Software-Unternehmen Teamviewer „Die Corona-Pandemie war wie ein Weckruf“

Teamviewer-Vorstandschef Oliver Steil (links) mit Finanzvorstand Stefan Gaiser vor der Frankfurter Börse. Das Göppinger Unternehmen ging im Herbst 2019 mit großem Erfolg aufs Parkett und wächst seither kräftig. Foto: picture alliance/dpa/Andreas Arnold

Das Göppinger Softwarehaus Teamviewer sieht in der Digitalisierung aller Wirtschaftsprozesse große Expansionschancen. Im Interview spricht Vorstandschef Oliver Steil über die schwäbischen Wurzeln der Firma und den Kampf gegen Hackerangriffe.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Matthias Schmidt (mas)

Stuttgart - In der Corona-Krise sei vielen Unternehmen klar geworden, was in puncto Digitalisierung „nötig und möglich ist“, sagt Oliver Steil während eines Online-Gesprächs via Teamviewer-Software. Er sieht den Fernzugriff auf IT-Geräte aller Art, von der Produktionsmaschine bis zur Datenbrille, als nächsten Wachstumstreiber für sein Unternehmen.

 

Herr Steil, Teamviewer hat mitten in den Corona-Wirren ein neues Hauptquartier bezogen. Wie ist die Lage am neuen Standort auf der anderen Seite des Göppinger Bahnhofs?

Es gibt ein paar Restarbeiten zu tun, zum Beispiel fehlt noch das große Logo an der Fassade. Aber wir fühlen uns sehr wohl im neuen Gebäude – wenn wir mal da sind. Wegen Corona haben wir vorerst wieder alle Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt.

Wäre der Umzug vor diesem Hintergrund gar nicht nötig gewesen?

Im alten Gebäude hätten wir nicht bleiben können. Es war einfach zu eng, wir brauchten neue und moderne Räume, in denen sich die Mitarbeiter wohlfühlen. Wir haben in den letzten Jahren viel Personal aufgebaut und wollen weiter wachsen. Jetzt haben wir den Platz dafür, auch wenn wir in Zukunft auf mehr Arbeit im Homeoffice setzen. Dadurch haben wir jetzt mehr Spielraum und müssen uns nicht so bald mit weiteren Expansionsflächen befassen.

Sehen Sie Teamviewer als Global Player oder als schwäbisches Unternehmen?

Wir sind ein globales Unternehmen mit schwäbischen Wurzeln. Das geht mit Innovationskraft und Qualitätsbewusstsein einher, mit der Fähigkeit, auch komplizierte Dinge hinzubekommen. Und wir sind in deutschen und europäischen Wertvorstellungen verwurzelt, etwa im Commitment auf die Datenschutz-Grundverordnung. Für uns ist das ein Wettbewerbsvorteil. Trotzdem sind wir ein internationales Unternehmen. Bei Meetings wird Englisch geredet, die Perspektiven von Mitarbeitern aus vielen Weltregionen befruchten sich gegenseitig. Die Mischung macht uns aus.

Wären internationale IT-Spezialisten nicht leichter zu gewinnen, wenn Teamviewer etwa in Berlin beheimatet wäre?

Die deutsche Diskussion, ob nun Göppingen oder Stuttgart oder Berlin attraktiver sein könnte, wird umso irrelevanter, je weiter der Blick von außen kommt. Internationale Spezialisten sehen generell das wirtschaftliche Potenzial Deutschlands, die Chance sich weiterzuentwickeln. Unser Standort im südwestdeutschen Raum ist gut – mit den Universitäten in Stuttgart und Ulm, dem allgemein hohen Bildungsniveau und hoher Technikaffinität, einer Umgebung mit vielen Freizeitmöglichkeiten. Dazu kommt, dass wir das einzige große Softwareunternehmen in dieser Gegend sind.

Mit dem Sponsoring des Handballclubs Frisch Auf Göppingen engagieren Sie sich stärker als bisher im lokalen Umfeld. Ist da künftig noch mehr zu erwarten – vielleicht im kulturellen oder sozialen Bereich?

Wir haben uns mit der neuen Hauptverwaltung für lange Zeit auf den Standort festgelegt, arbeiten auch mit Schulen und Bildungseinrichtungen zusammen. Mit Frisch Auf haben wir jetzt einen großen Schritt im lokalen Engagement gemacht. Ähnliches wollen wir auch an unseren anderen Standorten angehen und dort ebenfalls mehr lokale Verantwortung übernehmen – etwa in den USA, in Japan oder in Indien. Man darf nicht vergessen, dass die USA unser größter Markt sind.

Neben Chancen gibt es auch internationale Bedrohungen. In den vergangenen Wochen gab es gravierende Hackerangriffe auf die europäische Arzneimittelbehörde und US-Regierungsstellen. Mit wie viel Aufwand schützt sich Teamviewer, das 2016 auch einmal Opfer einer Attacke wurde?

Cyberangriffe auf die gesamte Branche nehmen seit Jahren zu, und die Hacker werden immer professioneller. Es ist ein dauerndes Wettrennen, und es ist klar, dass es keinen perfekten Schutz gibt. Man muss extrem wachsam sein, in der Industrie eng zusammenarbeiten, sich über Gefährdungen austauschen – und man muss massiv in fachkundige Mitarbeiter und externe Hilfe investieren. Teamviewer hat damals die ganze Infrastruktur neu aufgesetzt. Es geht immer darum, wie schnell man reagieren und wirkungsvolle Gegenmaßnahmen ergreifen kann.

Wie groß ist der Aufwand dafür?

Er hat massiv zugenommen. Wir wenden jedes Jahr zweistellige Millionenbeträge für permanente Tests und Analysen auf. Auch unsere internen Expertenteams für Produkt- und IT-Sicherheit wachsen immer weiter. Noch wichtiger ist aber, dass das Thema im ganzen Unternehmen verankert ist. Bei Teamviewer arbeiten Hunderte von Entwicklern, für jeden muss Sicherheit ganz vorne stehen. Man braucht in jeder Funktion 20 bis 30 Prozent mehr Leute, um das sicherzustellen.

Ist das Teamviewer-Kerngeschäft, die Vernetzung und Fernsteuerung von Computern und Geräten via Internet, besonders verwundbar?

Nein. Alle wichtigen Internetanwendungen stehen im Fokus der Angreifer, insbesondere Cloud-Dienste. Generell sind jedoch kleinere Unternehmen anfälliger. Wir haben die Möglichkeiten, in den bestmöglichen Schutz zu investieren.

Der Trend zum Homeoffice und gegen Geschäftsreisen hat den Erfolg von Teamviewer zuletzt beflügelt. Wo sehen Sie für Ihr Unternehmen das nächste große Wachstumsfeld?

Wir sind eines der wenigen Softwareunternehmen, das die Digitalisierung in allen Unternehmensbereichen unterstützen und vorantreiben kann. Die Corona-Pandemie war wie ein Weckruf, der vielen gezeigt hat, was nötig und möglich ist. Das Neue ist, dass die Fernsteuerung von IT weit über die Geräte im Büroumfeld hinausgeht, hinein in Produktion, Logistik, Kundendienst, Vertrieb und so weiter.

Woran denken Sie dabei?

Sie können sich mit unserer Software etwa mit Medizintechnikgeräten verbinden, sie aus der Ferne warten und justieren. Sie können digitale Verkaufsgespräche führen. Und eine große Rolle werden Anwendungen mit Augmented Reality spielen.

Was heißt das konkret?

Stellen Sie sich einen Facharbeiter vor, der in der Produktion eine Datenbrille mit Kamera trägt. Sie können ihn aus der Ferne anleiten, jeden Arbeitsschritt in sein Sichtfeld einblenden, Qualitätsprüfungen quittieren. Gleichzeitig ist die Brille mit dem Warenwirtschaftssystem verbunden, scannt etwa den Bestand bestimmter Teile. Wir sehen eine große Nachfrage für solche Lösungen. Sie sind vergleichsweise schnell für einzelne Branchen und Anwendungsfälle zu konfigurieren und bringen, da Schulungsaufwände oder Reisekosten gespart und Fehler minimiert werden, in kürzester Zeit einen enormen Mehrwert.

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