Skifahrer Lucas Pinheiro Braathen Gold für Brasilien – oder doch vor allem für sich selbst?

Da ist das Ding: Lucas Pinheiro Braathen mit der Goldmedaille. Foto: Imago/ABACAPRESS

Ausgebildet in Norwegen, am Start für das Heimatland seiner Mutter: Riesenslalom-Olympiasieger Lucas Pinheiro Braathen ist eine der schillerndsten Figuren der Winterspiele.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Wer einen Blick auf den ewigen Medaillenspiegel Olympischer Winterspiele wirft, erkennt schnell, dass Südamerika ein weißer Fleck ist. Oder besser: war. Bis zum Samstag hatte der gesamte Kontinent noch nie eine Medaille gewonnen – dann kam Lucas Pinheiro Braathen (25) und schrieb Geschichte. Allerdings seine ganz eigene.

 

Der Skirennläufer gewann den Riesenslalom und damit Gold für Brasilien – er lag am Ende 0,58 Sekunden vor dem großen Favoriten Marco Odermatt (Schweiz). Was die Politiker im größten Land Südamerikas wenig überraschend als Zeichen der eigenen Stärke werteten. „Dieses beispiellose Ergebnis zeigt, dass der brasilianische Sport keine Grenzen kennt“, erklärte Präsident Luiz Inácio Lula da Silva. Und Finanzminister Fernando Haddad meinte: „Auf geht’s Brasilien!“ Ob Lucas Pinheiro Braathen diese Meinungen etwas bedeuten, ist nicht überliefert. Fakt ist: Er fühlt wie ein Brasilianer, identifiziert sich mit dem Heimatland seiner Mutter. Seine Lebenseinstellung prägt ihn auch als Skifahrer. Dass er nun Olympiasieger wurde, hat aber noch viele andere Gründe.

Lucas Pinheiro Braathen bricht mit dem norwegischen Verband

Lucas Pinheiro Braathen wurde in Oslo geboren, sein Vater ist Norweger. Seine Eltern trennten sich, als er drei Jahre alt war, er zog mit seiner Mutter nach Brasilien. Doch weil sein Vater das Sorgerecht erhielt, ging es zurück nach Norwegen. „Brasilien ist aber immer ein Teil von mir geblieben“, sagt Lucas Pinheiro Braathen, der mit acht Jahren den Traum jedes brasilianischen Jungen, ein Fußball-Weltstar zu werden, aufgab – weil die Leidenschaft fürs Skifahren größer war. Erst förderte ihn sein Vater, dann der norwegische Verband. Ehe es zum großen Bruch kam.

Glänzende Leistung im Riesenslalom: Lucas Pinheiro Braathen. Foto: Imago/ABACAPRESS

Braathen war bereits eine der schillerndsten Figuren im alpinen Weltcup, als er sich mit den Funktionären überwarf. Der Gewinner der Slalom-Gesamtwertung 2023 und Showman in eigener Sache stritt mit dem norwegischen Verband über Vermarktungsrechte und die Wahl seiner Ausrüster. Weil es keine Einigung gab, erklärte er im Oktober 2023 kurzerhand seinen Rücktritt – unter Tränen und unmittelbar vor dem Saisonstart in Österreich. Danach gab es kuriose Reaktionen, unter anderem bot ihm Felix Neureuther im Spaß an, ihn zu heiraten, damit er für Deutschland starten könne. Die Wende, die dann folgte, war ebenfalls bemerkenswert.

Lucas Pinheiro Braathen und sein fimreifes Sendungsbewusstein

Im Oktober 2024 erklärte der modisch stets extravagant auftretende Edeltechniker, ab sofort als „Team Pinheiro“ (übersetzt: Kiefer) für Brasilien zu starten. Die Pressekonferenz, die er gab, fand in dem Edelrestaurant oberhalb von Sölden statt, in dem einst der James-Bond-Film „Spectre“ gedreht wurde.

„Ich möchte ein Vermächtnis hinterlassen, bei dem man sich an mich als jemanden erinnert, der sich selbst immer treu geblieben ist“, sagte Lucas Pinheiro Braathen in dem ihm eigenen filmreifen Sendungsbewusstsein, „ich möchte diesen Sport verändern, indem ich ich selbst bin. Ich will meine Persönlichkeit nicht zügeln müssen, nur weil das System es von mir erwartet. Und ich hoffe, dass ich auf diese Weise jemandem eine Inspiration sein kann. Ein Junge, der sich die Nägel lackieren will, traut sich vielleicht endlich, es zu tun, genau wie ich. Wenn ich den Sport ein wenig toleranter, bunter und vielfältiger machen kann, würde mich das viel glücklicher machen als jeder sportliche Erfolg.“ Um den es ihm aber auch immer ging.

Obwohl er die Auszeiten im Sommer nutzt, um als Model, DJ und Lebemann abseits der Pisten auf sich aufmerksam zu machen, investierte Lucas Pinheiro Braathen immer auch viel in den Sport. Laut Felix Neureuther, mit dem er befreundet ist, steckt der Skirennläufer jeden Winter zwei Millionen Euro in das Projekt Braathen: „Der brasilianische Ski-Verband ist er.“ Umso wertvoller für ihn ist, was am Samstag im Nieselregen von Bormio passierte.

Lucas Pinheiro Braathen feierte den emotionalsten Sieg seiner Karriere. Er tanzte in Skistiefeln einen Mix aus Schuhplattler und Samba, nahm im Anschluss unter Tränen einen Glückwunschanruf von niemand Geringerem als Alberto Tomba („Grazie, leggenda!“) entgegen und heulte richtig, als während der Siegerehrung die brasilianische Hymne für ihn gespielt wurde. Kurzum: Er konnte sein Glück kaum fassen. Oder war es doch wieder nur eine große Inszenierung? „Ich hoffe, dass alle zu Hause diesen Moment gesehen haben und wissen, dass alles möglich ist“, sagte er, „es spielt keine Rolle, wie man aussieht oder welche Sprache man spricht. Wichtig ist, was in deinem Herzen ist.“ Und nicht, ob Südamerika nun endlich auch mal eine Medaille bei Winterspielen gewonnen hat.

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