So schön wohnt es sich in Deutschland Beton trifft Samt: Besuch in einem preisgekrönten Apartment

Beton an der Decke kann auch wohnlich sein, zeigt Ester Bruzkus mit ihrem Apartment in Berlin. Das Sofa in Rosétönen hat die Architektin selbst entworfen. Foto: Jens Bösenberg Fotografie/Jens Bösenberg

Die Architektin Ester Bruzkus hat mit Rose- und Grüntönen, einem Bad aus Terrazzo und einer Dachterrasse mit tollem Blick auf ganz Berlin eine eindrucksvoll gestaltete 80-Quadratmeter-Wohnung geschaffen.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Berlin - Wie das leuchtet, schimmert und scheint. Marmor trifft auf Holz auf Terrazzo auf Beton auf Wolle auf Samt – Rosé und Grün und Grau und dann und wann ein helles Braun. Wer Ester Bruzkus’ Apartment betritt, bleibt stehen und staunt. Über den Mix aus Material und Farbe und darüber, wie selbstverständlich und lässig dieser in Wirklichkeit sorgfältig gestaltete Raum wirkt.

 

Ihr Apartment wurde in mehreren Magazinen vorgestellt und hat den ersten Preis des Innenarchitektur-Wettbewerbs von einer Jury erhalten, die zusammen mit dem Callwey Verlag schöne Wohnungen kürt.

Die Architektin und Bewohnerin Ester Bruzkus lädt ein, Platz zu nehmen. Auf dem Sofa oder den Stühlen mit Blick in den Wohn- und Küchenraum. Lieber am langen, hellgrünfarbenen Küchentisch, damit der Blick frei schweifen kann und doch immer wieder am zentralen Möbel des Raumes hängen bleibt.

Es ist das von ihr selbst in Rosatönen gestaltete Samtsofa, das über geradlinige Formen verfügt und – wie ein ironischer Kommentar auf die Liebe der Architekten zur strengen Form – mit Fransen versehen ist. „Wirklich, Ester?“ In der Art seien so in etwa die Kommentare von Kollegen dazu gewesen, erinnert sich Ester Bruzkus.

Zusammenspiel von Material, Licht, Form

„Es kommt eben immer darauf an, wie man es kombiniert“, sagt Peter Greenberg, Architekt und Professor für Architektur und Innenarchitektur, Geschäfts- und Lebenspartner von Ester Bruzkus.

Auch auf die Frage, ob er die rosafarbene Küchenzeile auf Anhieb gern gemocht habe, antwortet er als Strukturalist – alles hängt mit allem zusammen. Auch hier gelte, eine Lieblingsfarbe gebe es nicht, es komme immer auf dem Zusammenhang von Material, Licht, Form an, in dem sie eingesetzt wird. „Hier, in Kombination mit dem Holz der oberen Küchenzeile und dem grauen Terrazzo, Marmor? Großartig.“

Während viele Architekten für die Inneneinrichtung Dezenz empfehlen, dazu Weiß, Schwarz, Grau, setzt Ester Bruzkus auf Materialmix und auf Farbigkeit. „Es gilt, eine Bühne zu kreieren für die eigene Persönlichkeit, deshalb sieht jedes Projekt unterschiedlich aus“, sagt Ester Bruzkus. Knallgelb trifft auf Blau im Berliner Restaurant L.A. Poke etwa, das vielfach ausgezeichnet wurde.

Ester Bruzkus hat Tim Raues Restaurants gestaltet

Zurückhaltender ist der Farbrausch im neuen Restaurant Kellermann in Potsdam vom Koch des Jahres, Tim Raue. „Er hatte sich eine Atmosphäre gewünscht, als sei dies die Landvilla einer alten, reichen Tante. Wir haben mit historischen Farben gearbeitet und sie mit anderen Farben kontrastiert. Es zeigt sich eine gewisse Opulenz im Stil.“ Für ihn hat Ester Bruzkus mehrere Restaurants entworfen, auch die Colette-Brasserien in Berlin, München und Konstanz.

Bruzkus: „Als Sternekoch weiß er, was ich meine, wenn ich von gutem Handwerk spreche und von Qualität. Und wenn ich zum Beispiel argumentiere, dass wir ein ähnlich aussehendes, aber qualitativ besseres und daher teureres Material benützen möchten als das günstigere.“ Und so sieht etwa das knallrote „Dragonfly“ in Dubai nicht billig aus, sondern vornehm glamourös.

„Ich liebe Farben, sagt Ester Bruzkus, „aber ich sehe mich rasch an etwas satt.“ Also ist in ihrem Apartment manchmal nur das Innere der Möbel farbig. Öffnet man die Küchenschränke und den mit Holzlamellen versehenen Einbauschrank neben der Einbautür, blickt man auf ein blaues, grünes, gelbes Innenleben. Apart: weißes Porzellan auf salbeigrünem Boden. „Bevor die Türen eingebaut wurden“, sagt Ester Bruzkus, „sah es hier aus wie in einem Kindergarten.“

Eine Badewanne aus grauem Terrazzo

Der spielerisch experimentierfreudige Umgang mit Material setzt sich in dem Apartment fort. Das bestand aus einem großen Raum, begrenzt von zwei Fensterfronten – so ist der Blick frei auf Sonnenauf- und Sonnenuntergang. Ester Bruzkus versetzte die Küchezeile in die Mitte des Apartments.

Und geht man von der Küche die Stufen hinauf zur Fensterfront und von da um die Ecke, dann steht man sozusagen im Schlafzimmer, das einen Blick auf Berlin bietet und täglich einen Sonnenuntergang. Ein kleiner intimer Rückzugsraum. Dafür ist der Lebensraum groß, mitsamt dem langen Küchentisch, der praktisch ist, wenn Gäste kommen oder wenn man ihn auch zum Arbeiten benützen will.

In den 80-Quadratmeter-Raum baute die Architektin zudem eine Box. Dort befindet sich das Badezimmer samt Wanne aus grauem Terrazzo und einem Waschbecken aus interessant gemaserten Marmor. Wow!

Kunden haben häufig vor allem einen Wunsch: Gemütlich soll’s sein. Beton finden viele kalt, Terrazzo irgendwie altmodisch. Mit dem Apartment, sagt Ester Bruzkus, könne man Kunden gut zeigen, was alles machbar ist. Und gemütlich. Auch ein kleines Apartment mit Terrazzobad, rauer Betondecke und Fußboden.

Dachterrasse mit Sitz- und Liegeflächen

Die Architektin hatte ihr Apartment im selben Haus aber nicht nur gegen das im obersten Stock getauscht, weil es eine Herausforderung ist, bis auf Außenwände, Fenster, Boden und Decke alles zu verändern, sondern wegen der Liebe zur Berliner Luft. Peter Greenberg führt über eine Außentreppe hinauf auf die Dachterrasse mit vielen Sitz- und Liegeplätzen. Alles ist hier zu sehen, Fernsehturm, Alexanderplatz, Wasserturm, man blickt je nach Wetter bis zur Stadtgrenze.

Das Viertel ist das einzige mit Anhöhe im ansonsten flachen Berlin, mehr Sicht hat man höchsten vom Dach eines Berliner Plattenbauhochhauses. Zucchini und Oliven wachsen hier oben, auf den verschieden hohen Holzpodesten kann man im Sommer auf dick gepolsterten Kissen sitzen und liegen, mit den Nachbarn aus dem Apartment nebenan, wird auch gern gegrillt.

Das Gebäude selbst hatte ihr Professor entworfen, eines der ersten ambitionierten Häuser, die nach der Wende in einer Baulücke im Prenzlauer Berg entstanden, wo heute besser verdienende Familien und Kreative leben. „Ich komme aus Charlottenburg und wollte partout nicht in den Osten“, sagt sie. Nachdem sie das Hotel Amano in der Auguststraße in Berlin Mitte gestaltet hatte, danach weitere wie das Mani in der Torstraße, sei sie dem Charme des Ostens erlegen.

Traumberuf Architektin

Peter Greenberg, in New York geboren, nickt: „Es herrscht eine besondere Atmosphäre, es verändert sich so vieles.“ Ester Bruzkus: „Anfang der 2000er gab es hier 100 000 leer stehende Wohnungen. Architekt war der Beruf mit der zweithöchsten Arbeitslosenquote. Dass sich das ändert und auch die Immobilienpreise steigen, ist eine normale Entwicklung.“

Neben der Gestaltung von Hotels – 17 Hotels allein in Russland von St. Petersburg bis zum Polarkreis –, Büros, einen Friseursalon in Stuttgart, Arztpraxen, Häusern, Wohnungen in ganz Europa entwirft Ester Bruzkus auch Gebäude. Architektin werden wollte sie, seit sie zwölf Jahre alt war.

Anfangs sei es im Berufsleben als Frau schwer gewesen. Kunden seien auf sie zugekommen in Sachen Ästhetik. „Sobald es um Geld und architektonische Fragen ging, fragten sie, ob sie meinen Chef sprechen können.“ Seit ihre Firma Ester Bruzkus Architekten heißt, stellt sich diese Frage nicht mehr.

Ihr altes Apartment, das auch von Interior-Magazinen vorgestellt wurde, habe sie voll möbliert verkauft, sagt Ester Bruzkus. Noch einmal in der Wohnung gewesen? Sie schüttelt den Kopf. Nicht zurückschauen. Auch dieses Schmuckkästchen wird vermutlich nicht ihr letztes sein. Welche Architekten wünschen schließlich nicht, auch ein Haus für sich selbst zu bauen. Der Traum ist auch einer von Peter Greenberg und Ester Bruzkus.

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