Skurriler Brauch aus dem Mittelalter Katzenmumien als Abwehrzauber gegen Hexen

Diese sechs Katzenmumien lagern im Archiv des Wimpelinmuseums in Markgröningen. Zwei Exponate  werden am Tag des offenen Denkmals zu sehen sein. Foto: factum/Granville 7 Bilder
Diese sechs Katzenmumien lagern im Archiv des Wimpelinmuseums in Markgröningen. Zwei Exponate werden am Tag des offenen Denkmals zu sehen sein. Foto: factum/Granville

Immer wieder werden bei Renovierungsarbeiten an alten Häusern mumifizierte Katzen entdeckt. Die Markgröninger Stadtarchivarin Petra Schad forscht zu diesem ungewöhnlichen Brauch.

Ludwigsburg: Philipp Obergassner (pho)
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Markgröningen - Im Lager des Wimpelinmuseums in Markgröningen liegt ein Koffer, den Petra Schads Kolleginnen nicht einmal mit Handschuhen anfassen. „Die finden das ekelhaft“, sagt die Stadtarchivarin. Der Inhalt: sechs tote, mumifizierte Katzen. Zugegeben: der Inhalt riecht etwas streng. Aber Schad hat da eher den sachlich-wissenschaftlichen Blick auf die toten Tiere. Seit 1999 forscht die 56-Jährige zum Thema Katzenmumien. 44 solcher Mumien hat sie seitdem im Landkreis erfasst, darunter Fundorte in Schwieberdingen, Vaihingen/Enz, Sachsenheim oder Bietigheim-Bissingen. 43 weitere in Deutschland, England, Frankreich und Tirol.

Alles begann mit dem Fund zweier Katzenmumien bei der Renovierung der Herrenküferei in Markgröningen. „Handwerker und Architekten waren ratlos. Es sah so aus, als wäre das etwas sehr Besonderes“, sagt die promovierte Historikerin. Sie hörte sich bei Handwerkern und Besitzern älterer Häuser um und merkte: die mumifizierten Tiere werden häufiger entdeckt, meist bei der Sanierung alter Gebäude. Schad legte eine Datei an, in der sie Angaben zum Fundort im Haus sowie dessen Baujahr vermerkte. „Mittlerweile sehen manche eine tote Katze und denken gleich an mich.“

Der letzte Fund stammt aus dem Jahr 1910

Zu Beginn der Forschungsarbeit war noch vieles unklar: sind es Zufallsfunde? Haben die Tiere sich dort zum Sterben verkrochen oder wurden sie von Menschen absichtlich eingeschlossen? Die ausgetrockneten Tiere fanden sich im Zwischenboden oder oft in der Nähe des Kamins. Dort war es trocken und warm, so dass die Tiere zu Trockenmumien wurden. Schads erfasste Funde reichen von Häusern aus dem 15. Jahrhundert bis zu Bauten aus dem Jahr 1910. „Der Brauch hat sich lange gehalten.“ Bevor die Hausbesitzer die Tiere im Boden einschlossen, töteten sie sie. „Die Tötungsart ist unklar“, sagt Schad. Da es für den Mumifizierungsprozess aber wichtig ist, dass die Haut intakt bleibt, schätzt Schad, dass die Tiere ertränkt wurden oder ihnen das Genick gebrochen wurde.

Die Katze als Hexe und Ketzer

Zum Grund des gruseligen Brauchs gibt es mehrere Theorien. Zum einen werden solche Funde als „Bauopfer“ bezeichnet. Dahinter steckt der Glaube, jeder Neubau fordere ein Opfer, um dämonische Mächte oder Gott zu besänftigen. Beispielsweise wurden auch Getreidekreise mit Ziegenbockfüßen vergraben, um dem Teufel den Zutritt zum Haus zu verwehren. Volkskundler vermuten auch ein abergläubisches Motiv für die Trockenmumien: Katzen galten im Hochmittelalter als verschlagen und Unglück bringend. „Man dachte im Mittelalter auch, dass sich Hexen in Katzen verwandeln können“, sagt Schad. Eine Katze im eigenen Haus zu vergraben sollte also eine Warnung sein: Pass auf, Hexe, so könnte es dir auch ergehen! Was auch erklären könnte, warum in einigen Kirchen im Landkreis Katzenmumien gefunden wurden. Hinzu kommt laut Schad, dass das Wort Ketzer vom Wort Katze kommt. Die Katholische Kirche bildete Reformatoren mit Katzenköpfen ab.

Obwohl die Quellenlage dürftig ist und Schads Mittel begrenzt, will die Archivarin weiter am Thema dranbleiben. Sie will herausfinden, wie verbreitet der Brauch war und in welchem Zeitraum er verstärkt praktiziert worden ist. Ihr Fokus liegt dabei auf Katzenmumienfunden in kirchlichen Besitztümern. „Es würde tatsächlich unsere Sicht auf die Kirche ändern: Warum hat man Hexenabwehr mit Mumien betreiben müssen, wenn man doch Gott hatte?“

Tag des offenen Denkmals:
An diesem Sonntag, 10. September, findet in Baden-Württemberg der Tag des offenen Denkmals statt. Im Landkreis Ludwigsburg sind dabei 45 Denkmale zu besichtigen, darunter die Bartholomäuskirche und das Museum Wimpelinhof in Markgröningen. Dort werden auch Katzenmumien ausgestellt.

Ludwigsburg In der Kreisstadt können Interessierte beispielsweise das Aldinger Torhaus sowie das Asperger Torhaus besichtigen. Ein kostenloser Buspendelverkehr startet um 9.55 Uhr am Zentralen Omnibusbahnhof, Halteplatz 1, und fährt bis 18 Uhr alle Denkmalstationen an.

Bietigheim-Bissingen Hier beginnt um 14 Uhr eine Fachwerkführung durch die Altstadt Bietigheims. Außerdem gibt es um 14 und 16 Uhr Führungen durch die Kilianskirche.

Marbach In der Schillerstadt gibt es um 15 Uhr eine Führung durch die Alexanderkirche, zudem kann man die Ölmühle Jäger besichtigen.

Schwieberdingen Hier gibt es um 14 Uhr und um 15.30 Uhr Führungen durch den Ortskern zum Thema „Macht und Pracht“. Außerdem findet um 15 Uhr eine Führung durch die Georgskirche statt. Es besteht auch die Möglichkeit, auf den Turm zu gehen. Um 16.30 Uhr können die Besucher zudem den Klängen der Orgel lauschen.

Sachsenheim Das Lichtenstern-Gymnasium in Großsachsenheim ist normalerweise nicht öffentlich zugänglich. Am Sonntag können Besucher von 11 bis 15 Uhr das 1913 im Barockstil erbaute herrschaftliche Gebäude besichtigen. Führungen gibt es um 11 und 14 Uhr.

Programm Das komplette Programm zum Tag des offenen Denkmals im Landkreis Ludwigsburg findet sich online unter der Adresse www.tag-des-offenen-denkmals.de/laender/bw/115. Dort finden sich weitere Informationen zu anderen geöffneten Denkmälern im Kreis, beispielsweise dem Hohenasperg, dem Schochenturm in Besigheim, der Hippolyt-Kirche in Besigheim oder dem Lamparter-Haus in Vaihingen/Enz.




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