So verhalten sich Eltern richtig Dürfen Kinder dick sein?

„Wenn Eltern sagen, dass Süßigkeiten schlecht sind, wird das nur interessanter für die Kinder.“ Foto: Adobe Stock/Pixel-Shot

Fernsehen, Magazine und digitale Medien vermitteln schon Kindern das Ideal vom schlanken Körper. Nicht alle kommen damit klar. Die Psychotherapeutin Julia Tanck erklärt, was Eltern tun können, damit ihre Kinder ein gesundes Körperbild entwickeln.

Kinder sind umgeben von Schönheitsidealen, die wenig mit der Realität zu tun haben. So kommt es, dass schon Schulkinder sagen: „Ich bin zu dick“. Die Psychotherapeutin Julia Tanck arbeitet mit Frauen mit Essstörungen. In ihrem Buch „Unfiltered. Social Media und unser Körperbild“ (Kailash-Verlag, 18 Euro )erklärt sie, wie dickenfeindlich unsere Gesellschaft ist und was das mit unseren Kindern macht.

 

Frau Tanck, Sie behandeln Menschen mit Essstörungen und wollen über Körperbilder aufklären. Wo liegen die größten Probleme?

Ein negatives Körperbild zu haben ist der größte Risikofaktor für eine Essstörung, denn Menschen, die unzufrieden sind, wollen etwas an ihrem Körper ändern. Bei vielen Menschen ist die Ursache für Essstörungen in der Kindheit zu finden und in der Kultur, in der wir leben, die eben sehr gewichtszentriert ist. Es gibt eine regelrechte Diätkultur. Leider ist ein bestimmtes Körperbild sehr weit verbreitet in unserer Gesellschaft. Wir wissen, dass eine gute Beziehung zum Körper die Lebensqualität für uns alle signifikant verbessert.

Sie beschreiben, dass die Gesellschaft geradewegs dickenfeindlich sei. Wo wird das transportiert?

In so vielen Bereichen findet Gewichtsdiskriminierung statt. Schon Kinder finden sich in ihren Körpern unwohl, obwohl sie ja noch gar nicht Social Media ausgesetzt sind sind. Bereits in Kinderbüchern findet das statt. Eine Studie zeigt, dass schlanke und dicke Charaktere in Kinderserien mit unterschiedlichen Eigenschaften dargestellt werden. Schlanke Figuren sind freundlich und hilfsbereit, dicke sind unfreundlich und gemein dargestellt. So werden Kinder schon im Kindesalter geprägt, dass dicke Menschen weniger liebenswert sind als schlanke Personen. Das geht so früh los. Weitere Beispiele: Auch die Biene Maja wurde enorm verschlankt, Bob der Baumeister auch.

Wie kann ich denn damit umgehen, dass die Fernsehinhalte für Kinder keine Vielfalt abbilden oder sogar dicke Menschen abgewertet werden?

Ich bin nicht für Verbote und das alles gar nicht mehr zu erlauben. Ich finde es ganz wichtig – je nach Alter des Kindes –, mit dem Kind darüber zu sprechen, dass das eben nicht die Realität ist, was wir da sehen. Wir können ihnen sagen: „Ein großer Teil der Menschen sieht nicht so aus, und das wäre auch gar nicht gesund, wenn sie es täten.“ Allein diese Disney-Prinzessinnen könnten körperlich gar nicht existieren mit dieser Taille. Solche Körper sind utopisch.

„Germany’s Next Topmodel“ – Sie schreiben, dass die Sendung zu schauen nicht automatisch zu Essstörungen führt.

Mir ist wichtig, dass Eltern wissen: Sie haben nur einen bedingten Einfluss darauf, ob das Kind eine Störung des Körperbildes und eventuell eine Essstörung bekommt. Ich möchte Eltern die Last nehmen, sie seien schuld, wenn ihr Kind eine Essstörung entwickelt. Das ist in unserer Gesellschaft ein strukturelles Problem. Das können wir auf individueller Ebene gar nicht lösen. Was Sendungen wie „Germany’s Next Topmodel“ angeht: Da ist es wichtig, den Kindern zu erklären, dass es beim Körper nicht darauf ankommt, wie er aussieht, sondern was er alles kann und was der Körper uns alles ermöglicht. In dieser Show geht es nur um das Aussehen, aber das ist nur ein Aspekt des Körpers. Der Körper leistet so viel mehr als das Aussehen.

Was ist so problematisch an Instagram und Tiktok, wenn es um das Körperbild unserer Kinder geht?

Das sind ja echte Menschen, die wir dort sehen. Auf Social Media habe ich das Gefühl, dass ich mit der Person direkt kommunizieren kann. Die ist viel dichter an mir dran als eine Heidi Klum, die ich im Fernsehen sehe. Ich habe das Gefühl, dass auch ich das sein könnte. Diese Person spricht mich auch noch direkt an in der Story auf Instagram oder auf Tiktok Live. Da ist die Gefahr vorhanden, dass ein noch stärkerer Vergleich da ist und noch mehr der Drang entsteht, das nachmachen zu wollen.

Was kann ich machen, wenn mein Kind ins Jugendalter kommt und Social Media konsumieren möchte?

Inhalte, die Body-Positivity zeigen, sind sinnvoll. Dadurch, dass andere Körperformen vorkommen als die, die wir sonst im Fernsehen oder in Zeitschriften sehen, fühlen sich Menschen mit ihrem eigenen Körper viel wohler. Man kann den Jugendlichen auch erklären, welche Hashtags sie sich anschauen können. Mit #unshame zum Beispiel werden Inhalte gezeigt, die sich gegen Bodyshaming und für die Vielfalt der Körper aussprechen. Auch #mehrrealitaetaufinstagram ist solch ein Hashtag.

Worauf sollten Eltern im direkten Umgang mit ihren Kindern achten?

Wenn ich meine Patientinnen mit Essstörungen frage, was ihre Eltern hätten tun können, antworten sie meistens: Am wichtigsten wäre es gewesen, dass die Eltern ihnen vermittelt hätten, dass sie richtig sind, so wie sie sind – egal ob dick oder dünn. Eltern können zeigen: Dein Körper hat keine Auswirkungen darauf, wie lieb ich dich habe.

Welchen Einfluss haben denn Eltern auf das Körperbild ihrer Kinder?

Direkten Einfluss haben Kommentare zum Körper, zum Essen, zur Bewegung des Kindes. Alles kann negative Auswirkungen haben. Das muss gar nicht mit einer bösen Absicht geschehen. Auch ein „Oh, das solltest du vielleicht nicht mehr essen“ ist nicht hilfreich. Kinder übernehmen auch Einstellungen von Eltern. Wenn ich als Elternteil selbst negativ über meinen eigenen Körper oder die Körper anderer Menschen spreche, immer dann, wenn ich eine Gewichtszunahme negativ bewertet wird, hat das Auswirkungen auf das Kind. Es verinnerlicht dadurch diese schlanken Ideale, die es in der Gesellschaft eh schon beigebracht bekommt.

Was können Eltern tun, um für ein möglichst normales Essverhalten zu sorgen?

Wenn man versucht, mit sich selbst im Reinen zu sein, ist schon viel gewonnen. Es hat positive Auswirkungen auf die Kinder, wenn Eltern mit sich zufrieden sind. Was Eltern noch tun können, ist eine intuitive Ernährung zu fördern. Kinder essen, was ihnen schmeckt und was ihnen guttut. Das sollten wir unterstützen. Man nennt das Lebensmittelneutralität. Es geht darum, Lebensmittel nicht zu bewerten.

Wir wissen, dass Schokolade und Chips nicht gut sind für Kinder, das Gemüse aber schon. Warum ist es falsch, Essen in gut und schlecht aufzuteilen?

Viele Eltern haben die Sorge, dass ihre Kinder nur noch Süßigkeiten essen, wenn sie alle Lebensmittel erlauben und als gleichwertig darstellen. Es geht aber darum, dass alle Lebensmittel moralisch gleichwertig sind. Wenn Eltern sagen, dass Süßigkeiten schlecht sind, wird das nur interessanter für die Kinder. Durch die Moralisierung entstehen bei dem Kind dann Schuldgefühle, weil es die Süßigkeiten gegessen hat.

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