So dumm ist die Welt Alle doof – außer ich!

Auch beliebt, weil sie so herrlich begriffsstutzig schauen konnten: Szene mit Oliver Hardy (li.) und Stan Laurel in der Film­komödie „Dem Henker entronnen“. Foto: mago Images/Mary Evans

Egal, ob über Corona oder Klimawandel diskutiert wird – jede Partei sagt: Dumm sind die anderen. Keiner will als blöd oder ungebildet bezeichnet werden, doch die Dummheit ist besser als ihr Ruf.

Stuttgart - Die Dummen sind immer: die anderen. Das ist doch offensichtlich. Die anderen, die können weder selbstständig denken noch eigene Wege beschreiten. Die Dummen lassen sich fremdbestimmen, sind Knechte fremder Mächte und Einflüsterer. Man selbst hingegen ist der personifizierte freie Wille, man weiß, worauf es ankommt. Kurzum: alle doof außer ich!

 

So oder so ähnlich klingt das Totschlagargument, mit dem jede Diskussion schneller endet, als sie begonnen hat. Ob es nun um den Klimawandel geht oder das Impfen zur Eindämmung der Coronapandemie, stets betonen beide erbittert streitenden Lager ihre Eigenständigkeit beim Denken. Und das gilt auch für jene, die von der Existenz außerirdischen Lebens überzeugt sind.

Dass man trotz der wissenschaftlichen Faktenlage den Klimawandel oder den Sinn einer Corona-Impfung noch leugnet, mag einem tatsächlich fahrlässig dumm erscheinen. Doch so einfach ist es auch nicht, denn wissenschaftliche Faktenkenntnisse sind nicht der alleinige Maßstab, um den Schlauen vom Dummen zu unterscheiden.

Lässt sich Dummheit messen?

Der Begriff Intelligenz leitet sich zwar vom Lateinischen „intellegere“ ab, was so viel wie „verstehen“ bedeutet und damit bereits anhand der Wortbedeutung auf eine schnelle Auffassungsgabe in unbekannten Situationen verweist. Dennoch sind sich Wissenschaftler bis heute nicht einig, wie genau sich Intelligenz am besten beschreiben lässt, vom Messen ganz zu schweigen.

Man denke ans 19. Jahrhundert, als Leute wie der Anatom Franz Joseph Gall meinten, mit Schädelmessungen Kluge von Dummen unterscheiden zu können. Oder wie der Pfarrer Johann Caspar Lavater, der Physiognomie-Studien zum Thema betrieb.

Heute fragt man sich, ist jemand intelligent, wenn er analytisch denken kann und beispielsweise eine mathematische Aufgabe rasch löst? Ist jemand intelligent, wenn sie oder er ausgesprochen kreativ ist oder viele Fremdsprachen beherrscht? Oder ist es ein Ausweis von Intelligenz, wenn man mit sozialer und emotionaler Kompetenz punktet und sich besonders gut in andere Menschen hineinversetzen kann?

Intelligenz schützt vor Torheit nicht

Ein zeitgemäßer Ansatz besteht darin, Intelligenz anhand der Fähigkeit zur Informationsverarbeitung zu bestimmen. Wie lange braucht jemand, um Informationen, Eindrücke und Umweltreize zu verarbeiten? Wie schnell können diese im Gedächtnis gespeicherten Informationen wieder abgerufen und für einen Lernprozess eingesetzt werden?

Allerdings: Intelligenz schützt vor Torheit nicht. Albert Einstein, der Erfinder der Relativitätstheorie, war vielleicht ein genialer Physiker, doch seine Ehefrau Mileva Maric, mit der er am Polytechnikum in Zürich studiert hatte, behandelte er schlechter als eine Hausangestellte. Das gemeinsame kranke Kind verleugnete er. Von Einfühlungsvermögen keine Spur.

Und selbst ein hochintelligenter Informatiker und Manager wie der Mitgründer der Computerfirma Apple, Steve Jobs, kann gravierende Dummheiten begehen. Als bei Steve Jobs 2003 ein Tumor diagnostiziert wird, der dann auch streut, verweigert er eine Operation und vertraut lieber der Naturheilkunde. Später erklärt Jobs sich zu einer Behandlung durch klassische Mediziner bereit. Sehr wahrscheinlich zu spät. Jobs stirbt im Jahr 2011.

Der Mensch denkt nicht immer logisch

Menschen sind eben keine reinen Vernunftwesen, sie lassen sich von widersprüchlichen Gefühlen leiten. Auch die Klugen können sich häufig nicht frei machen von sich systematisch wiederholenden Denkfehlern. Das ist auch das Ergebnis der Forschung der renommierten Psychologen und Kognitionswissenschaftler Daniel Kahneman und Amos Tversky: Das menschliche Gehirn denkt nicht immer logisch.

Oft arbeitet es impulsiv und emotionsgeleitet. Solche von kognitiven Verzerrungen beeinflussten Entscheidungen können in den Augen anderer als dumm erscheinen.

Alle Menschen, selbst die klügsten, sind limitiert in ihrem Denken. Schon der als ungeheuer weise geltende antike Philosoph Sokrates wird bei Platon wörtlich so zitiert: „Ich weiß, dass ich nicht weiß.“ Das Wissen um die Begrenztheit des eigenen Denkens ist letztlich aber doch ein Ausweis von Klugheit, denn nur der Dumme bezeichnet sich als klug.

Dumm tun, schlau sprechen

Das ist schon im ersten Bestseller deutscher Sprache, Sebastian Brants „Narrenschiff“ aus dem Jahr 1494, zu lesen: „Wer jeder sei, wird dem vertraut, der in den Narrenspiegel schaut. Wer sich recht spiegelt, der lernt wohl, dass er nicht weise sich achten soll.“ Reimt sich und ist bis heute eine gern genommene rhetorische Finte: sich selbst als dumm bezeichnen, dann mit brillanten Gedanken beeindrucken.

So wie einst die gewitzten Hofnarren, die den Monarchen ihre Dummheiten vorhielten. Was sie durften, weil diese sich in ihrer Macht nicht bedroht fühlten.

Seit die Humanisten das Selberdenken empfohlen haben, müht sich der Mensch unentwegt darin. Ohne die europäische Aufklärung hätte es keine ausdifferenzierte Wissenschaft gegeben. Und keinen technologischen Fortschritt.

Ohne die Industrialisierung aber hätte es auch keine Erderwärmung gegeben, die nach Meinung vieler Forscher und Klimaaktivisten ohne rasche Taten direkt in die Apokalypse führt. So betrachtet würde die vermeintliche Erfolgsgeschichte zu einer sarkastischen Erzählung über die Dummheit derselben schrumpfen.

Der Mensch muss nicht alles wissen

„Es ist einerseits das Nichtwissen, die Entlastung des Denkens vom unnötigen Ballast bei der Nutzung der zivilisatorischen Güter und Dienste, welche das Leben in unserer technisierten und durchorganisierten Umwelt überhaupt erst möglich macht“, sagt der Schweizer Physiker Emil Kowalski, der mit „Dummheit. Eine Erfolgsgeschichte“ (Metzler) ein erhellendes Buch verfasst hat. „Und es ist vor allem die Fähigkeit der Gesellschaft, mit der Dummheit des Menschen zu rechnen und nicht der illusionären Erwartung eines weisen, intelligenten, klugen – mit einem Wort: vollkommenen – Menschen zu verfallen.“

Immer, wenn die Gesellschaft hingegen mit vermeintlich allein selig machenden Verhaltensweisen und Erkenntnissen weitergebracht werden sollte, sei es zu Katastrophen gekommen. Doch „wenn man sich mit der Dummheit arrangiert, dann geht es gut“.

Sichdurchwursteln ist angesagt

Das Leben ist ein einziges „muddling through“, ein mehr oder weniger kluges Sichdurchwursteln. Dass man nicht alles wissen und steuern kann, das hat der Politik- und Wirtschaftswissenschaftler Charles E. Lindblom in „The Science of Muddling Through“ (1959) beschrieben.

Philosophisch und literarisch ist diese pragmatische These weniger aufregend, als ehrgeizige Utopien zu entwerfen oder mit dummen Charakteren berühmt zu werden. Der Schriftsteller Cervantes etwa mit seinem selbst ernannten Ritter Don Quijote, der durchs Heldenbücherlesen so dumm geworden ist, dass er Windmühlen mit fiesen Riesen verwechselt.

Tatsächlich ist die Dummheit ein zeitloses Charakteristikum des Menschseins, die Kulturgeschichte ist voller Dummköpfe, Ignoranten und Narren. Und einige Denker haben die Dummheit selbst beschrieben. In der Satire „Lob der Torheit“ von 1509 lässt Erasmus von Rotterdam die personifizierte Narrheit eine Lobrede auf sich halten.

Lob der Dummheit

Sie sagt: Ohne die Dummheit gibt’s kein Leben. Wer zu lange herumüberlegt, kommt nicht zur Tat. Wer wäre so blöd, sich beim Flirten anzustrengen, wenn er vorher „allen Jammer des Ehestandes erwogen hätte“? Welche Frau wäre so närrisch, sich fortpflanzen zu wollen, „wenn ihr ein Gedanke an die gefährliche Geburtsarbeit und das verdrießliche Ammengeschäft käme“? Mit ihrer täppischen Art bringt die Dummheit Menschen zum Lachen. Ein Fakt, den die Filmindustrie seit Buster Keaton und Stan Laurel und Oliver Hardy vorführt.

Keiner ist unbeliebter als der, der alles besser weiß. Der scharfzüngige Momus, erinnert Erasmus’ Närrin, wurde von den Göttern auf die Erde hinabgestoßen, „weil er ihnen mit seiner Weisheit stets in den Ohren lag. Kein Sterblicher würdigt ihn, ihn unter Dach zu nehmen.“ Daran hat sich bis heute nicht viel geändert.

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