+Skurrile Idee Weihnachtliches Ostern: Wie ein Esslinger „Wostern“ feiert
Ostern und Weihnachten – Jürgen Pintscher aus Esslingen liebt beides. Und da er sich nicht für ein Fest entscheiden mag, verbindet er sie zu einer weihnachtlichen Osterkombi.
Ostern und Weihnachten – Jürgen Pintscher aus Esslingen liebt beides. Und da er sich nicht für ein Fest entscheiden mag, verbindet er sie zu einer weihnachtlichen Osterkombi.
Das ist jetzt wirklich nicht die richtige Zeit dafür. Da läuft etwas ganz gehörig schief. Irgendetwas ist da im Kalender durcheinander geraten. Der Duft von Lebkuchen sollte eigentlich verführerisch und wohlriechend durch die Weihnachtszeit wehen. An Ostern hat er nichts verloren. Falsch. Jürgen Pintscher aus dem Esslinger Stadtteil Mettingen dreht einfach mal die Feiertagsgewohnheiten um.
Das geschmackvolle, liebliche Lebkuchen-Aroma, meint der Dekorateur in Rente, muss kein rein weihnachtliches Privileg sein. Er möchte auch zu Ostern nicht auf dieses wohlige Glücksgefühl verzichten. Muss er auch nicht. Rechtzeitig zum Frühling holt der leidenschaftliche Sammler seine gut sortierte Lebkuchen-Armada mit Ostermotiven und in Form von Osterhasen aus den Schränken. Denn der 75-Jährige feiert „Wostern“ – einen Mix aus Weihnachten und Ostern.
Feiert er wirklich mit Lebkuchen? Nicht im strengen Wortsinn. Vorsicht ist da geboten, warnt Jürgen Pintscher. In Pulsnitz in der Region Oberlausitz gelte es als unverzeihlicher Fehler, das würzige Gebäck als „Lebkuchen“ zu bezeichnen, stellt der gebürtige Hesse klar. Lebkuchen gehören nach Nürnberg. Nach Pulsnitz aber gehören Pfefferkuchen. Eine Verwechslung gelte als ein unverzeihlicher verbaler Fauxpas, der mit lebenslangem Verzehrverbot bestraft werde, witzelt Jürgen Pintscher. Ist natürlich nur ein überspitzter Gag. Mit einem Körnchen Wahrheit. Denn, in der Tat, die Pfefferkuchen-Tradition werde in Pulsnitz sehr ernst genommen. Die Leckereien werden dort das ganze Jahr über nach Jahrhunderte alten Rezepten hergestellt. Zu Ostern gibt es sie in Form von Hasen, Eiern, Möhren und Karotten, Küken oder herzförmig mit Frühlingsmotiven drauf.
Sie sind die zarteste Versuchung, seit es Pfefferkuchen gibt, schwärmt Jürgen Pintscher. Er ist leidenschaftlicher Sammler von Oster- und Weihnachtsartikeln, und aus seinem riesigen Fundus heraus bestückte er immer wieder Ausstellungen in verschiedenen Museen in der gesamten Bundesrepublik. Eine dieser Veranstaltungen führte ihn in den Landkreis Bautzen in die Oberlausitz. Zu Auf- und Abbau sowie zur Begleitung „seiner“ Ausstellung hielt er sich mehrere Tage in der Region auf und stieß dabei auf die österlichen Pfefferkuchen.
In Pulsnitz, sagt er, gibt es mehrere Anbieter von Pfefferkuchen – eine große Fabrik und viele kleinere Küchlereien: Morgens um 9 Uhr hat er während seines Besuchs dort mit einer kulinarischen Tournee durch die Leckerbackstuben des Ortes begonnen und ein privates Pefferkuchen-Tasting gestartet. Am späten Nachmittag war er fertig. Sein Magen auch? Aber nein. Clevererweise hat Jürgen Pintscher das Naschen vor Ort nach kurzer Zeit eingestellt und einen Vorrat der Appetithappen in Tragtüten zwecks späterer Verkostung mit nach Hause nach Esslingen-Mettingen genommen.
Ein Teil davon hat alle Heißhungerattacken und österliche Genussgelüste überstanden. Auf seinem Wohnzimmertisch in seiner Wohnung in Mettingen hat er die Osterlebkuchen in einem Körbchen dekorativ zur Schau gestellt. Der besseren Optik wegen hat er sie sogar lackiert. Diese Aktion, meint er, würde alle Verzehrwünsche im Keim ersticken.
Dabei sehen die Pfefferkuchen sogar mit Lack überzogen köstlich aus. Die Macher in der Oberlausitz hatten schließlich reichlich Zeit, ihr Handwerk zu vervollkommnen. Wie lange es die Pfefferkuchen dort schon gibt, lässt sich schwer sagen. Doch laut den Homepages lokaler Hersteller stammt der bisher älteste nachweisbare urkundliche Beleg aus dem Jahr 1558. Damals erlaubte die Obrigkeit den Produzenten in der Stadt, Pfefferkuchen über den eigenen Bedarf hinaus zu backen. Aber allerdings erst nachdem die Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln wie Brot abgesichert war. Pfefferkuchen waren wohl ganz nach dem Geschmack der Menschen. Sie wurden im Laufe der Jahrhunderte verfeinert. 1745 gab es laut Pulsnitzer Internetseiten eine neue schmackhafte Blüte, als der Einheimische Tobias Thomas von einer Walz in den damaligen preußischen Landkreis Thorn weitere Anregungen mitbrachte.
Historische Spitzfindigkeiten sind Jürgen Pintscher egal. Er freut sich an den weihnachtlich-österlichen Dekoartikeln. Beide christliche Hochfeste liebt er seit frühesten Jugendtagen. Viele Jahre lebte er in einem Kinderheim. Der Alltag war nicht immer leicht, aber Weihnachten und Ostern mit dem besonderen Zauber der Festtage, den Geschenken und dem ganzen Dekoschmuck haben ihn besonders glücklich gemacht. Dieses Glück wollte er sich auch als Erwachsener bewahren. In Form gesammelter österlicher und weihnachtlicher Dekoartikel.
Sein erstes Sammelobjekt, erinnert er sich, war ein Weihnachtsmann aus dem Jahr 1960, den er für eine Mark erwarb. Die Figur war aus festem Pappmaché, hatte unten einen aufklappbaren Verschluss und war innen hohl, sodass sie mit Süßigkeiten gefüllt werden konnte. Einen „Candy-Container“ nennt Jürgen Pintscher diese Konstruktion.
Der Weihnachtsmann bekam viele Geschwister. Jürgen Pintschers Sammlung wuchs. Eine Dauerausstellung bestimmter Lieblingsobjekte hat er das ganze Jahr über in seinem Wohnzimmer aufgebaut. Zu Weihnachten oder Ostern kramt er originelle Besonderheiten aus seinem Fundus heraus.
Die Lebkuchen in Form von Osterhasen etwa. Spannend sei, so Jürgen Pintscher, dass die Umsätze aus dem Verkauf in der Pfefferkuchenstadt zu Weihnachten und zu Ostern etwa gleich hoch seien. Die Leckereien in österlichem Design kommen aber nicht nur aus Pulsnitz, stellt Jürgen Pintscher in seiner sympathisch-temperamentvollen Art klar. Es gibt sie beispielsweise auch made in Gertwiller im Elsass. Dort wird „Pain d’epice“, eine Art Gewürz-, Honig- oder auch Lebkuchen, produziert. Er hat sie ebenfalls probiert und sich ein paar für seine Sammlung angeschafft.
Auch mit ihnen feiert er „Wostern“, Weihnachten und Ostern gleichzeitig. Ob ab dem 24. Dezember dann „Onachten“ – eine Mischung aus Ostern und Weihnachten – ansteht? Da muss er mal in seiner Sammlung schauen. Da müsste sich doch noch einmal etwas finden lassen, das Weihnachten und Ostern ähnlich gut miteinander verbindet wie Lebkuchen in Form von Osterhasen.