – in Zhangjiakou ist alles möglich. Niemand weiß das besser als Daniel Bohnacker.