Social-Media-Seminar in Böblingen Gottes Wort wird zum „geilen Bullshit“ verfilmt

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Junge Seminaristen wollen im Internet die Massen beeinflussen – mit der christlichen Botschaft.

So sehen die Profis auf der Leinwand aus. In den Zuschauerreihen sitzen diejenigen, die erst noch Profis werden wollen. Foto: factum/Simon Granville
So sehen die Profis auf der Leinwand aus. In den Zuschauerreihen sitzen diejenigen, die erst noch Profis werden wollen. Foto: factum/Simon Granville

Böblingen - Für die älteren Generationen: Dies ist kein Filmprojekt. Dies ist ein Social-Media Bootcamp, genau genommen die Schlusspräsentation dazu im Böblinger Bären-Kino. Mit dem Begriff Soziale Medien dürften inzwischen auch Großeltern etwas anzufangen wissen. Das Wort Bootcamp lässt sich als Seminar erklären, wenn auch fernab einer korrekten Übersetzung. Was insofern gleichgültig ist, als die Organisatoren des Camps den Begriff fernab seiner ursprünglichen Bedeutungen benutzen. Die eine ist Umerziehungslager, die andere militärische Grundausbildung.

Man müsse eben die Sprache der Jugend sprechen, um die Jugend zu erreichen, sagt Tobias Essinger, einer derjenigen, die 20 jungen Menschen zwischen 20 und 30 Jahren in der vergangenen Woche erklärt haben, wie sie das Publikum auf Youtube, Instagram oder Facebook erreichen – wie sie erfolgreiche Influencer werden. Zusammengefasst klingt die Sprache der Jugend aus Essingers Mund so: „Meine Fresse, was ist das für geiler Bullshit.“ Gemeint ist die christliche Botschaft.

Bis zu acht Stunden täglich verbringen Jugendliche mit Videos

Dass jene 20 Seminaristen sie verbreiten, ist Ziel des Bootcamps. Dessen Veranstalter ist das Evangelische Jugendwerk, und Essinger ist Theologe. Bullshit nennt er in anderen Sätzen das, was sich üblicherweise massenhaft in den Sozialen Medien verbreitet. Warum die Jugend sich auch am 2741-sten Katzenvideo noch ergötzt oder am 3693-sten Fitnesstipp, ist ungeklärt, aber sie tut es – bis zu acht Stunden täglich, gelegentlich sogar länger. Ältere, die sich darüber ereifern, können sich damit trösten, dass der jungen Generation damit das Programm von RTL 2 oder Sat 1 erspart bleibt. Kaum jemand unter 25 Jahren interessiert sich noch für das Fernsehen.

Ungeachtet aller gegenteiligen Hinweise interessieren sich aber noch reichlich Jugendliche und junge Erwachsene sehr wohl für Bildung. Der lebende Beweis dafür steht auf der Bühne. Er heißt Mirko Drotschmann und erreicht auf Youtube eine Zahl von mehr als einer Million Abonnenten. Damit zählt er zu den erfolgreichsten Influencern Deutschlands. Umso bemerkenswerter ist der Beginn seines Vortrags. Ihm sei immer unwohl, wenn er als Influencer betitelt werde. Ein Mann, der von sich erklärt, er sei gekommen, die Massen zu beeinflussen, dürfte bei Geschichtsbewussten düstere Bilder aus dem Gedächtnis abrufen.

Der erfolgreichste Profi hat seinen Kanals als Hobby begonnen

Drotschmann hat Geschichte studiert und den Redakteursberuf erlernt. Er arbeitet als Geschäftsführer einer Filmproduktionsfirma. Kurzum: Er ist Profi. Er spricht keineswegs die Sprache der Jugend, die Essinger meint, aber er spricht die Jugend an. Dies belegen die Erhebungen der Datenkrake Youtube, die zu jedem einzelnen Klick auch das Alter ihrer Nutzer erfasst. Seinen Youtube-Kanal „MrWissen2Go“ hat Drotschmann als Hobby begonnen, und er ist ein Hobby geblieben. Ursprünglich wollte er geschichtliches Wissen verbreiten. Dass jeder zweite Schüler Youtube als elektronischen Nachhilfelehrer nutzt, mag ältere Generationen ebenso verblüffen wie der Inhalt, mit dem Drotschmann inzwischen sein jugendliches Millionenpublikum füttert. Es ist seriöser Wissensjournalismus.

Denjenigen, die es ernst meinen mit einer Influencer-Karriere, empfiehlt er „Disziplin und konsequente Planung“, denjenigen, die vom Youtube-Reichtum träumen, sagt er: „Man kann auch als Fußballstar eine Menge Geld verdienen.“ Fast 15 Millionen Deutsche kicken.

Dass der Weg zum Profi lang ist, offenbaren denn auch die in Filmschnipseln verbreiteten Botschaften des Nachwuchses: Ein gesungenes „Weil ich’s nicht brauch’“, die Tipps „Wie ich ein kritisches Gespräch führe“, die Aufklärung, dass „Denkwürdiges heißt, ein Thema, das es wert ist, darüber nachzudenken“ oder der Kanal, „für junge Leiterinnen und Leiter von jungen Leiterinnen und Leitern“. Gemeint sind Jugendleiter. Eine Woche Bootcamp ist eben erst der Anfang auf dem Weg zum Social-Media-Profi.