Anzeige

Slowenien Schwimmverrückt: Nassforsch

Von aus Bled 

Männer und Frauen aus halb Europa kraulen durch drei Seen und einen Fluss in Slowenien. Drei Tage und ein besonderer Aktivurlaub.

Keine Angst vor dem kühlen Nass: Gleich geht’s los mit dem Schwimmprogramm im Bleder See. Foto: Tschepe 14 Bilder
Keine Angst vor dem kühlen Nass: Gleich geht’s los mit dem Schwimmprogramm im Bleder See. Foto: Tschepe

Bled - Diese Geschichte beginnt, wie sie drei Tage später endet: mit einer Kirche. Komisch eigentlich. Denn die zwölf Sportler aus halb Europa haben einen ungewöhnlichen Aktivurlaub gebucht. Gotteshäuser spielen bei solchen Reisen normalerweise keine größere Rolle. Am ersten Urlaubstag stehen die zwölf Ausflügler mit Badeanzug, Badehose oder Neoprenanzug bekleidet am Ufer des Bleder Sees im Nordosten Sloweniens. Sie frösteln. Das Wetter hat über Nacht umgeschlagen, typisch Alpen eben.

Die Luft hat geschätzt 15 Grad. Es nieselt. Nebel hängt in den Bergen. „Sieht aus wie daheim“, sagt Justin, zieht sich die knallgelbe Kappe über den Kopf und grinst. Der Künstler und Hochschuldozent aus der Nähe von Glasgow hat die dreitägige Reise von seinem jüngeren Bruder Will zum Vierzigsten geschenkt bekommen. Will ist Zahnarzt und wie sein Bruder ein leidenschaftlicher Schwimmer. Nach der ersten Nacht stehen die beiden Brüder also gemeinsam mit den anderen schwimmverrückten Touristen am See. Amy, eine Topschwimmerin aus der Nähe von Manchester, ist mit von der Partie, auch Almut, eine Krankenschwester aus Deutschland, die mit ihrer Familie in Frankreich lebt und in der Schweiz arbeitet.

Sie ist nie zuvor im Freiwasser geschwommen. Zur Gruppe gehören auch Anna aus Schweden, die eigentlich Marathon läuft, und Alison aus Stratford, die sich auf einen langen Ironman-Triathlon vorbereiten will und sagt, sie habe großen Respekt vor dem Schwimmprogramm am letzten Tag, Einzeldistanz: gut vier Kilometer quer durch den benachbarten Bohinj-See. So weit sei sie noch nie gekrault. Jetzt steht zunächst der kleinere Bleder See auf dem Programm. Das Wasser ist deutlich wärmer als die Luft, es hat angenehme 23 Grad.

Die Gelbkappen schwimmen eine längere Runde

Die Reiseleiter Maureen Corcoran aus Neuseeland und Andy White aus Südengland deuten in Richtung Seeinsel - auf dem Eiland thront idyllisch gelegen die Inselkirche. Das Gotteshaus ist das erste Ziel der Schwimmwanderer. Zunächst starten die Langsameren, sie tragen pinkfarbene Kappen, dann legt die mittlere Gruppe los, in Orange. Schließlich die schnellsten Krauler mit Amy an der Spitze, zu erkennen an den gelben Kappen. Andy trägt Weiß. Der erfahrene Nordseeschwimmer versucht im Wasser den Überblick zu behalten. Maureen und zwei slowenische Mitarbeiter paddeln in knallroten Kajaks neben den Schwimmern her. Die Gelbkappen schwimmen eine längere Runde, die anderen kraulen auf direktem Weg - ein paar Hundert Meter - hinüber zur Barockkirche. Alle sollen möglich zeitgleich am Ziel ankommen. Nach einer kurzen Visite des Gotteshauses wird das Inselchen im Wasser umrundet, dann geht’s zurück. Während der drei Schwimmtage heißt es: Der Weg ist das Ziel.

Für die Wassersportler indes ist auch der Steg das Ziel, der Bootssteg am rettenden Ufer. Umziehen, Tee oder Kaffee trinken, was essen, kurz ausruhen, dann die nächste Einheit. Das sind die Taktgeber während der Urlaubstage in dem einst zu Jugoslawien gehörenden Landstrich an der Grenze zu Österreich und Italien. Auch die Abende sind feuchtfröhlich. Statt Seewasser wird dann slowenischer Rebensaft bei einer Weinprobe in einem uralten Gewölbekeller serviert oder gut gekühltes lokales Bier. Nächster Tag nächste Schwimmstrecke. Diesmal ein Abstecher hinüber nach Italien: Kraulen im eiskalten Lago del Pridel, dem Raibler See. Fast alle Schwimmer stecken in Neoprenanzügen, nur Amy und Mark nicht. Mark ist ein witziger Engländer, der seit ein paar Jahren in Bayern lebt und mit Freunden ein altes Schloss renoviert.

Er schwimmt mit eigenwilliger Ausrüstung. Andy kann’s kaum glauben, er schüttelt den Kopf, lacht breit und sagt: „In Shorts und mit einem Ledergürtel, aber ohne Schwimmbrille - unglaublich.“ Gut möglich, dass die meisten Briten tatsächlich ein anderes Kälteempfinden haben als viele andere Europäer. Anna jedenfalls schlottert nach dem knapp 1,5 Kilometer langen Ausflug in dem auf etwa 1000 Höhenmetern gelegenen Alpensee nicht schlecht - trotz des schützenden Neoprenanzugs, aus dem sie sich soeben schält. Später, im Fluss Soca, ist es noch mal ein bisschen kälter. Auf den ersten paar Hundert Metern fällt das Atmen schwer.

Kein Kater danach

Doch allmählich gewöhnt sich der Körper auch an solche Temperaturen. Alle Schwimmer erreichen früher oder später den Punkt, den Ausdauersportler als Flow bezeichnen. Das ist der Zustand, in dem die Schwimmer ein wohliges Glücksgefühl empfinden. Wenn es für kurze Zeit nichts Wichtigeres zu geben scheint als das Einswerden mit dem Wasser. Wenn man die schmerzenden Muskeln nicht mehr spürt. Wenn sich der Rausch einstellt, ein toller Rausch, denn es gibt keinen Kater danach. Außer einen ordentlichen Muskelkater. Schwimmwanderer sind Menschen, denen das Kacheln-Zählen im Hallenbad schon lange nicht mehr reicht. Männer und Frauen, die lieber in spektakulärer Umgebung kraulen, mit Blick auf hohe, schneebedeckte Berge oder eben auf eine Kirche. Die Froschperspektive des Schwimmers in einem Bergsee ist eine einmalige.

Wer so etwas erlebt hat, der will mehr. So wie Roger, ein IT-Spezialist aus Salisbury, der diesmal seinen 17-jährigen Sohn Oscar eingeladen hat zum Mitschwimmen. Roger war mit Swim-Trek bereits mehrmals unterwegs, zuletzt im Lake District in Nordengland. Am dritten und letzten Urlaubstag trägt der Bohinj-See eine spiegelglatte Oberfläche. Slowenien zeigt sich von seiner schönsten Seite. Es ist windstill und angenehm warm. Ideale Bedingungen, speziell für Alison, die Schwimmerin mit dem enormen Respekt vor der Seequerung.

„Ich bin aufgeregt“, sagt die 50-jährige Britin und nestelt nervös an ihrer Schwimmbrille herum. Die Ansage der Tourenleiter ist einfach umzusetzen: „Das Ziel ist die Täuferkirche in Ribcev Laz, gleich neben unseren Hotel.“ Die Kirche liegt am anderen Seeufer, Luftlinie vier Kilometer entfernt. Über dem in einem Tal gelegenen See und den benachbarten Zweitausendern tanzen an diesem unvergesslichen Vormittag ein paar Gleitschirmflieger. Wer während des Schwimmens in die Rückenlage wechselt, der kann die tollkühnen Luftartisten aus einmaliger Perspektive beobachten. Amy ist schon nach gut einer Stunde am Ziel, Alison nach knapp zwei Stunden. Sie wird von den anderen mit donnerndem Applaus empfangen. „Gut gemacht“, sagt Andy und reicht Alison die Hand. Schwimmen kann süchtig machen.

So wird das Reisewetter in Europa