Snowboard bei Olympia 2022 Shaun White: Tränen statt großer Show

Shaun White übermannen die Emotionen nach seinem letzten Wettkampf. Foto: imago/AAP

Der Snowboard-Superstar verpasst die Krönung seiner einzigartigen Karriere knapp. Der 35 Jahre alte US-Amerikaner sprang im letzten Halfpipe-Wettkampf seiner Laufbahn auf Rang vier.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Zhangjiakou - André Höflich wird gerade von einem TV-Team des Bayerischen Rundfunks interviewt, als er formvollendet um eine Pause bittet. Der Snowboarder dreht sich um, sein Blick richtet sich auf die eindrucksvolle Halfpipe in Zhangjiakou und auf den Mann, der weit oben, hinter den olympischen Ringen, die im Schnee stecken, auf seinen Einsatz wartet. Shaun White, die lebende Legende, startet zum letzten Lauf seiner Karriere – den alle gebannt verfolgen. Auch André Höflich.

 

Der US-Amerikaner White liegt zu diesem Zeitpunkt auf Rang vier. Statt seinen finalen Auftritt locker nach unten bringen und genießen zu können, muss er attackieren. Schließlich will er nach seinen Olympiasiegen 2006, 2010 und 2018 noch einmal eine Medaille holen. White (35) katapultiert sich bei seinen beiden ersten Sprüngen weit in die Höhe, dann aber stürzt er ab. „The last dance“, wie er seine Abschiedsvorstellung selbst genannt hat, endet auf dem Hintern. White rappelt sich wieder auf, zieht den Helm vom Kopf, fährt die Halfpipe hinunter – und wird gefeiert wie ein Sieger. Auch André Höflich (24) nimmt die Arme nach oben, applaudiert lange. Dieser Moment berührt. „Er wollte noch mal richtig einen raushauen, das kann ich verstehen. Es ist krass, dass dies jetzt wirklich sein letzter Run war“, sagt der Mann vom SC Kempten, „ich bin sehr glücklich, dass ich diese Saison noch ein paar Wettbewerbe mit ihm habe bestreiten dürfen. Er ist der Größte aller Zeiten, daran gibt es keine Zweifel. Er war eines meiner Idole, und er wird immer mein Idol bleiben.“

Ein perfekter Verkäufer

Ein paar Meter daneben beginnt für White der Interview-Marathon. Er hat immer gerne mit den Journalisten gesprochen, war ein perfekter Verkäufer von sich und seiner Sportart. Auch diesmal sprudeln die Worte aus ihm heraus, zugleich tut er sich aber schwer, seine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Immer wieder muss er schluchzen, rollen ihm Tränen über die Wangen. Die Bühne zu verlassen, auf der er fast 20 Jahre eine Hauptrolle gespielt hat, ist nicht leicht. „Die Emotionen hauen mich gerade um. Das war’s, es ist erledigt. Ich bin so dankbar für meine Karriere”, sagt White. „Danke Snowboarding! Du bist die Liebe meines Lebens. Ich kann nicht abwarten, wohin sich dieser Sport entwickeln wird.“ Und dann fügt er entschuldigend hinzu: „Sorry, dass ihr mich hier so schrecklich weinen seht. Ich bin nicht enttäuscht über das Ergebnis, auch wenn ich es vermisse, mit den Jungs aufs Podium zu steigen.“ Dort stehen diesmal andere.

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Das Halfpipe-Finale der Snowboarder ist schon vor vier Jahren im südkoreanischen Pyeongchang die größte Show der Winterspiele gewesen, und sie ist es jetzt wieder. Vor allem dank Scotty James (27) und Ayumu Hirano (23). Der Australier hat einen fantastischen zweiten Lauf hingelegt (92,50 Punkte), von dem er später sagen wird: „Es war technisch die beste Kombination, die ich je in meinem Leben gezeigt habe.“ Und doch reicht sie nicht für den Olympiasieg.

Hirano ganz stark

Hirano, der 2014 und 2018 jeweils Silber geholt hat, beschließt den Wettbewerb. Im zweiten Durchgang kam er auf 91,75 Punkte, nun muss er einen drauflegen. Und das tut er in einer Manier, die unvergesslich bleiben wird. Er riskiert wie schon in den Läufen eins und zwei den Triple-Cork, einen Sprung mit drei Überkopf-Rotationen, den sonst niemand in einem Wettbewerb zeigt. Diesmal hat der Japaner auch bei keinem seiner anderen Tricks den kleinsten Wackler. Die Zuschauer sind fasziniert, die Wertungsrichter geben ihm 96,00 Punkte, in den ersten Reaktionen in den sozialen Netzwerken wird vom besten Lauf der Snowboard-Geschichte gesprochen. „Ich habe getan, was ich am Ende tun wollte. Es war großartig, den Lauf sauber nach unten zu bringen“, sagt der Olympiasieger, „einer meiner Kindheitsträume ist wahr geworden.“ Mehr Überschwang ist von einem Japaner nicht zu erwarten. Den liefern andere. Zum Beispiel André Höflich.

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Achter ist der Deutsche geworden – und zufrieden damit. Weil er seine Leistung gebracht hat und weil alles um ihn herum so groß, so beeindruckend, so besonders ist. „Ich bin mit Stolz erfüllt, Teil dieses Wettbewerbs gewesen zu sein. Ich hatte einen richtig geilen Tag“, sagt Höflich, „es war ein hammermäßiges Finale, alle haben es komplett abgerissen. Es ist genau die Umgebung, in der ich sein möchte. Was Ayumu Hirano gezeigt hat, war eine Weltsensation. Endlich hat der Kerl seine Goldmedaille, es war eine Wahnsinnsshow!“ Und trotzdem geht es am Ende wieder um: Shaun White.

In der Pressekonferenz werden die drei Medaillengewinner Hirano, James und der Schweizer Jan Scherrer gefragt, wie sehr sie der US-Boy inspiriert hat („sehr“), was er für sie bedeutet („ein Vorbild“), was sie ihm wünschen („nur das Beste“). Und auch der Snowboard-Superstar kommt noch einmal zu Wort. Was denn die Zukunft bringen werde, wollen die Journalisten wissen. „Es gibt so viel, was ich im Leben noch tun will“, antwortet White, „ich stehe gerade erst am Anfang.“ Es hätte kein schöneres Schlusswort geben können.

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