Social Media Marketing für Gewerbetreibende Ludwigsburg Influencerin kämpft gegen aussterbende Innenstadt

Anna Göbels Posts bringen den Händlern und Gastronomen der Stadt Online-Reichweite, die sie allein nie erzielen könnten. Foto: /Simon Granville

Anna Göbel macht seit rund zwei Jahren das Social Media Marketing für den Ludwigsburger Innenstadtverein. Die Ladenbesitzer und Gastronomen sind begeistert – und Göbel mittlerweile eine Bekanntheit der Stadt.

Ludwigsburg : Emanuel Hege (ehe)

Während Oliver Beck über die Verkaufsfläche huscht und seine Schuhe in Schaufenstern und Regalen drapiert, greift Anna Göbel zum Handy. Eigentlich ist sie an diesem Morgen im Schuhhaus Beck, um Fotos für die Webseite des Ladens zu machen – gedanklich ist sie jedoch immer auch bei ihrem Instagram-Kanal. „Angeblich sind bunte Schuhe im Trend“, sagt Göbel, während sie einen knallig, roten Sneaker mit der einen Hand hält und mit der anderen die Handykamera auslöst. „Ich glaube nicht so ganz an diesen Trend, aber wir fragen auf Instagram einfach die Community.“

 

Seit fast drei Jahren unterstützt Anna Göbel vom Innenstadtverein Ludwigsburg (Luis) die Händler und Gastronomen der Stadt – besonders mit ihrer Arbeit als „Ludwigsburg Influencerin“. Der Instagram-Kanal von Luis hat fast 10 000 Follower, die dort Angebote, Informationen und Heimatromantik finden.

Immer auf der Suche nach der nächste Story: Anna Göbel vom Innenstadtverein. Foto: S/imon Granville

Laut Handelsexperten ein Projekt, von dem sich andere Städte etwas abgucken können: Denn Service ist mittlerweile zweitrangig, Kundenbindung ist König. „Eigentlich war ich zu Beginn gar keine Social Media-Expertin“, sagt Anna Göbel. Die 30-Jährige studierte im hessischen Idstein Mediendesign und kam eher zufällig nach Ludwigsburg. Nach dem Studium jobbte sie ein Jahr im Unverpacktladen, bevor sie sich auf die Stelle beim Ludwigsburger Innenstadtverein bewarb. Der hatte zuvor den Gemeinderat überzeugt, dass die Barockstadt eine Online-Marketing-Stelle finanzieren soll – mit dem Ziel, die digitale Sichtbarkeit der Läden und Restaurants zu erhöhen.

Von null auf 100

Nach dem Bewerbungsgespräch sei schnell klar gewesen, dass Göbel den Job bekommt, sagt ihr Chef Markus Fischer. „Sie hatte genaue Vorstellungen, was sie machen will“, und sei offen gewesen, als eine Art „Ludwigsburg Influencerin“ vor der Kamera aufzutreten. In den folgenden Monaten baute Göbel die Social-Media-Plattformen auf, sie plante, probierte und schrieb ein Konzept für den Kern der Strategie: eine Heimatstadt-Plattform auf Instagram, die Zielgruppe sind vor allem Frauen zwischen 25 und 35 Jahren.

Im Mittelpunkt steht die Präsentation der Luis-Mitglieder, also die Läden und Restaurants, deren Besonderheiten, Geschichten und Angebote. Dafür führt Göbel Vorgespräche mit den Gewerbetreibenden, notiert, was ihnen wichtig ist und wie sie dargestellt werden wollen. Dann folgt ein Konzept für jedes einzelne Instagram-Video, das sie in enger Absprache mit den Selbstständigen produziert.

Doch nicht alles ist bis ins letzte Detail durchgeplant: Göbel gibt auf Instagram Wochenendtipps, stellt die besten Schattenplätze der Stadt vor, erzählt eine historische Anekdote – oder postet einfach nur ein schönes Bild der Stadt. „Darauf reagieren meistens mehr Menschen auf die aufwendig produzierten Videos“, sagt Göbel und lacht.

Der Instagram-Kanal hat mittlerweile fast 10 000 Follower, ein ähnliches Angebot eines städtisch finanzierten Vereins sucht man im Südwesten vergeblich. Und auch die Mitglieder sind begeistert, seit 2019 ist deren Zahl von 215 auf 375 gestiegen. Das liegt vor allem Social-Media-Marketing des Innenstadtvereins, das eine direkte Wirkung zeige, sagt beispielsweise Vanessa Pantoudis von hop around the world, dem Bierladen in der Solitudestraße.

Soweit er das beurteilen könne, sei das Online-Marketing des Luis vorbildlich, sagt auch Boris Hedde, Geschäftsführer des Instituts für Handelsforschung aus Köln. Tatsache sei, dass man im stationären Handel nicht mehr mit Produktkompetenz punkten könne, Kundenloyalität werde dafür immer wichtiger. Inhabergeführte Läden oder Restaurants haben es jedoch schwer, ständig online präsent zu sein, um die nötige Identifikation aufzubauen. „Wie in vielen Bereichen des Handelns wird die Zusammenarbeit und gemeinsame Kommunikation immer wichtiger“, sagt Hedde.

Bekanntheit wurde ihr zu viel

Laut dem Handelsexperten zeigt sich an vielen Orten, dass eine Innenstadt vor allem dann erfolgreich ist, wenn sie einen gemeinsamen Markenkern hat – es braucht bei der Vermarktung also ein Zusammenspiel aus Shopping, Kultur und Gastronomie. „Dieser gemeinsame Weg des Marketings hilft am Ende jedem einzelnen Innenstadtakteur, da sich die Besucherfrequenz erhöht.“ Genau diese Identifikation mit der Ludwigsburger Innenstadt ist Anna Göbels Ziel – wofür sie auch vor die Kamera tritt. „Am Anfang fand ich das auch nicht so toll und war unsicher, ich weiß aber einfach, dass Inhalte von Menschen für Menschen besser ankommen.“ Der persönliche Bezug durch ihre Auftritte in den Videos wirkt. Göbel ist nicht nur unter Ladenbesitzern und Gastronomen der Stadt bekannt, auch Passanten erkennen sie immer wieder.

„Oft ist es dieser Blick ‚ich kenne dich irgendwo her’, manchmal sprechen mich Leute aber auch direkt an und sagen, dass sie mich aus den Videos kennen.“ Zwischenzeitlich sei ihr die Bekanntheit sogar zu viel geworden, an freien Tagen und an Wochenenden sei sie immer wieder in Gespräche über ihre Arbeit verwickelt worden. Sie brauchte Abstand und gab ihre Wohnung in der Ludwigsburger Innenstadt auf. Mittlerweile wohnt Anna Göbel in Stuttgart und kann es wieder mehr genießen, durch Ludwigsburg zu schlendern – egal ob für die nächste Instagram-Umfrage oder auf privater Shoppingtour.

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