Soldatenfeier im Pavillon Video zeigt Stadtgarten-Szenen vor der Zerstörung

Im Hintergrund ist der Stadtgarten zu sehen: Unterhaltung im Kriegsjahr 1941 im heute nicht mehr existierenden Pavillon. Foto: Stadtarchiv/Plavec

Ein Film aus unserem Projekt „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“ zeigt den Stadtgarten-Pavillon vor seiner Zerstörung – bei einer Verwundetenfeier. Ein seltener Einblick, wie der Park am Unicampus früher genutzt wurde.

Der 13. Juni 1941 ist ein schöner Sommertag in Stuttgart. Im Stadtgarten auf dem heutigen Unigelände in der Stadtmitte genießt eine ungewöhnlich große Gesellschaft Kaffee und Kuchen und bewundert amüsiert das Varietéprogramm auf der Bühne: Mehr als 1100 verwundete und genesene Soldaten, Ärzte, Krankenschwestern und Sanitätspersonal, die von der Stadtverwaltung zur „Verwundetenfeier“ eingeladen waren. Zum Auftakt spricht OB Karl Strölin. Die Stimmung ist aufgeräumt, es wird gegessen, getrunken, geraucht, gelacht und applaudiert. Das Video aus unserem Gemeinschaftsprojekt mit dem Stadtarchiv „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“ zeigt diese und weitere Szenen.

 

Diese Verwundetenfeier im Stadtpark war einer der „geeigneten, für die Kriegszeit bezeichnenden Vorgänge“, die Strölin filmisch dokumentieren ließ, um die Leistungen der Stadtverwaltung im Krieg darzustellen und herauszustreichen. Die Idee stammte von dem Regisseur und Filmproduzenten Jean Lommen.

Ein paar Kopfverbände sind nicht zu vermeiden

Von Verwundungen sollte man da natürlich nicht so viel sehen. Der Anblick von drastischen Blessuren, wie sie Panzerfäuste und Maschinengewehre anrichten, würde nur verstören und könnte den Durchhaltewillen schwächen. Ein paar Kopfverbände sind nicht zu vermeiden, rein weiß, kann ja wohl, wird suggeriert, nicht so schlimm gewesen sein. Der Mann in Uniform lacht schon wieder und kann bald erneut für Führer und Vaterland an die Front.

Man entdeckt die Griffe einer Krücke unter den Schultern eines Soldaten, ein anderer hat den Arm in der Schlinge und bekommt die Zigarette von der Krankenschwester gereicht. So gut, soll vermittelt werden, umsorgt, betreut und pflegt das Regime die Frontsoldaten.

Blick ins Publikum Foto: Stadtarchiv/Plavec

Zu diesem Zeitpunkt ist die deutsche Wehrmacht noch an allen Fronten siegreich. Nichts ahnte man davon, dass Hitler den deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag mit Stalin brechen, schon eine Woche nach der im Film festgehaltenen Verwundetenfeier, nämlich am 22. Juni, Russland überfallen und damit den Untergang einläuten würde.

Was damals unterhalten hat

Wichtig ist zu diesem Zeitpunkt, für gute Stimmung zu sorgen. Mit Kaffee, Kuchen und Stimmungskanonen. Die „Drei Richys“ mit ihrer komischen Nummer am Reck, die „Vier Cortys“, Akrobaten am Trapez, die Hohe Schule des Dressurreiters Otto Schumann, der Musikclown, das Tanzpaar und die Girls-Truppe, züchtig in langen Kleidern, werden mit Beifall gefeiert. Man ist dankbar für die Ablenkung. Wo die Kamera ernste Gesichter einfängt, hat wohl die Ablenkung gerade nicht funktioniert. Es sind zwar stumme Bilder ohne Ton – aber sie sprechen doch Bände.

Die „Drei Richys“ am Reck Foto: Stadtarchiv/Plavec

Der Stadtgarten war für die nationalsozialistischen Machthaber ein bevorzugter Ort für ihre Groß- und Massenveranstaltungen. Gleich im Jahr der Machtergreifung hatte sich hier der Landesverband der Stadtgarden und Bürgerwehren Württembergs konstituiert. Am 18. Juli 1937 wurde die Eröffnungsrede Hitlers im Haus der Kunst in München in den Stadtgarten übertragen, anschließend gab die Stuttgarter Künstlerschaft ein großes Fest.

1944 wurde der Pavillon zerstört

1939 wurde als erste Vorkehrung für den Krieg eine Kleiderstelle eingerichtet, und am 23. April 1944 fand hier noch eine Vereidigung „Germanischer Freiwilliger“ statt. Als im selben Jahr bei einem Flächenbombardement die Gebäude des Stadtgartens völlig ausbrannten, war dessen Ära – nach dem scheinbaren Ende 25 Jahre vorher durch den Ersten Weltkrieg – ein zweites Mal zu Ende. „Dieses Mal aber endgültig“, schreibt Timo John in seinem Buch „Der Stuttgarter Stadtgarten – Von den Seewiesen zum Universitätscampus“, erschienen im Jahr 2002 im Hohenheim-Verlag.

Tatsächlich hat die Anlage nach 1945 bis heute trotz vieler Initiativen und Absichtserklärungen ihren früheren Rang nicht mehr erreicht. Die Entstehung des Parks ist dem zunehmend freiheitlichen Bürgersinn im 19. Jahrhundert zu verdanken. Weil die höfischen Parks den Bürgern verschlossen blieben, wehrten sich die gegen die Bebauung des Alleeplatzes und gründeten für dieses Gelände am 4. Februar 1870 die Stadtgarten-Gesellschaft.

Schon am 10. September 1870 wurde hier eine Gartenschau eröffnet: Mit einem Pflanzenhaus, Zeugnis der neuen Eisen-Glas-Architektur, Blumenbeeten, Pavillons, Marmorskulpturen und Restaurationsbetrieben. Der Stadtgarten wurde zur Keimzelle des modernen Messewesens und Tummelplatz der feinen Gesellschaft bei Konzerten, Theater, Feuerwerk und Festen. Wirklich volkstümlich war der Stadtgarten nie, man musste ja auch Eintritt bezahlen. „Mit dem Ersten Weltkrieg ging dieses Zeugnis der Belle Époque unter“, schreibt John. Bereits 1914 nahm hier ein Lazarett Verwundete auf.

Die 1920er Jahre brachten eine neue Blüte, Attraktionen wie den Aquarium-Bau, eine Freilichtbühne und mit dem Neuen Weinhaus am See den Ruf als Vergnügungsstätte ersten Ranges. Ein bemerkenswertes Kapitel in dieser zweiten Stadtgarten-Ära stellt die Kolonialausstellung dar, die im Frühjahr und Sommer 1928 präsentiert wurde, eingeläutet von einem Festumzug am 2. Juni mit Tausenden Schaulustigen. Szenen aus den ehemaligen deutschen Kolonien Togo, Kamerun und Deutsch-Südwestafrika in Dioramen wie der Hafen von Daressalam oder das Sonnenhaus von Samoa „transportierten das stereotype Bild, das die gesamte Ausstellung prägte“, schreiben Katharina Ernst, Leiterin des Stuttgarter Stadtarchivs, und Margret Renz in einem Beitrag zum Buch über den Kolonialismus im Südwesten („Die vergessene Ausbeutung“, Verlag Regionalkultur, 2019).

Werbung für die Kolonialausstellung 1928 Foto: Stadtarchiv/Scan

Die Ausstellung war umstritten: „Sie wollen sich die herrlichen Zeiten wieder vor Augen führen, in denen Deutschland noch Kolonien hatte und die fremden Völker mit seiner Kultur beglücken konnte“, hieß ein Vorwurf aus dem Stuttgarter Gemeinderat an die Veranstalter, die Handelshof AG / Ausstellungs- und Tagungsstelle. Bei „realistisch geschätzten 170 000 Besuchern“ (Ernst) blieb ein Defizit von 27 408,88 Reichsmark. „Diese Ausstellung ist so überflüssig wie ein Kropf“, urteilte die sozialdemokratische „Schwäbische Tagwacht“.

Und der Stadtgarten heute? An den Rand gerückt, weil sich das Leben im Zentrum, am Schlossplatz und im Schlossgarten abspielt. Werden die vielerlei Überlegungen, ihn nicht nur für die Studierenden der benachbarten Universität attraktiv und charmant zu gestalten, endlich in die Tat umgesetzt – dann würden dieser Schatz und seine Geschichte nicht verloren gehen.

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