Skisprung-Star über seinen Burn-out Sven Hannawald und die Landung im Leben

Skisprung-Star Sven Hannawald (unten) im Gespräch mit Jan-Philipp Schlecht (oben links), Chefredakteur der Kreiszeitung, und Sportredakteur Kevin Schuon Foto: Screenshot

2002 gewann Sven Hannawald alle vier Springen bei der Vierschanzentournee. Doch nach dem Höhenflug kam die unsanfte Landung. Er erkrankte am Burn-out-Syndrom, musste seine Karriere 2005 beenden. Im einstündigen Gespräch blickt er auf die schwierigste Zeit in seinem Leben zurück.

Böblingen - Wer hoch fliegt, kann tief fallen. Sven Hannawald gehört zu den größten Wintersportlegenden überhaupt. 2002 gelang ihm das, was zuvor noch nie einer geschafft hatte. Er konnte alle vier Skispringen der Vierschanzentournee gewinnen. Zwei Jahre später war er dann völlig ausgebrannt. Er hat ein Leben mit Höhen und Tiefen hinter sich. Im einstündigen Live-Gespräch mit unserer Zeitung, das im Rahmen der Reihe „Hürden gesund meistern“ in Kooperation mit der AOK Stuttgart-Böblingen stattfand, zeigte sich der 47-Jährige von seiner ganz persönlichen Seite.

 

Sven Hannawald sitzt zu Hause im Arbeitszimmer in der Nähe von München. Es ist spärlich eingerichtet, markanter Holzboden, ein großer weißer Schrank. Einziger Farbtupfer: Ein Liegestuhl mit dem Logo des SC Freiburg. „Der Verein ist mir in meiner Zeit im Schwarzwald ans Herz gewachsen“, erzählt Hannawald im Vorgespräch. Man müsse diesen einfach sympathisch finden: ehrliche und harte Arbeit im verrückten Fußballzirkus – mit Ehrgeiz und Fleiß aus wenig viel machen. Dazu ein Typ wie Christian Streich an der Seitenlinie.

Schon immer ein sehr ehrgeiziger Typ

Wie es oft bei Sportlern ist, zählt der 47-Jährige Attribute auf, die ihn Zeit seiner Karriere und seines Lebens selbst ausgezeichnet haben. Bei seinen Siegen konnte „Hanni“ jubeln wie der Vulkan Christian Streich. Wenn es schlecht lief, verlor der Skispringer auch gerne mal die Beherrschung. „Ich bin ein ehrgeiziger Typ“, bestätigt er. „Egal, was ich mache. Wenn ich das Laub bei uns vom Grundstück entferne, und zwei Blätter liegenbleiben, bin ich unzufrieden.“ 100 Prozent, immer am Anschlag, alles oder nichts.

Der junge Hannawald war talentiert, aber kein Ausnahmeathlet. „Mir fehlte fürs Skispringen etwas ganz Entscheidendes: die Sprungkraft.“ Um das Defizit auszugleichen, reduzierte er sein Körpergewicht. Magersüchtig sei er nie gewesen, betont er. „Ich arbeitete eng mit unserem Mannschaftsarzt zusammen. Das war alles kontrolliert. Sonst hätte ich auch keine Leistung mehr bringen können.“ Ein Wahn war es dennoch. Das erkennt er, wenn er heute die Bilder von damals sieht. Doch damals sah er vor allem eines: „Mit jedem halben Kilo, das ich weniger hatte, flog ich weiter.“

Der Mythos von 2002 hält bis heute an

In seinem Höhenflug schien es, als könnte ihn nichts aufhalten. „Zeitweise hatte ich das Gefühl, ich könnte rückwärts springen“, sagt er rückblickend auf seine beste Zeit. In der Saison 2001/2002 gelang ihm das, was vor ihm noch keiner geschafft hatte. Er gewann alle vier Springen der Vierschanzentournee. Und Millionen Menschen fieberten mit. Am Rand der Skisprungarenen und bei offiziellen Empfängen kreischten die Teenager, rollten Spruchbänder aus: „Hanni, ich will ein Kind von Dir.“ Hannawald war nicht nur der Herr der Lüfte sondern auch der Sunnyboy im Tiefschnee. Ein Mythos, der heute immer noch bestand hat. Das zeigte sich deutlich, als 15 Jahre später fast genauso viele Menschen vor den Fernsehern in Deutschland mitfieberten, diesmal jedoch die Daumen drückten, dass der Pole Kamil Stoch eben nicht auf allen vier Schanzen gewinnt.

2004 verlangte der Körper nach einer Pause

Ähnlich wie die Abläufe seiner schönsten Sprünge verlief auch Hannawalds Leben. Auch, wer scheinbar endlos durch die Lüfte fliegt, kommt irgendwann wieder herunter. Und anders als auf den Skisprungschanzen war die Landung in der Realität ziemlich unsanft. Im April 2004 gab Hannawald bekannt, dass er am Burn-out-Syndrom leidet, vollkommen ausgebrannt ist – und sich in eine Spezialklinik begeben hat. „Ich war an einen Punkt gekommen, da konnte ich überhaupt nichts mehr machen.“ Das Ziel sei weggewesen. „Ich hatte meinen Kindheitstraum erfüllt.“ Sein Körper verlangte eine Pause.

Skispringen ist ein Sport, der von Routine und Abläufen lebt. Von klein auf holen sich die Athleten die Sicherheit, machen einen Schritt nach dem anderen. Alles wird bis ins kleinste Detail analysiert und durchgeplant. Sich auf das, was nach dem sportlichen Erfolg passiert, vorzubereiten, ist dagegen unmöglich. Sein halbes Leben wurde öffentlich übertragen. Um sich in Ruhe auf die wichtigsten Wettkämpfe vorbereiten zu können, suchte er Zuflucht im Zelt, in dem die Ski präpariert wurden. „Dort hat unser Techniker die Ski gewachst und ich bin daneben auf und ab gehüpft, um mich aufzuwärmen.“

Ein mutiger Schritt

Der Schritt, mit seiner Krankheit an die Öffentlichkeit zu gehen, war zum damaligen Zeitpunkt ein sehr mutiger. Wenige Monate zuvor hatte auch Fußballprofi Sebastian Deisler eine Karrierepause eingelegt, weil er an einer psychischen Erkrankung litt. Und die Bosse des FC Bayern München taten zunächst alles dafür, um dies unter den Teppich zu kehren. Heute trauen sich Sportler eher einzugestehen, dass sie erschöpft sind oder mit dem Druck nicht mehr klarkommen. „Das finde ich gut“, betont Hannawald, „das ist der richtige Weg.“ Auch er hat dieser Entwicklung den Weg bereitet. „Ich wollte das nicht verheimlichen. Es war, wie es war.“

Der schwerste Tag des Lebens

Ein Jahr nach der Diagnose folgte die Erkenntnis, dass seine Karriere vorbei ist. „Der schwerste Tag meines Lebens“, sagt Hannawald noch heute. „Ich musste es einsehen, dass ich die große Liebe Skispringen ad acta legen muss.“ Ansonsten wäre er früher oder später wohl wieder in einer Klinik gelandet. „Auch, weil ich mich mit Platz 20 nicht zufrieden gegeben hätte.“ Sein Anspruch war immer, der Beste zu sein.

Eine neue Aufgabe fand er im Autorennen. Wieso es unbedingt die nächste adrenalingeladene Sportart sein musste? „Ich bin Ultra-Michael-Schumacher-Fan. Das war ebenfalls ein Kindheitstraum von mir.“ Ab diesem Zeitpunkt konnte er sich auch wieder mit Skispringen beschäftigen. „Weil ich eine neue Welt hatte und nicht mehr nur in der Vergangenheit gelebt habe.“

Was er aus der schwierigsten Zeit seines Lebens gelernt hat? „Dass ich mich zwar immer mit 100 Prozent meinen Aufgaben widmen kann, aber ich mir danach auch Pausen geben muss.“ Das hätte er früher jedenfalls nicht gekonnt. „Da dachte ich mir immer: Vom Pause machen ist bisher noch keiner Weltmeister geworden.“

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