InterviewSkispringen – Interview mit Carina Vogt „Es fehlt eine Tournee für Frauen“

Von Jochen Klingovsky 

Carina Vogt leidet unter den Folgen ihrer Knieverletzung, kann derzeit nicht auf die Schanze – und macht sich umso mehr Gedanken: über ihre Zukunft, die Vierschanzentournee – und über die Perspektiven des Frauen-Skispringens.

Leidet noch an den Folgen eines Kreuzbandrisses: Skispringerin Carina Vogt. Foto: dpa/Daniel Karmann
Leidet noch an den Folgen eines Kreuzbandrisses: Skispringerin Carina Vogt. Foto: dpa/Daniel Karmann

Oberstdorf - Carina Vogt, in Schwäbisch Gmünd geboren, kam über ein Schülerferienprogramm beim SC Degenfeld zum Skispringen. 2014 wird die heute 27-Jährige erste Olympiasiegerin in der Geschichte des Skispringens. Danach holte sie bei der WM 2015 in Falun und der WM 2017 in Lahti jeweils Doppelgold (Einzel, Mixed-Team), dazu bei der WM 2019 in Seefeld Gold mit dem Frauen-Team. Im Juli 2019 zog sich die Polizeimeisterin bei einem Trainingssprung einen Kreuzbandriss im rechten Knie zu

Frau Vogt, an diesem Sonntag beginnt in Oberstdorf die Vierschanzentournee. Sind Sie dabei?

Nein.

Nein?

Ich war hin und wieder als Zuschauerin beim Auftakt der Tournee, aber diesmal hat mir meine Tante Karten für den Weltweihnachtszircus in Stuttgart geschenkt.

Traurig darüber?

(Lacht) Nein, nein, das passt schon. Nach dem Kreuzbandriss, den ich mir am 1. Juli zugezogen habe, dachte meine Tante, dass mir ein bisschen Abwechslung von der Reha und ein bisschen Abstand vom Skispringen nicht schaden könnten.

Liegt sie damit richtig?

Mittlerweile geht es mir wieder ganz gut.

Das heißt, dass es auch andere Phasen gab?

Ja. Bis zur Operation Anfang August hatte ich gar nicht so richtig realisiert, was eigentlich passiert war. Doch als ich danach gemerkt habe, dass nichts mehr geht, bin ich in ein tiefes Loch gefallen, habe ans Aufhören gedacht und mir die Sinnfrage gestellt: Warum mache ich das Ganze eigentlich noch?

Wie lautete die Antwort?

Als ich in meinem eigenen Körper gefangen war und nichts tun konnte, war das ein komisches Gefühl. Doch in der Phase, in der ich in der Reha aktiver sein durfte, kamen die Glückshormone zurück. Ich habe gespürt, wie viel Spaß mir der Sport macht. Und dass ich genau das tue, wofür ich leben will.

Mit welchem Ziel?

Es wird zwar eine große Herausforderung, die Heim-WM 2021 in Oberstdorf zu erreichen. Aber dort dabei zu sein ist zugleich auch ein riesiger Ansporn für mich. Das wird ein absolutes Highlight.

Von denen es für Skispringerinnen nicht viele gibt. Alle vier Jahre Olympische Spiele, alle zwei Jahre Weltmeisterschaften – das war’s.

Stimmt, und das ist ein echtes Problem. Es fehlt zum Beispiel eine Vierschanzentournee für Frauen, die aus dem normalen Weltcup-Kalender herausragen würde.

Was macht dieses Format aus?

Schon allein die Kulisse bei den Wettbewerben ist absolut beeindruckend. Die Tournee ist ein Markenzeichen im Skispringen, ein echtes Prestigeobjekt. Ich fiebere bei den Springen mit, seit ich ein Kind bin, und natürlich habe ich den Traum, selbst mal an einer Tournee teilnehmen zu dürfen.

Weshalb Sie jetzt die völlige Gleichberechtigung für Skispringerinnen fordern?

Nein, so naiv bin ich nicht. Ich weiß natürlich, dass sich eine Sportart langsam entwickeln muss, so wie es beim Männer-Skispringen ja auch der Fall war.

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Aber?

Die Plattform, die das Männer-Skispringen bietet, könnte für uns Frauen wesentlich besser genutzt werden, und ich kann nicht nachvollziehen, warum das nicht passiert. Die Männer werden doch keinen TV-Zuschauer verlieren, nur weil davor oder danach auch wir Frauen live übertragen werden. Der einzige Unterschied zwischen Springen von Männern und Frauen ist, dass bei uns die Dichte in der absoluten Weltklasse nicht ganz so hoch ist. Aber das gibt es auch in anderen Sportarten, die trotzdem populär sind und übertragen werden. Die positive Entwicklung im Biathlon hat bei Männern und Frauen parallel stattgefunden.

Erkennt der TV-Zuschauer, ob gerade ein Mann oder eine Frau von der Schanze springt?

Nur daran, dass bei der einen oder anderen Frau die langen Haare im Wind wehen. Trotzdem werden wir Skispringerinnen vom Fernsehen anders behandelt als die Skispringer, und dafür habe ich kein Verständnis. Es fehlt bei uns Frauen ja nun wirklich nicht an Erfolgen.

Wäre eine Vierschanzentournee für Frauen organisatorisch überhaupt möglich?

Sicher, wenn auch nicht am Wettkampftag der Männer. Aber unseren Wettbewerb am Vortag rund um die Qualifikation auszutragen wäre selbstverständlich machbar. Doch ich habe nicht das Gefühl, als würde sich in diese Richtung etwas bewegen – leider.

Sind Sie neidisch auf Ihre Kollegen?

Nein. Als ich mit dem Skispringen angefangen habe, stand diese Sportart noch bei null. Deshalb bin ich sehr froh über die Möglichkeit, als Frau Skispringen überhaupt auf diesem professionellen Niveau betreiben zu können. Was nicht heißt, dass unsere Sportart nicht besser verkauft werden könnte.

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Was vermissen Sie als Skispringerin außer einer Vierschanzentournee noch?

Mehr Wettkämpfe – wir brauchen einen Terminkalender mit weniger langen Pausen. Mehr gemeinsame Springen von Männern und Frauen an einem Wochenende am selben Ort. Mehr Frauen-Wettkämpfe auf attraktiven Schanzen wie in Willingen. Die Chance, auch mal auf eine Skiflugschanze zu dürfen. Mehr TV-Zeiten für Frauen in ARD und ZDF, nicht nur kurze Zusammenfassungen oder den Verweis auf den Livestream. Aktuell ist es leider so, dass es immer noch Leute gibt, die denken, nur Männer würden von Schanzen springen. Und in einer Saison ohne WM oder Olympia, wie wir sie gerade erleben, wird sich das auch nur schwer ändern lassen.

Was es schwerer macht, das Skispringen der Frauen zu vermarkten.

Richtig, wir befinden uns da in einem Teufelskreis. Ohne längere TV-Übertragungen ist es schwierig, Sponsoren zu finden. Und ohne Sponsoren gibt es natürlich weniger attraktive Veranstaltungen, die das Fernsehen interessieren könnten.

Wo ist der Ausweg?

Bei der Raw-Air-Serie, dem norwegischen Pendant zur Vierschanzentournee, sind wir mittlerweile dabei, springen immer drei Stunden vor dem Männer-Wettbewerb. Das ist nicht nur ein cooles Erlebnis, sondern auch der nächste Schritt in der Entwicklung unseres Sports.

Wie geht es bei Ihnen persönlich weiter?

Die Saison läuft seit Anfang Dezember, es ist schon Wehmut dabei, wenn ich die anderen springen sehe. Trotzdem bringt es nichts, zu früh zu viel zu machen. Ich muss mir Zeit nehmen für Rehatraining und Physiotherapie am Stützpunkt in Bad Endorf, gut auf meinen Körper hören. Vor Juni oder Juli 2020 werde ich wohl nicht auf die Schanze zurückkehren können.

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Was hilft Ihnen, optimistisch zu bleiben?

Einerseits ist es erschreckend, dass kaum eine aus unserem Team noch keinen Kreuzbandriss hatte. Andererseits kann ich aus deren Erfahrungen lernen, und es gibt ja auch positive Beispiele. Ramona Straub ist nach ihren Kreuzbandriss besser gesprungen als vor ihrer Verletzung.

Was ist, wenn nichts aus dem von Ihnen erhofften erfolgreichen Comeback wird?

Mir ist in den letzten Wochen schon bewusst geworden, dass eine Karriere schneller vorbei sein kann, als es einem lieb ist. Deshalb habe ich mich natürlich auch mit der Frage beschäftigt, was danach kommt.

Und?

Ich habe zwischen 2011 und 2015 eine Ausbildung bei der Bundespolizei gemacht, dort stehen mir alle Türen offen. Aktuell nutze ich die Zeit, um zu sehen, welcher Bereich für mich infrage kommen könnte.

Passt da ein Besuch bei der zweiten Station der Vierschanzentournee, dem Neujahrsspringen in Garmisch, in den Zeitplan?

Das überlege ich mir auf jeden Fall. Allerdings darf ich, da ich ja nicht im Wettkampfrhythmus bin, an Silvester erstmals seit Jahren ein bisschen Alkohol trinken. Mal schauen, wie fit ich danach bin (lacht).

Wer wird die Tournee diesmal gewinnen?

Ich habe drei Favoriten: Ryoyu Kobayashi, Stefan Kraft, Robert Johansson. Und natürlich steht auch Karl Geiger auf meinem Zettel. Er hatte bisher eine starke Saison und ist richtig fit – ihm traue ich einiges zu.

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