Das Schiff ist verkauf – es bleibt bei einem einmaligen Einsatz: Die Leonberger Variante der Titanic. Foto: Simon Granville
Zwischen Oberbürgermeister-Wechsel und Pferdemarkt: Redaktionsleiter Thomas K. Slotwinski denkt Närrisches im Allgemeinen und den Schiffshandel im Besonderen nach.
Ob es einem gefällt oder nicht: Die närrische Zeit hat längst begonnen. Die Hexen von Gebersheim bis Gerlingen haben ihre Häs aus dem Schrank geholt und feiernd vom Staub befreit. In Ditzingen wurde sogar schon der Oberbürgermeister entmachtet, was Michael Makurath angesichts der gähnenden Leere in der Stadtkasse insgeheim gar nicht so Unrecht sein dürfte. Vielleicht hilft ihm ja seine Tarnung beim Rathaussturm als Panzerknacker beim, wie es gern heißt, generieren zusätzlicher Finanzmittel.
Unangenehme Anklagereden gestrenger Närrinnen und Narren stehen noch weiteren Rathauschefs bevor. Christian Walter ist vermutlich ebenfalls ganz froh, zumindest temporär von seinen Amtsgeschäften entbunden zu werden. Schließlich strahlt der Haushalt von Weil der Stadt seit Jahren tiefrot. Dass dies vom Kämmerer noch nicht einmal korrekt dokumentiert wurde, mag nur auf den ersten Blick hilfreich sein. Bei näherem Hinsehen werden die Probleme nur größer.
Aber wir wollen in diesen narreten Tagen des jungen Jahres nicht nur über Probleme reden. Und so werden sich all die Bürgermeister nur zu gerne verhaften lassen, auf dass ihr Volk die Freude über den Sturz „der da oben“ ausführlich begießen möge und mithin nicht so genau hinschaut, was daheim eventuell nicht ganz rund läuft.
Zu „denen da oben“ gehört seit sechs Wochen auch jemand, der schon lange mit Zahlen hantiert, um jene der Kategorie rot möglichst zu vermeiden. Tobias Degode war im Düsseldorfer Kulturamt Finanz-und Verwaltungschef. Nun ist es kein Geheimnis, dass Künstler jedweder Richtung günstigstenfalls mit Unverständnis reagieren, werden sie auf Finanzlöcher angesprochen, die kreatives Tun verursachen könnte. Wenn all das dann in der selbstverliebten wie selbstbewussten Metropole Düsseldorf geschieht, die zu allem Überfluss auch noch am Rhein liegt, hat ein nüchterner Zahlenmensch eigentlich kaum Chancen auf Gehör.
Kaufmann und Karnevalskenner: der Leonberger OB Tobias Degode. Foto: Granville
Dennoch hat Degode auf dem glatten Parkett landeshauptstädtischer Kulturpolitik eine bemerkenswerte Standfestigkeit bewiesen. Die wird er auch in Leonberg benötigen. Zwar sind die Dimensionen der mondänen nordrhein-westfälischen Metropole und der einstigen schwäbischen Oberamtsstadt gewiss nicht miteinander zu vergleichen. Doch dass das hiesige Kommunalparkett ebenfalls sehr glatt, wenn nicht gar spiegelglatt sein kann, war in den vergangenen Jahren anschaulich zu verfolgen.
Einen ersten Erfolg hat der Oberbürgermeister vorzuweisen. Tobias Degode ist gelungen, was seit zwei Jahren nicht klappen wollte: Er hat ein Schiff seines Vorgängers verkauft. Wohl den stets mit prächtigen Motivwagen reichlich bestückten Düsseldorfer Rosenmontagszug vor Augen, hatte Martin Georg Cohn von einer hessischen Fastnachtsgruppe einen voluminösen Wagen in Form der Titanic für stolze 11 000 Euro erworben. Der von ihm erhoffte Effekt der Weltläufigkeit ist beim folgenden Pferdemarkt-Umzug nicht wirklich eingetreten.
Dass Degode das ungewollte Erbstück zum Dumpingpreis von 2500 Euro ausgerechnet an die närrischen Schiffsbauer aus Hessen zurückverkauft hat, scheint nur auf den ersten Blick ein schlechtes Geschäft. Als Rheinländer weiß der Oberbürgermeister nur zu gut, dass aus dem Pferdemarkt-Umzug nie ein Rosenmontagszug im Stile der Karnevalshochburgen werden kann. Und als Kaufmann weiß Degode, dass es besser ist, für eine mehr oder minder unverkäufliche Ware noch einen gewissen Preis zu erzielen. Die Alternative wäre die Verschrottung gewesen, die wiederum Geld gekostet hätte.
Fazit: Wohl dem, der mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Kommt man doch auf schwankenden Planken leicht ins Wanken.