Ist die Nachfrage nach Fotovoltaik-Anlagen auf Firmendächern durch die erste Stufe der Pflicht gestiegen?
„Ich habe mit mehreren Mitgliedern gesprochen und die Aussage war unisono: Die Fotovoltaik-Pflicht macht sich im Tagesgeschäft nicht bemerkbar“, sagt Franz Pöter vom Verband Solar Cluster. Der Verband vertritt nach eigenen Angaben rund 55 Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus der Solarbranche im Südwesten. Die Auftragsbücher der Unternehmen aus der Branche seien zwar „gut gefüllt“ und die kommenden Monate verplant, sagt Pöter. Gründe seien laut den Unternehmen aber andere als die Fotovoltaik-Pflicht – etwa steigende Strompreise. Eine gewisse steigende Nachfrage sehe man lediglich von Anbietern von Fertighäusern, die sich bereits jetzt auf die nächste Stufe der Fotovoltaik-Pflicht vorbereiten.
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Wann kann sich die Fotovoltaik-Pflicht nach Einschätzung des Umweltministerium bemerkbar machen?
„Die Pflicht kann in diesem Frühjahr noch keine Wirkung entfalten“, sagt eine Sprecherin des baden-württembergischen Umweltministeriums. Entscheidend für die Pflicht zur Installation ist demnach das Datum des Bauantrags. Wer in diesem Frühjahr seinen Bau beginne, habe den Bauantrag in der Regel deutlich vor dem 1. Januar 2022 gestellt – und sei folglich noch nicht an die Pflicht gebunden. „Es ist davon auszugehen, dass die Anzahl der Bauanträge für Hallen in den ersten Wochen dieses Jahres überschaubar ist“, so die Ministeriumssprecherin. Zudem sei zu bedenken, dass die Fotovoltaikanlage erst am Ende eines Bauvorhabens installiert werde – und die Pflicht ab Baufertigstellung ein Jahr Zeit lasse für die Installation.
Wie steht die Branche der Fotovoltaik-Pflicht insgesamt gegenüber?
„Die Fotovoltaik-Pflicht ist gut und richtig: Fotovoltaik auf dem Dach muss das neue Normal sein“, sagt Franz Pöter vom Solar Cluster. Gibt es eine Pflicht, müsse man zumindest begründen, warum das nicht gehen sollte. Pöter sagt allerdings auch: „Das größte Marktsegment sind Bestandsgebäude – und damit die, die sich freiwillig eine Anlage aufs Dach bauen.“ Dafür werde die Pflicht „nicht der große Motor“ sein, sagt Pöter. Schon jetzt stellen aus Sicht der Branche andere Gründe die Hauptmotivation für einen Auftrag für eine Anlage dar als die schon geltende oder drohende Pflicht – etwa die Strompreisentwicklung oder der Ausbau der Elektromobilität.
Wie sehen Industrie und Gewerben im Land die Pflicht?
„Die Unternehmen in Baden-Württemberg haben bereits vor der Fotovoltaik-Pflicht zahlreiche Maßnahmen ergriffen, angesichts der Veränderungen in Energiewirtschaft und –politik“, sagt Wolfgang Grenke, Präsident der BWIHK. Das habe eine Auswertung des Energiewendebarometers aus dem vergangenen Jahr für Baden-Württemberg ergeben. Der Aufbau eigener Energieversorgungskapazitäten sei bei 70 Prozent der Antwortenden aus der Industrie im Land „realisierte, laufende oder geplante Maßnahme“, so Grenke. „Steigende Energiekosten im vergangenen Jahr haben das Interesse an einer Eigenversorgung beim Strom noch weiter steigen lassen.“
2500 Nichtwohngebäude, die von Unternehmen errichtet werden, sind demnach im Schnitt pro Jahr von der Fotovoltaik-Pflicht betroffen. Die Industrie- und Handelskammern befürchten Grenke zufolge „bürokratische Zusatzbelastungen und die Verlängerung von Planungs- und Genehmigungsverfahren“ – und fordern vielmehr, den freiwilligen Ausbau der Fotovoltaik durch den Abbau von Hemmnissen zu fördern.
Wie wird die Pflicht überhaupt kontrolliert?
„Bauherrinnen und Bauherren haben die Erfüllung ihrer Pflichten der zuständigen unteren Baurechtsbehörde nachzuweisen“, heißt es dazu vom Umweltministerium – und zwar durch eine Bestätigung der Bundesnetzagentur über die Registrierung im Marktstammdatenregister spätestens zwölf Monate nach Fertigstellung des Bauvorhabens. Dies könne zum Beispiel durch elektronische Weiterleitung dieser Bestätigung erfolgen.
Wie viele Fotovoltaik-Anlagen werden bisher jährlich installiert?
Für 2021 gibt es laut dem baden-württembergischen Umweltministerium noch keine aktuellen Zahlen, sie sollen erst im Frühjahr vorliegen. „Klar ist aber: Baden-Württemberg muss das bei Fotovoltaik-Anlagen 2020 erreichte sehr erfolgreiche Zubau-Plus von 600 Megawatt mindestens beibehalten oder leicht steigern“, sagt eine Sprecherin. Nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund der Einführung der Fotovoltaikpflicht rechnet man im Ministerium damit, dass sich die „positive Entwicklung“ der vergangenen Jahre fortsetzen könne.
Wie viele müssen künftig jedes Jahr zugebaut werden, damit die Klimaziele erreicht werden können?
Die Fotovoltaik belegt laut dem baden-württembergischen Umweltministerium aktuell mit einem Anteil von gut 14 Prozent an der Bruttostromerzeugung den Spitzenplatz unter den Erneuerbaren in Baden-Württemberg – und soll in den nächsten Jahren deutlich weiter ausgebaut werden. „Hierzu soll hauptsächlich das bislang nur zu etwa 20 Prozent genutzte Potenzial auf Dächern weiter für die Solarenergienutzung erschlossen werden“, sagt die Ministeriumssprecherin. „Nach den aktuellen Zielsetzungen der Landesregierung sollen die bisher etwa 6,9 Gigawatt an installierter Fotovoltaik-Leistung bis zum Jahr 2040 auf mindestens 20 Gigawatt ansteigen.“
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Nach Einschätzungen des Verbands Solar Cluster Baden-Württemberg ist ein Zubau von jährlich rund 2000 Megawatt zusätzlich durch Fotovoltaik-Anlagen schon bis zum Jahr 2030 nötig, damit der Südwesten seinen Beitrag zum Klimaziel der neuen Bundesregierung leisten kann. In den kommenden neun Jahren müssten deshalb allein auf Hausdächern im Südwesten täglich rund 150 neue kleine Fotovoltaikanlagen installiert werden, ergeben Berechnungen des Branchenverbands. Hinzu kämen sieben große Anlagen auf Gewerbeimmobilien, auf Freiflächen benötige das Bundesland jährlich 75 Anlagen.
Wo liegen momentan noch die Hemmnisse, wo hakt es?
Seit Jahren sinkt die Einspeisevergütung für Solarstrom von privaten Anlagen ins Netz. Diese jährliche Kürzung der Einspeisevergütung – die sogenannte Degression – fällt umso größer aus, je mehr Anlagen im Vorjahr installiert worden sind. Die Rede ist dabei von einem atmenden Deckel. Steigen zugleich aber die Kosten für die Installation einer Anlage, ist Fotovoltaik für Privatleute ebenso wie Unternehmen weniger rentabel. Die Solarbranche fordert deshalb, die Degression auszusetzen.
Auch im baden-württembergischen Umweltministerium sieht man an diesem Punkt „Anpassungsbedarf“: Das Land setze sich beim Bund „seit längerem für eine angemessene Vergütung und eine Reform des atmenden Deckels ein“, sagt die Ministeriumssprecherin. „Im Rahmen der von der Bundesregierung angekündigten Solaroffensive wird dieser Aspekt sicherlich untersucht werden.“ Auch beim Abbau von bürokratischen Hürden gebe es „Anpassungsbedarf“. Auf Landesebene kümmert sich derzeit eine eigens eingerichtete Task Force darum, Hemmnisse beim schnellen Ausbau der Erneuerbaren zu definieren und Wege zur Beschleunigung aufzuzeigen.