So tickt der „Hero de Janeiro“ Turnstar Andreas Toba – Held und Anti-Held

Von Marco Seliger 

Vor vier Jahren schrieb Andreas Toba bei den Olympischen Spielen in Rio Sportgeschichte. Derzeit ist der deutsche Turnstar verletzt – weshalb er mit Blick auf die Spiele 2021 in Tokio Glück im Unglück hat.

Andreas Toba, der Herr der Ringe, will sich auch in Tokio wieder strecken Foto: Baumann
Andreas Toba, der Herr der Ringe, will sich auch in Tokio wieder strecken Foto: Baumann

Stuttgart/Hannover - Andreas Toba muss seinen Fuß in diesen Tagen ruhig halten. Aber still stehen, das ist trotz des vor ein paar Wochen erlittenen Syndesmosebandrisses im rechten Fuß nicht sein Ding. Denn beim deutschen Spitzenturner kribbelt es zumindest schon wieder. Der Mann ist heiß aufs Comeback. „Es ist für mich okay, wenn die Leute mich mal wieder unterschätzen, wenn sie mich abschreiben und sagen, dass ich es eh nicht schaffe zurückzukommen“, sagt Toba (29): „Daraus ziehe ich immer eine enorme Kraft und Motivation.“

Andreas Toba und die Verletzungen, das ist eine lange Geschichte. Jetzt kann er wieder Kraft ziehen und Motivation schöpfen, wenn zumindest hinter vorgehaltener Hand getuschelt wird: Der schafft es eh nicht mehr, das war jetzt die eine Verletzung zu viel. Oder: Jetzt steht dieser Toba nicht mehr auf!

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Dabei verkörpert der Hannoveraner ja genau dieses Sport-Ethos in Reinform: Aufstehen, wenn man am Boden liegt. Zu beobachten war das nach langen Verletzungspausen schon mehrfach bei Toba. Jetzt tut er sich ein bisschen leichter damit mit dem Zurückkommen nach einer Verletzung – denn er hat, wenn man so will, ausnahmsweise mal kein Verletzungspech. Sondern Verletzungsglück.

Toba hätte mit seiner aktuellen Verletzung die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio verpasst. Für einen Leistungssportler, der auf dieses Ereignis vier Jahre lang hinarbeitet, ist das (die meisten Profifußballer ausgenommen) das schlimmste aller Szenarien. Alle Mühen, alle Entbehrungen – umsonst. Und alle Träume: dahin!

Der Mann, der immer aufsteht

Da die Spiele aber nun aus bekannten Gründen in den Sommer 2021 verschoben wurden, hat Toba, der die EM Ende dieses Jahres in Baku noch nicht abgeschrieben hat, die Chance, teilzunehmen. Glück im Unglück also. Für den Mann, der vor genau vier Jahren auch schon Glück im Unglück hatte. Oder besser: Das Glück im Unglück zwang, ohne Rücksicht auf eigene Verluste. Und damit olympische Geschichte schrieb.

Am 6. August 2016 wird Toba bei den Olympischen Spielen von Rio zu dem Mann, der nach unmittelbar vorher erlittener schwerer Verletzung nicht nur sprichwörtlich, sondern auch auf der Matte sofort wieder aufsteht. Toba wird zum „Hero de Janeiro“. Seine Geschichte ist bekannt, landauf und landab, kreuz und quer und überall.

Toba zieht sich bei seiner ersten Übung in Rio, der Qualifikation für das Mannschaftsfinale am Boden, einen Kreuzbandriss zu. Alle denken, dass es jetzt vorbei ist. Die Bilder, wie der heulende Athlet von seinen Mannschaftskollegen getröstet wird, gehen um die Welt. Aber mehr noch mehr prägen sich die Bilder ins Gedächtnis, wie Toba wenig später mit gerissenem Kreuzband eine grandiose Übung am Pauschenpferd turnt und sein Team damit ins Finale bringt, das er dann selbst wegen seiner Verletzung nicht mehr bestreiten kann.

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Es ist der Stoff für eine Heldengeschichte. Tapferkeit, Aufopferung fürs Team trotz eigenem traurigen Schicksal. Schinden für die Kollegen trotz einer heftigen Verletzung. Tränen. Schmerz. Toba wird zum deutschen Sporthelden. Er bekommt später den Publikums-Bambi und noch einige andere große Ehrungen.

Dass er nach seinem Auftritt von Rio in ein tiefes körperliches und emotionales Tief fiel, ging im öffentlichen Toba-Epos unter. Denn der Kreuzbandriss warf Toba zurück. 13 Monate musste er zunächst pausieren. Es dauerte dann nur wenige Monate, bis er sich erneut am Knie verletzte. Im Februar 2018 zog er sich einen Meniskusschaden im Knie zu.

Tobas ungeahntes Glück

Toba zweifelte in den drei Wochen im Krankenhaus, auch an sich selbst. Er stellte etwas an sich fest, was er vorher noch nie verspürte: Selbstmitleid. Dann aber fuhr er wieder raus in die Trainingshalle, atmete das Magnesia ein, was als Inspiration schon reichte. Toba startete wieder durch – immer mit dieser einen Motivation vor Augen: „Ich habe mit den Olympischen Spielen noch eine Rechnung offen.“ Und: „Einmal will ich im Zeichen der fünf Ringe turnen und der Welt zeigen, was ich wirklich kann.“

Das ist es, was Toba antreibt. Wer diesen Typen verstehen will, muss wissen, dass es eine recht lange Zeit gab, als es ihn nervte, nur noch als der Rio-Held wahrgenommen zu werden. So ein Held will Toba nicht sein, zumindest nicht nur. Er will ein Turner sein. Und als solcher gesehen werden. Wobei er heute nüchtern auch dies betont: „Rio – diese Geschichte gehört zu mir wie mein Geburtsdatum und mein Name, das habe ich gelernt zu akzeptieren.“ Andreas Toba sagt aber auch: „Ich bin nicht Turner geworden, um mir wie in Rio wehzutun.“ Die Spiele von 2016 dürfen präsent sein, aber bitte nicht immer und überall, so sieht es Toba selbst.

Der Hannoveraner will nun eine neue olympische Geschichte schreiben. Ohne Verletzung, ohne Tränen. Sondern als Athlet, der Leistung bringt. Das wäre jetzt im Sommer in Tokio – Corona hin oder her – nicht gegangen, es wäre Tobas nächste tragische Verletzungsgeschichte gewesen. Jetzt aber gibt es den Sommer 2021 mit ungeahnten olympischen Aussichten. Welch ein Glück!

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