Snowboard-Pionier Jogi März Der ewige Gleiter

Gespür für Schnee: Jogi März auf einem Snowboard aus eigener Produktion am Ifen im Kleinwalsertal Foto: Yorck Dertinger

Aus Sperrholz, Bodenbelag und Stahlkanten von alten Skiern baute er sein erstes Sportgerät. Später wurden mit seinen Hightechbrettern Geschwindigkeitsweltrekorde aufgestellt: Jogi März, Pionier der Surfer, Skater und Snowboarder.

Lokales: Alexander Ikrat (aik)

Löwenstein - Als 15-Jähriger sieht Jogi März am Bodensee zum ersten Mal Surfbretter mit Segel. Die sind ganz nach seinem Geschmack, und so formt er bald auf gut Glück sein erstes Brett. Nur mit Augenmaß und ein paar Informationen von Leuten, die schon eins haben. Das Surfen wird ihn nie mehr loslassen.

 

Die Firma heißt Pogo – wie der Chaos-Tanz aus der Punkszene. Jogi März findet den Namen wie geschaffen für jemanden wie ihn, der in den 1970er Jahren im Weinstädtchen Beilstein mit einem „Mangel an Entfaltungsmöglichkeiten“ aufgewachsen ist. Und für jemanden wie Martin Sammet, der auf einem Hof in den Löwensteiner Bergen groß wurde. Anfang der 80er Jahre lernen sie sich beim Maschinenbaustudium an der Fachhochschule Heilbronn kennen und gründen aus Spaß Pogo.

März und Sammet ist ein bisschen nie genug gewesen. Als die beiden 1983 Lust aufs Surfen haben, kommt der benachbarte Breitenauer See für sie natürlich nicht infrage. Es muss schon Tarifa sein, wohin sie trampen. Später hat Jogi März mal ausgerechnet, dass er in seinem Leben umgerechnet mehr als fünfmal um die Welt getrampt ist. Etwa 2400 Kilometer davon führen das Duo damals in das spanische Surfparadies. Dort treffen sie Amerikaner mit einem Sportmagazin, auf dem man die spätere Snowboard-Ikone Tom Sims mit einem kleinen Surfbrett für Schnee sieht. So bekommt man in Zeiten vor der Erfindung des Internets mit, was angesagt ist. Zu kaufen gibt es das Sportgerät in Europa damals nicht.

Mit 56 Jahren sieht er noch aus wie ein Lausbub

„Das haben wir dann gleich nachgebaut“, sagt März, „und meine Skistiefel habe ich nie mehr angezogen.“ Er, der später in den 80ern für den französischen Filmproduzenten Thierry Donard als Stuntman für Sport- und Werbefilme arbeitete, mit dem Snowboard aus acht Meter Höhe aus einem Helikopter sprang, um eine Steilwand hinunterzurasen, mit dem Fallschirm aus Flugzeugen hechtete, um mit dem Skysurfer durch Wolken zu gleiten, sitzt in seinem Haus am Ortsrand von Löwenstein-Hößlinsülz. Es verströmt 14 Jahre nach dem Bezug noch immer Rohbauatmosphäre. Obwohl es an vielen Stellen nicht fertig ist, ruht der Mann mit dem breiten Kreuz und dem muskulösen Brustkorb ganz in sich – nur eben nicht, wenn ihn das Fernweh packt. Jogi März sieht auch mit 56 Jahren noch aus wie ein Lausbub, wenn er grinst und sagt: „Ich hatte schon immer Ameisen im Hintern und musste ganz plötzlich los.“

Mit Sperrholz, Bodenbelag aus dem Baumarkt, Stahlkanten aus alten Skiern und Skistiefeln, bei denen sie alles außer der Sohle und den Schnallen wegschneiden, um mit Holzfällerstiefeln einsteigen zu können, basteln die 21-Jährigen ihre ersten Snowboards. Jogis Vater, ebenfalls Ingenieur, machte ihm das Basteln und Werkeln vor. Nun kann der Sohn auch im Winter seinem Traum vom Surfen nachgehen. „Der Grund, warum ich auf der Erde bin“, wie es Jogi März ausdrückt.

Das Abitur bekommt er gerade so gebacken, dass er nicht ins Mündliche muss. Während die Klassenkameraden noch Prüfungen haben oder sich auf die Abifeier freuen, ist er schon auf dem Weg zum Wandern im Himalaja. Mal lernt er Wellenreiten auf der Hawaii-Insel Maui, weil ihm die tückischen Wellen am Hookipa Beach das Segel zerstört haben. Mal fährt er mit dem Motorrad durch die Sahara bis zur Elfenbeinküste, das selbst konstruierte Surfbrett auf den Gepäckträger geschnallt. Das war dann schon gemeinsam mit Sammet, seinem kongenialen Partner. Sie machen Trips wie jenen nach Südamerika, wo sie der günstigste Flug nach Venezuela führt, sie sich mit ihren Selfmade-Snowboards in die Anden hochkämpfen, um als erste Menschen vom Gipfel des 6768 Meter hohen Huascaran abzufahren. Und zwischendrin führt Jogi März noch sechs Jahre eine Fernbeziehung in Paris, wohin er alle zwei Wochen trampt.

Verrückte Veranstaltungen

Die Praxissemester machen die Studenten immer dort, wo man auch surfen oder snowboarden kann, ihre Diplomarbeiten bei Snowboardherstellern in Frankreich und der Schweiz. 1988 sind sie fertig, da betreiben sie schon fünf Jahre Pogo. Ihr Firmengelände ist der 400 Jahre alte Hößlinsülzer Bauernhof von Sammets Eltern, die sich nach und nach aus der Landwirtschaft zurückziehen.

Ende der 80er Jahre kommen zunächst Tiefschneebretter in Mode, Sammet und März gehen bei den ersten Weltmeisterschaften und im Weltcup an den Start. März erinnert sich auch an verrückte Veranstaltungen wie den Défi Foly im französischen La Clusaz, wo sie von einer Rampe auf einen nicht zugefrorenen See fahren müssen, März mit 130 Kilometern pro Stunde auf das Wasser fährt und knapp 128 Meter weit gleitet. Das Team gewinnt.

Anfang der 90er Jahre boomt das Business: die Alpin-Variante mit fester Plattenbindung für die Piste, später das trickreiche Freestyle – kaum ein Jugendlicher will noch Ski fahren. „In dieser Zeit haben wir bis zu 1200 Bretter pro Jahr produziert“, sagt März. Heute sind es etwa 250. Ein Dutzend Mitarbeiter werkeln damals am Ferrari der Snowboards, „da ist man sich hier auf die Füße getreten“. Der Australier Powell fährt mit einem von Pogo für Völkl produzierten Board Geschwindigkeitsweltrekorde von mehr als 200 Kilometern pro Stunde.

Dann geht es wirtschaftlich bergab. „Ende der 90er Jahre hatten alle Boards“, sagt März. Der Markt ist gesättigt, auch mit Billigware aus Fernost. Zudem verdrängt die Industrie mit Carvingskis die Boards wieder von den Pisten. Fast alle Mitarbeiter werden entlassen. Doch das Duo hat schon die nächste Geschäftsidee parat. Sie sind Mitbegründer einer weiteren großen Brettmode, dem Longboarding. „Als wir in den 80ern und 90ern in den Sommern unsere Boards auf dem Gletscher im Kaunertal testeten, war uns nach Liftschluss oft langweilig“, erinnert sich März. Irgendwann kommen er und Sammet auf die Idee, mit den kurzen Skateboards die Gletscherstraße hinunterzurasen. Andere kommen mit einem flachen Rodel, auf den sie sich rücklings drauflegen. „Das war die Geburtsstunde des Longboardens und Downhill-Skatens, wir haben uns unseren eigenen Sport gemacht“, sagt März. „Bis 2014 ging das voll ab.“ Dann ist auch dieser Markt gesättigt.

Die Teuersten im Markt

Seitdem läuft der Laden auf Sparflamme. Longboards, Snowboards, Snowsurfer ohne Bindung, Tiefschneeski, Bretter fürs Stand-up-Paddling finden sich im Angebot. Vier Mitarbeiter unterstützen die Chefs, zwei davon betreuen den Internetladen. „Jeder andere Ingenieur würde uns den Vogel zeigen, wenn er wüsste, was wir verdienen“, sagt März. „Aber wir wollen nicht viel Geld und dafür einen 14-Stunden-Arbeitstag haben. Wir konnten immer von unserer Leidenschaft leben.“

In der Scheune in Hößlinsülz hat das Duo seine Werkstatt mit Metallpressen, die sie einem Skifabrikanten abkaufen konnten. Sie sehen aus wie aus der Zeit gefallen. Die grüne Farbe des Steuerschranks ist übersät mit Macken, die Holzeinsätze in Form von Snowboards sind ebenso handgemacht wie alles andere. Im Winter ist es ziemlich kalt hier in der Scheune, doch wer Bretter formt, dem wird schon warm. Unter 1000 Euro ist keines der Snowboards zu haben, und da ist noch keine Bindung dabei. „Wir sind die Teuersten im Markt“, sagt Jogi März.

März berichtet das alles mit einem Lächeln. Er ist Vater von drei erwachsenen Kindern. Seine französische Frau ist auch Snowboarderin. Mit Blick auf mehr als 20 Freunde und Bekannte, die bei Extremsportarten um Leben gekommen sind, sagt Jogi März: „Selbst wenn es mich eines Tages trifft, ich hätte es nicht anders machen können.“ Im Moment bereitet er einen Surftrip auf die russische Halbinsel Kamtschatka vor. Die 12 000 Kilometer dorthin wird er auf dem Motorrad zurücklegen.

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