Snowboard-Ikone Shaun Whites letzter Tanz bei Olympia
Snowboard-Ikone Shaun White verabschiedet sich von den Olympischen Spielen – und träumt vom vierten Gold-Coup. Große Show inklusive.
Snowboard-Ikone Shaun White verabschiedet sich von den Olympischen Spielen – und träumt vom vierten Gold-Coup. Große Show inklusive.
Zhangjiakou - Michael Jordan ist einer der ganz Großen im Weltsport. Eine Ikone. Eine lebende Legende. Unerreicht als Basketballer. Einer, mit dem man sich als Athlet besser nicht auf eine Stufe stellt, weil solche Vergleiche der Realität nur schwer standhalten. Shaun White? Ist das total egal.
Der Snowboarder hat noch nie unter zu wenig Selbstvertrauen gelitten, und wahrscheinlich sieht er sich sogar wirklich auf Augenhöhe mit Michael Jordan. Die Doku-Serie über dessen Leben trug den Titel „The last Dance“, und nun, vor den Olympischen Winterspielen in China, hat Shaun White eine Anleihe genommen. Nein, mehr. Auf die Frage, wie er seine Peking-Mission umschreiben würde, antwortete der US-Amerikaner: „Ohne Michael etwas klauen zu wollen – ‚The last Dance‘.“
Der letzte Tanz.
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Zugegeben, es ist eine passende Überschrift. Denn das, was die Snowboarder in der Halfpipe zeigen, ist tatsächlich eine große Show. Virtuos, atemberaubend, spektakulär. Und zugleich wird es der finale Auftritt von White auf der ganz großen Bühne. Die fünften Olympischen Spiele sind seine letzten. Was nur zeigt: Die Analogie zu Michael Jordan war gar nicht nötig. Shaun White hat selbst genug zu bieten.
Der 35-Jährige ist dreimaliger Olympiasieger, 15-maliger Gewinner eines Wettbewerbs bei den X-Games, Social-Media-Star, Geschäftsmann, geschätztes Vermögen: rund 60 Millionen Euro. Und er gilt als derjenige, der vielen anderen den Weg zu den Winterspielen bereitet hat. Weil er, gegen großen Widerstand aus der auf Unabhängigkeit pochenden Szene, erkannt hat, welche Perspektive das Ringe-Spektakel bietet – trotz aller Regeln und Strukturen, denen man sich unterwerfen muss. Mittlerweile sind die Snowboarder fester Bestandteil der olympischen Bewegung, in Peking und Zhangjiakou treten sie in fünf verschiedenen Disziplinen an. Und Shaun White ist ihr Superstar. „Was ich erreicht habe, fühlt sich unglaublich an“, sagt er, „auf diese Geschichte bin ich stolz.“ Sie begann vor 16 Jahren. Ein Blick zurück.
Turin 2006: White, bereits ein Überflieger, holt seinen ersten Olympiasieg. „Ich dachte damals: Hi, jetzt bin ich hier, und ich zeige allen, dass ich der Beste bin. Das änderte mein Leben.“
Vancouver 2010: Der Druck bei den Heimspielen ist enorm, White hält stand. „Ich wollte beweisen, was möglich ist, und dass ich es kann. Dass dies hier mein Leben ist und Turin keine Eintagsfliege war.“
Sotschi 2014: Der Favorit verpasst es, das dritte Kapitel zu schreiben, wird nur Vierter. Für ihn ein Absturz. „Ich habe es nicht geschafft, die Tricks zu zeigen, die ich konnte. Da ging etwas verloren.“
Pyeongchang 2018: Ein epischer Wettkampf, der bis dahin beste überhaupt. White rehabilitiert sich. „Ich wollte meine Liebe zu diesem Sport dokumentieren, etwas Legendäres tun. Ich bin so hoch gesprungen, ich hätte den Leuten im Sessellift die Hand schütteln können. Bei dem Sieg hatte ich das unglaublichste Gefühl, bin nicht nur als Athlet gewachsen, sondern auch als Mensch.“
Und nun also Peking 2022. Der Abschied. Aber keiner ohne Ambitionen.
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Shaun White hat ein paar schwere Monate hinter sich. Er litt unter einer Knöchelverletzung und einer Corona-Infektion, die ihn ziemlich besorgte: „Ich kam mit einem Herzfehler zur Welt, hatte als Kind Asthma. Alles, was mit der Lunge und den Atemwegen zu tun hat, ist nicht so toll.“ Dazu kam, dass es sportlich nicht lief wie erhofft. Erst auf den letzten Drücker qualifizierte er sich dank eines dritten Platzes beim Weltcup in Laax fürs US-Olympia-Team. Nun will er seine fünften Spiele genießen. Schließlich sei es nicht einfach, in einem Sport, der sich ständig verändert, an der Spitze zu bleiben: „Es ist sehr inspirierend, mit den jüngeren Fahrern ein paar schwere Tricks zu zeigen.“ Doch hier liegt auch ein Problem.
Schon vor vier Jahren war der Japaner Ayumi Hirano, damals 19 Jahre alt, technisch stärker. White rettete seine Fähigkeit, auf den Punkt voll da zu sein, seine Erfahrung, sein Name bei den Punktrichtern. Diesmal allerdings ist der seinerzeit knapp geschlagene Hirano der Favorit. Er hat sich nochmals weiterentwickelt, während White alles geben muss, um wenigstens auf ein Niveau wie 2018 in Pyoengchang kommen zu können.
Ob das reicht? Er träumt davon. „Ich kann physisch nicht mehr so trainieren, wie es eigentlich sein müsste“, sagt der Routinier. „umso wichtiger ist jetzt das Mindset.“ Die psychische Stärke. Die Motivation. Das Selbstvertrauen. Hier holt White die volle Punktzahl. Immer.
Dazu passt diese Anekdote: White wurde gefragt, was er einem Kind sagen würde, das ihn nach dem Rücktritt auf seine Karriere anspricht. „Ich würde antworten, dass ich nie etwas anderes werden wollte als Snowboarder“, meinte er. Und als Fazit: „We did it!“
Es geht also auch ohne Anleihe bei Michael Jordan.