Skispringer aus Fellbach Mit Skiern anstatt Flügeln durch die Luft

Adrenalin pur: Julian Hillmer muss beim Fliegen bis zur Landung die Spannung halten Foto: Privat
Adrenalin pur: Julian Hillmer muss beim Fliegen bis zur Landung die Spannung halten Foto: Privat

Julian Hillmer, 12, nimmt schon seit rund vier Jahren an Wettkämpfen teil – erfolgreich. Der Fellbacher, der für den SC Degenfeld startet, zählt in seiner Altersklasse zu den Besten im Land. Später will er einmal die Vier-Schanzen-Tournee gewinnen.

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Fellbach - Julian Hillmer fliegt. Seine Beine und Arme spreizt er nach hinten wie Federn, sein Kopf ist die Pfeilspitze. Ein paar Sekunden dauert der Flug, dann die Landung. Julian Hillmer, zwölf Jahre alt, gleitet auf seinen Skiern den Hang hinunter. Dann endet das Video. Und Julian Hillmer lässt sich mit seinem Handy wieder in den Rücksitz plumpsen. Er und seine Mutter fahren an einem Montag im November zum Athletiktraining von Fellbach zum Skiclub Degenfeld. Draußen ist es bereits dunkel – und kalt. Bald soll Schnee die Matten der Schanzen ersetzen.

Wenn er groß ist, will Julian Hillmer die Vier-Schanzen-Tournee gewinnen

Julian Hillmer ist Skispringer. Beim SC Degenfeld zählt er zu den Besten. Er hat schon mehrere Preise gewonnen. In seinem Zimmer glänzen in einer Vitrine Pokale, über seinem Bett hängen Medaillen, auf der Kommode stehen Trophäen. Nordische Kombination Skisprung – Gesamtwertung erster Platz. Fis-Schüler-Grand-Prix 2019 – erster Platz. Deutscher Skiverband Schülercup 2019 – erster Platz. Wenn er groß ist, will Julian Hillmer die Vier-Schanzen-Tournee gewinnen. Jeden Winter werden die Wettkämpfe in Deutschland und Österreich ausgetragen. An diesem Samstag kämpfen Weltklasse-Skispringer in Innsbruck um Punkte und am Sonntag und Montag noch in Bischofshofen, danach steht der Gesamtsieger aller vier Wettkämpfe fest. Für seinen Traum gab Julian Hillmer sogar das Fußballspielen auf. Er verstaute die alten Pokale in Kisten, um seinem Leben als Skispringer mehr Platz zu schaffen. Dabei begann alles ganz harmlos mit dem Satz eines Sechsjährigen. Die Hillmers waren zu einer Geburtstagsfeier in Degenfeld eingeladen, dort wo die Skispringer im Sommer auf Matten üben. Julian sah die K-43-Meter-Schanze des Skiclubs und war begeistert. „Kann ich da runterspringen?“, fragte er seine Eltern. Sein Vater sagte, klar kannst du das. Seine Mutter dachte, der Wunsch legt sich wieder. Doch sie täuschte sich. Immer wieder fragte Julian seine Eltern, bis er im Frühjahr 2015 das erste Mal von der kleineren K-15-Meter-Schanze flog. Seitdem trainiert er im Sommer unter der Woche bis zu viermal und im Winter bis zu zweimal.

Julians Leben besteht zum großen Teil aus Schule, Training, Schlafen

Mit gepackter Tasche wartet Julian an diesem Montagabend im November darauf, dass es endlich zum Training losgeht. Er kommt gerne pünktlich. Im Auto fragt er seine Mutter Heike Hillmer: „Kannst du nachschauen, ob Stau ist.“ Rund 50 Minuten brauchen sie, wenn sie keine Umgehungen fahren müssen. Anfangs nahm Julian die S-Bahn, doch aufgrund von Fahrplanänderungen und Ausfällen kam er so oft zu spät, dass sich seine Eltern einen Zweitwagen kauften. Hat er nachmittags Unterricht, wartet sein Vater jetzt schon mit laufendem Motor auf ihn. Julians Leben besteht zum großen Teil aus Schule, Training, Schlafen – auch seine Freunde hat er beim Skispringen. Janne Holz aus Waiblingen startet ebenfalls für den SC Degenfeld, auch er gehört zu den Besten. Beim Deutschen Schülercup in Winterberg wurde er im Oktober in der Schülerklasse S12 Erster, Julian schaffte es nur auf den vierten Platz. „Das hat ihn sehr geärgert“, erzählt Heike Hillmer. Noch will sie ihrem Sohn keine Hoffnung auf die Vier-Schanzen-Tournee machen, zu viel kann bis dahin geschehen. Sollte Julian aber weiterhin am Skispringen Spaß haben und gewinnen, wird sie ihm alle Türen für eine Teilnahme öffnen. Für ihren Sohn nimmt sie sich gerne Zeit.

Ende Januar gehen für Julian die ersten Wettkämpfe im neuen Jahr los

Sie erreichen die Kalte-Feld-Halle in Degenfeld. Sobald Heike Hillmer geparkt hat, löst Julian die Sitzsperre, schiebt die Lehne nach vorne gegen den Rücken seiner Mutter. „Lass mich doch erst aussteigen“, sagt diese und drückt die Türe auf. Beim Athletiktraining reicht die Altersspanne von sechs bis siebzehn. Der Coach Max Rohde muss ein Programm anbieten, bei dem alle mitmachen können. Schuhe quietschen über den Hallenboden. Die Kinder und Jugendlichen üben Sprünge. Einbeinig, beidbeinig, höhenversetzt, parallel – alles auf Tempo. „Jedes Quietschen bedeutet, dass ihr bremst“, erklärt er. Auch bei Julian Hillmer quietschen die Schuhe, als er über die am Boden aufgereihten Hockeyschläger springt. 5,76 Sekunden. Er hat seine Winterjacke gegen ein blaues T-Shirt getauscht. Darauf steht SC Degenfeld. Beim zweiten Versuch quietschen die Schuhe von Julian weniger. 5,18 Sekunden. Seine Backen sind vor Anstrengung gerötet, als hätte er Rouge aufgetragen. Am Ende des Trainings sagt Max Rohde: „Julian kann meistens sehr gut das umsetzen, was ich ihm sage.“ Im Sommer vor zwei Jahren durfte Julian bereits von der neuen K-75-Meter-Schanze in Degenfeld springen, obwohl er damals für Wettbewerbe auf solchen Schanzen noch gar nicht zugelassen war. 68 Meter weit flog er. „Das war für mich das schönste Erlebnis“, sagt er auf der Rückfahrt im Auto. Sein nächstes Ziel ist die K-90-Meter-Schanze. Angst hatte er noch nie, seine Mutter schon. „Wenn er die ersten Male von einer neuen Schanze springt, schaue ich nicht zu“, sagt sie.

Ende Januar gehen für Julian die ersten Wettkämpfe im neuen Jahr los. Dann werden die Hillmers zum Schülercup Richtung Ruhestein im Schwarzwald fahren. Es ist wie ein Familienausflug am Wochenende, an dem sie Freunde treffen. Und dann kann Julian wieder fliegen.




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