Julian Hillmer ist binnen eines Jahres um 16 Zentimeter gewachsen, will sich davon aber nicht von seinem sportlichen Weg abbringen lassen. Der 14-jährige Kaderathlet aus Fellbach möchte einer der besten Skispringer in Deutschland werden.

Fellbach - Vergangenen Donnerstag fand das letzte Springen der 70. Vierschanzentournee in Bischofshofen statt. Die besten Skispringer der Welt sind in Deutschland und Österreich wieder zu den größten Wettkämpfen dieser Sportart angetreten. Julian Hillmer und sein Vater Andreas saßen gespannt vor dem Fernseher und verfolgten die Sprünge. Der Japaner Ryoyu Kobayashi konnte die Tournee zum zweiten Mal gewinnen. Der Gesamterfolg eines deutschen Skispringers liegt schon mehr als 20 Jahre zurück – damals war Sven Hannawald zum Sieg gesprungen. Die vier großen Schanzen der Tournee reizen auch den 14-jährigen Nachwuchsspringer aus Fellbach. „Ich möchte das später mal machen“, sagt Julian Hillmer. Markus Eisenbichler will er nacheifern, ihn schätzt er besonders unter den deutschen Skispringern. „Er ist einfach lässig drauf, schaut nur auf sich und macht sein Ding.“

Markus Eisenbichler will er nacheifern, auch weil der lässig drauf ist

Ähnlich lässig präsentiert sich Julian Hillmer in den sozialen Medien. Er hat ein Video aus dem Urlaub hochgeladen, unterlegt mit Hip-Hop-Musik, wie er beim Skifahren über eine Schanze springt – und sicher landet. Es gibt noch eine bewegte Aufnahme von ihm: Mit dem Rad rast er auf eine Holzrampe zu, springt ab und kommt wieder sicher auf. Er braucht diesen Adrenalinkick, egal ob auf der Skipiste oder beim Radfahren: „Das freie Gefühl in der Luft reizt mich einfach.“

Am liebsten erfährt er dieses Gefühl aber von der Skisprungschanze aus. Er ist einer der besten Nachwuchs-Skispringer des Landes. Julian Hillmer, der für den SC Degenfeld springt, konnte sich im vergangenen Jahr bei einem Sichtungswettkampf, der von Isny wetterbedingt auf die heimische Schanze in Degenfeld verlagert worden war, mit einem ersten Platz für den D/C-Kader des Deutschen Skiverbandes (DSV) empfehlen. Seither nimmt er an den nationalen Lehrgängen für den Nachwuchs, wie im Sommer in Rastbüchl und Oberhof, teil. In Martin Schmitt, selbst ehemaliger deutscher Skispringer und Olympiasieger, gibt es eigens für seinen Jahrgang (2007) einen zusätzlichen Trainer im D-/C-Kader. „Es ist schon was ganz Spezielles, mit den ehemaligen Profis zu trainieren. Man kennt sie sonst nur von den Springen aus dem Fernsehen, und jetzt sitzt man mit ihnen im Hotel beim Essen“, sagt Julian Hillmer. Die Jüngeren lernen schnell. Sie sind schon ganz schön weit. „Sie könnten auch schon von der Großschanze springen, einige sind das auch schon im Training. Es ist nur so: Bei der Größe und dem Gewicht in dem Alter ist es bei einem etwas stärkeren Windstoß in der Luft schon gefährlich“, sagt sein Vater Andreas Hillmer. Ein Thema, das beim Skispringen eine ganz wichtige Rolle spielt. Verändern sich Größe und Gewicht der Athleten, so ändert sich auch der Körperschwerpunkt, der Absprung – einfach der ganze Ablauf des Bewegungsapparats. Das war für Julian Hillmer im vergangenen Jahr nicht leicht. Er ist in nur einem Jahr 16 Zentimeter gewachsen und nun 1,70 Meter groß. „Da weiß man manchmal nicht, wo vorne und hinten ist“, sagt der erst 14-Jährige.

Verändern sich Größe und Gewicht der Athleten, verändert sich alles

Doch der Schüler stellt sich darauf ein und gehört immer noch zu den besten Skispringern seines Alters. Im vergangenen Jahr erreichte er beim Deutschlandpokal in Oberhof auf der 90-Meter-Schanze, eigentlich erst für zumindest 15-jährige Skispringer vorgesehen, den sechsten Platz. Beim Schülercup im bayerischen Rastbüchl belegte er Mitte Dezember auf der 74-Meter-Schanze den dritten und den vierten Platz. Den Deutschlandpokal in Villach am vergangenen Wochenende schloss er mit neunten Plätzen ab. Vor ihm auf dem ersten Platz bei allen Springen landete Janne Holz aus Waiblingen – wohl das größte Talent in seiner Altersklasse. „Wir pushen uns zu besseren Leistungen. Wir sind Freunde“, sagt Julian Hillmer über seinen Teamgefährten vom SC Degenfeld, ebenfalls Teil des D/C-Kader.

Dieser ermöglicht Julian Hillmer und Janne Holz auch andere Trainingsmöglichkeiten. Sie konnten vermehrt auf den Schanzen trainieren. Während der Coronapandemie mussten die jungen Skispringer ohne den Spitzensportstatus zurückstecken und konnten häufig nur zu Hause an den körperlichen Voraussetzungen arbeiten. Für Julian Hillmer geht es nun oft nach der Schule direkt zum Schanzentraining, freie Zeit bleibt aus. In Einzelfällen verpasst er Klausuren am Friedrich-Schiller-Gymnasium in Fellbach, die er dann nachholen muss. „Ich bekomme das schon hin, mir ist es das wert“, sagt Julian Hillmer zum Spagat zwischen Schule und Skispringen. Und trotzdem steht die Überlegung im Raum, zur nächsten Wintersaison und zum kommenden Schuljahr – wie andere Toptalente des Wintersports – an das Skiinternat in Furtwangen im Schwarzwald zu wechseln. Er würde dann rund 150 Kilometer entfernt von seiner Familie leben, die ihn auf seinem beschwerlichen Weg unterstützt. „Es geht nicht immer nur nach oben, man kann nicht immer gewinnen. Er ist gerade auf einem guten Weg – das Wichtigste ist aber, dass der Spaß bleibt“, sagt Andreas Hillmer. Der Filius weiß ja auch, wo er mit Spaß, Mut und Ehrgeiz hin will. Zur Vierschanzentournee: „Das ist mein Ziel.“ https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.skispringen-wintersportler-mit-hochsaison-im-sommer.7d534634-41f0-4389-9b44-a0898847c3fb.html?reduced=true