Das steckt hinter der Erkrankung
„Bei einer Skoliose ist die Wirbelsäule in zwei Ebenen verkrümmt“, erläutert Micha Langendörfer, Leitender Oberarzt der Orthopädischen Klinik des Klinikums Stuttgart. Von hinten betrachtet hat die Wirbelsäule eine S-Form und ist zusätzlich in sich verdreht. Die typische Skoliose, die bereits im Jugendalter auftritt, sei idiopathisch, erläutert er – das heißt, die genaue Ursache für die Fehlstellung ist oft unbekannt. „Die genetische Vererbung ist aber sicher ein starker Faktor“, so Langendörfer. Auch Hormone spielen eine Rolle: Denn Frauen sind häufiger von der Erkrankung betroffen als Männer. Es gebe aber noch viele andere Komponenten, die eine Skoliose verursachen könnten.
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„Jeder zehnte hat eine Fehlstellung der Wirbelsäule“, sagt der Oberarzt. Das sei aber nicht immer eine Skoliose. „Die Verkrümmung muss mindestens zehn Grad betragen.“ Die Gradzahl gibt allgemein an, wie schwer eine Skoliose ist. Ermittelt wird der Wert durch ein Röntgenbild der Wirbelsäule. Um eine Skoliose festzustellen, werde aber nicht nur geröntgt: Laut Langendörfer untersucht man den Patienten im Stehen darauf, ob beispielsweise das Becken schief steht oder eine Schulter hervorsteht.
Die Erkrankung war ihr unbekannt
Ihre Diagnose nahm Sabine Proß, die inzwischen 48 Jahre alt ist und in Bad Cannstatt lebt, damals relativ gut auf. „Es war irgendwie komisch, aber nicht so schlimm“, schildert sie. Von der Erkrankung hatte sie bis dahin noch nie etwas gehört. Als sie die Diagnose erhielt, betrug die Verkrümmung ihrer Wirbelsäule 30 Grad. Sie begann schließlich regelmäßig in die Physiotherapie zu gehen und bekam zusätzlich ein Korsett.
Ab einer Verkrümmung von 20 Grad ist laut Micha Langendörfer eine Korsettbehandlung nötig. „Denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Skoliose noch schlechter wird, wenn der Patient weiter wächst.“ Heutzutage kommt dabei häufig das Chêneau-Korsett zum Einsatz. „Es besteht aus Hartplastik und reicht von den Achseln bis zum Becken“, so der Oberarzt. Pelotten aus Schaumstoff drücken darin gegen die Krümmungen der Wirbelsäule und die Verdrehung. Das Korsett müsse so viel wie möglich getragen werden, bis das Wachstum abgeschlossen ist: „Am besten mindestens 16 Stunden am Tag, darunter ist es nicht effektiv“, erklärt er.
So erlebte die Stuttgarterin ihre Zeit im Korsett
Sabine Proß’ erstes Korsett sah damals etwas anders aus: „Es bestand aus zwei Eisenstangen, an denen Pelotten dran waren“, erzählt sie. „Und es hatte auch eine Halskrause.“ Nur ein bis zwei Stunden am Tag durfte sie das Korsett ausziehen, gerade am Anfang sei das unangenehm gewesen. „Man hat sich Druckstellen geholt und in der Nacht wusste man nicht, wie man liegen soll“, schildert sie. „Aber man gewöhnt sich daran.“ Als sie ausgewachsen war, durfte sie das Korsett immer öfter weglassen, irgendwann durfte sie es ganz ablegen. Eigentlich wäre hier die Behandlung zu Ende gewesen. Jedoch merkte ihre Krankengymnastin, dass sich die Skoliose wieder verschlechterte und noch schlimmer wurde als zuvor. Sabine Proß wechselte den Orthopäden, ließ sich röntgen: Ihre Skoliose lag nun bei 56 Grad. Der Arzt riet zu einer Operation.
„Ab 50 Grad kann eine Skoliose eine Behinderung im Alltag sein“, erläutert Langendörfer den Grund für einen solchen Eingriff. Es gebe verschiedene Methoden für die Operation von Skoliose. Eine sichere und dauerhafte Korrektur wird laut dem Oberarzt erreicht, in dem an den Wirbelkörpern im Bereich der Krümmung Schrauben angebracht werden. An diesen würden dann Stäbe befestigt, welche die Wirbelsäule in eine geradere Position bringen. Das bezeichne man oft als Versteifungsoperation. „Die Wirbelsäule bleibt dann fest und verändert sich nicht mehr“, so Langendörfer.
Zwei Mal unterzog sich Sabine Proß einem Eingriff
Mit 17 Jahren wurde Sabine Proß operiert. Vor dem Eingriff hatte sie Angst. „Man könnte ja nachher querschnittsgelähmt rauskommen, wobei die Wahrscheinlichkeit dafür sehr gering ist “, erklärt sie. „Als ich nach der Operation aufgewacht bin, habe ich gleich geschaut, ob ich meine Füße bewegen kann.“ Bei dem Eingriff wurde ihre Brustwirbelsäule mit Schrauben an den Wirbeln und einer dünnen Stange versteift. Die erste Woche nach der Operation verbrachte sie im Gipsbett. „Dann fängt man an, sich wieder langsam zu bewegen“, schildert sie. In dieser Zeit habe sie ein Gipskorsett getragen. Einige Wochen nach der Operation bekam sie dann ein Korsett, das festgeschraubt wurde und sich nicht ausziehen ließ. Mit 18 Jahren musste Sabine Proß schließlich ein zweites Mal operiert werden. Denn der Stab an ihrer Wirbelsäule war gebrochen. „Das bedeutete für mich, dass ich alles noch mal von vorne machen musste“, so die 48-Jährige. Im zweiten Eingriff wurde ein dickerer Stab eingesetzt, danach folgten wieder der Gips und das Korsett.
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In dieser Zeit gab es auch Momente, in denen sie sich wünschte, keine Skoliose zu haben. „Man fragt sich, warum das so sein muss“, erzählt Proß. „Es ist nicht schön, sechs Wochen im Krankenhaus zu verbringen.“ Auch die Angst vor den Eingriffen zählt zu den negativen Erfahrungen mit ihrer Skoliose. Außerdem habe sie beispielsweise auf sportliche Aktivitäten wie Volleyball oder Schlittschuhlaufen verzichten müssen. „Aber das war nicht viel, man hat sonst ein völlig normales Leben.“
Die Stuttgarterin blickt positiv auf Ihre Erfahrungen zurück
Gleichzeitig habe sie aus der Zeit viel Positives mitgenommen. „Ich hatte eine tolle Unterstützung von meiner Familie“, schildert sie. „Obwohl die Klinik weit weg war, sind mein Bruder und meine Eltern gekommen, sodass ich mich nie schlecht fühlte.“ Sie habe auch gelernt, dass man alles schaffen könne. „Und dass man offen mit solchen Themen umgehen sollte“, so Proß. „Wenn man davon erzählt, sagen plötzlich andere Leute, dass sie auch Skoliose haben oder Betroffene kennen.“ Ihre Erkrankung handhabte sie schon immer offensiv, wie die 48-Jährige erklärt. „Warum sollte ich es verschweigen?“ Auch das festgeschraubte Korsett nach der Operation versteckte sie nicht, ging damit sogar ins Schwimmbad. Nur die Blicke der Leute seien manchmal schwer zu ertragen gewesen, erinnert sie sich.
Sabine Proß ist in ihrer Familie mittlerweile nicht mehr die einzige Person mit Skoliose: Bei ihrer Tochter wurde die Erkrankung festgestellt – möglicherweise hat sie diese von ihrer Mutter geerbt. Auch sie brauchte ein Korsett. „Sie hat es aber nicht lange tragen müssen“, erzählt Proß. Ihr Rücken habe sich so gut entwickelt, dass bei der 17-Jährigen inzwischen keine Verkrümmung mehr messbar ist. Sabine Proß dagegen hat heute 30 Grad Skoliose, die Operation hat viel verbessert. „Meine Wirbelsäule ist weniger verkrümmt, aber natürlich nicht ganz gerade.“ Der Eingriff sei die richtige Entscheidung gewesen. Denn ohne die Operation hätte sich die Skoliose vielleicht noch verschlechtert.
Im Alter kann die schiefe Wirbelsäule problematisch werden
Wie bei der 48-Jährigen verschwindet die Verkrümmung laut Micha Langendörfer trotz Behandlung meist nicht vollständig: „Die Skoliose bleibt einem erhalten.“ Auch durch einen Eingriff werde die Wirbelsäule nicht ganz gerade: „Je stärker die Skoliose ist, desto mehr bleibt auch nach der Operation noch übrig.“ Starke Verkrümmungen könnten auch zu Problemen im Alter führen, wie Rückenschmerzen, Verspannungen oder Bewegungseinschränkungen. „Das muss aber nicht so sein“.
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Sabine Proß bereitet ihr Rücken ebenfalls mit zunehmendem Alter Probleme – auch aufgrund der Operation. Da die Brustwirbelsäule versteift ist, müssten die unteren Wirbel alle Bewegungen aufnehmen, schildert sie. „Und das merke ich in den letzten Jahren deutlich, vor Kurzem hatte ich auch einen Bandscheibenvorfall.“ Auch beim Liegen habe sie Probleme. Ansonsten sei sie aber durch die Verkrümmung ihrer Wirbelsäule kaum eingeschränkt. „Die Skoliose ist kein Damoklesschwert, das über mir schwebt“, so die Stuttgarterin. „Sie ist einfach ein Teil von mir.“