Smart TVs Dein Fernsehgerät sieht dich

Von Tilmann Gangloff 

Smart TVs erobern den Markt, sie verschmelzen das Fernsehen mit dem Internet. Die neue Technologie hat allerdings einen unerwünschten Nebeneffekt: sie öffnet dem Lauschangriff Tür und Tor.

Smart TVs bieten viel – auch viel  Unerwünschtes. Foto: dpa
Smart TVs bieten viel – auch viel Unerwünschtes. Foto: dpa

Stuttgart - Seit 15 Jahren sorgt ein rühriger Verein dafür, dass die Mahnungen George Orwells nicht in Vergessenheit geraten. In seinem 1948 erschienenen Roman „1984“ hat der Brite die furchteinflößende Realität einer perfekt überwachten Zukunft beschrieben. In Orwells Namen vergibt der Bielefelder Verein Digitalcourage seit 15 Jahren den „Big Brother Award“. Der Negativpreis geht an Institutionen oder Firmen, die „nachhaltig die Privatsphäre von Personen beeinträchtigen oder Dritten persönliche Daten zugänglich gemacht haben.“ Der diesjährige Preisträger wurde kürzlich gekürt, es ist der Bundesnachrichtendienst. Warum der BND diesen Preis verdient hat, kann man derzeit täglich in der Zeitung lesen.

Der Titel des Preises bezieht sich auf einen Slogan der alles beherrschenden Partei in Orwells Roman: „Big Brother is watching you“, zu deutsch „Der Große Bruder sieht dich“. Er kann und tut das, weil die Teleschirme, die sich an zentraler Stelle in jeder Wohnung befinden, sowohl Sende- wie auch Empfangsgeräte sind: Sie zeigen nicht nur rund um die Uhr Propagandaberichte, die Gedankenpolizei kann auch jederzeit nach dem Rechten sehen.

Ab 2017 wird die neue Technologie zum Standard

Aussichtsreiche Kandidaten für den nächsten „Big Brother Award“ könnten Firmen wie Samsung, LG oder Sony sein. Sie stellen so genannte Smart TVs her, Fernsehgeräte, die wie ein Computer funktionieren: Sie haben Zugang zum Internet, damit man sich zum Beispiel die Filme und Reportagen anschauen kann, die die Sender in ihren Mediatheken anbieten. Einige Apparate verfügen über integrierte Mikrofone, weil sie auch auf Sprachkommandos reagieren, andere haben zudem eingebaute Kameras, damit man Videogespräche führen kann. Mit den Smart TVs vollzieht sich die endgültige Verschmelzung von Fernsehen und Internet; ab 2017 wird es vermutlich gar keine anderen Geräte mehr geben.

Diese Fernseher haben nur einen Haken, aber der ist gewaltig: Während jeder vernünftige Nutzer seinen Computer mit einem Virenschutzprogramm vor unerwünschten Eindringlingen schützt, sind Smart TVs solchen Angriffen schutzlos ausgeliefert. Es lässt sich praktisch nicht verhindern, dass Kriminelle die Festplatte missbrauchen, um beispielsweise massenhaft ungebetene Werbung zu verschicken. Aber es gibt auch ganz offizielle Zugriffe. Der Service HbbTV ermöglicht die Verknüpfung von Rundfunk- und Internet-Inhalten. Deshalb hat schon das Aufrufen eines bestimmten TV-Programms ein Signal an den entsprechenden Sender zur Folge. Allerdings verläuft die Kommunikation keineswegs einseitig. Ist die Tür einmal geöffnet, kann sich der Sender wunderbar über das Nutzungsverhalten des Zuschauers informieren, um ihn später ähnlich wie bestimmte Internetportale mit individuell angepasster Werbung zu versorgen.

Die Stasi hätte sich solche Möglichkeiten gewünscht

Viele Menschen werden das nicht weiter schlimm finden. Wer intime Details auf Facebook preisgibt oder achselzuckend in Kauf nimmt, dass Geheimdienste den E-Mail-Verkehr mitlesen, wird nichts dagegen haben, dass die TV-Sender sein Fernsehverhalten speichern. Die Hersteller tun das übrigens auch, selbst wenn es dafür keine einleuchtende Erklärung gibt. Tatsächlich haben sich ihre Geräte mittlerweile stark dem Standard von Orwells Teleschirm angenähert. Techniker haben festgestellt, dass die Augen und Ohren der Smart TVs bei entsprechender Manipulation selbst dann noch funktionieren, wenn sich die Apparate in der „Stand by“-Funktion befinden, also zwar ausgeschaltet, aber jederzeit einsatzbereit sind. Da dürfte auch bei sorglosen Nutzern eine rote Linie überschritten sein. Manch ein Stasi-Veteran wird vermutlich ganz wuschig, wenn er sich vorstellt, es hätte diese Möglichkeiten schon vor dreißig Jahren gegeben.

Damit wäre dann auch der Kreis zu „1984“ geschlossen. Orwells Buch ist ähnlich wie Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ (1932), Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ (1953), „Uhrwerk Orange“ von Anthony Burgess (1962) und andere pessimistische Zukunftsentwürfe kein Science-Fiction-Roman, sondern ein Kommentar zur Gegenwart seiner Entstehungszeit. Orwell war enttäuschter Kommunist, die Parallelen zwischen dem Regime seines Buches und der Sowjetunion sind offenkundig. Trotzdem ist es frappierend, wie hellsichtig viele seiner Beschreibungen sind, weshalb „Big Brother“ lange als Synonym für den totalen Überwachungsstaat galt; bis es zum zynischen Titel eines Fernsehformates wurde. Selbst Orwell aber konnte nicht ahnen, dass sich die Menschen rund siebzig Jahre später freiwillig belauschen lassen würden. „Unwissenheit ist Stärke“ lautet eine der Parolen der „Big Brother“-Partei. Da kaum ein Konsument behaupten kann, er wisse nichts von der Datensammelwut, müsste der Slogan heute lauten: „Ignoranz ist Stärke“.

Nur eines hilft: den Stecker ziehen

Einen Unterschied zwischen den modernen Smart TVs und dem Teleschirm gibt es immerhin: Dem Fernseher lässt sich ganz einfach der Saft abdrehen; man muss bloß auf die „Stand by“-Funktion verzichten und das Gerät komplett ausschalten. Eine Steckerleiste mit Kippschalter erfüllt den gleichen Zweck. Und natürlich kann man auch den Kontakt zum Internet kappen, so lange man es nicht braucht, vor allem, wenn das Gerät über Wlan ins Netz geht. Aber die Bedrohungen lauern auch dort, wo man als Letztes damit rechnet: Der amerikanische Spielzeughersteller Mattel hat mit Hilfe von Barbie einen Lauschangriff auf den Nachwuchs gestartet. Die „Hello Barbie“-Puppe ist mit Mikro, Lautsprecher und Wlan ausgestattet. Die Gespräche im Kinderzimmer werden aufgezeichnet und analysiert, damit die Puppe mit den Kindern individuell kommunizieren kann, wie es heißt; „Big Brother“ im Wohnzimmer, „Little Sister“ im Kinderzimmer. In Europa wird diese Barbie aus Datenschutzgründen allerdings gar nicht erst auf den Markt kommen.




Unsere Empfehlung für Sie