Solidarität in der Coronakrise Jeder impft für sich allein

Wer wird zuerst geimpft? An dieser Frage entzündet sich heftiger Streit. Foto: dpa/Mohssen Assanimoghaddam

Zu wenig Impfstoff, zu lange Lieferzeiten, brüchige Logistik: Die Impfstoffhersteller sehen sich mit harscher Kritik konfrontiert. Doch statt nur zu kritisieren, sollten wir lieber ein solidarisches Bewusstsein bei der Verteilung der Vakzine an den Tag legen, kommentiert Joachim Dorfs.

Chefredaktion: Joachim Dorfs (jd)

Stuttgart - Zur Erinnerung: Zu Beginn der Corona-Pandemie waren sich die Experten einig, dass es – falls es überhaupt gelingt – Jahre dauern könnte, bis ein wirksamer Impfstoff zur Verfügung steht. Forschung und Entwicklung, klinische Tests, Genehmigung und die Etablierung einer sicheren Massenproduktion würden ihre Zeit brauchen. Vage Hoffnungen, eine Massenimpfung könne kurzfristig ein wirksamer Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie sein, wurden damals ins Reich der Fantasie verwiesen.

 

Nun, zwölf Monate später, stehen nach einer beispiellosen wissenschaftlichen Leistung und einem logistischen Kraftakt mehrere wirksame und sichere Impfstoffe zur Verfügung. Jetzt setzt der Kampf um die knappen Vakzine ein. Wer sichert sich welche Mengen – in der EU, den USA und den restlichen Industrienationen? Und wann sind die Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern an der Reihe?

Patente annullieren? Lieber nicht!

Das gegenwärtige Schwarze-Peter-Spiel der Schuldzuweisungen zwischen Impfstoffherstellern und Politik führt dabei überhaupt nicht weiter. Entscheidend ist, wie kurz- und langfristig mehr Impfstoff hergestellt werden kann und wie eine sinnvolle und gerechte Verteilung der knappen Vakzine aussehen kann.

Sehr fraglich ist dabei, ob eine immer wieder geforderte Notimpfstoffwirtschaft sinnvoll ist. Denn wer Patente annullieren und Unternehmen zu Zwangspartnerschaften verpflichten will, übersieht, dass die Erfolge bei den Impfstoffen auch deshalb erzielt worden sind, weil die wissenschaftliche und wirtschaftliche Leistung der Unternehmen durch Patente anerkannt wird. Es ist zweifelhaft, ob solche Erfolge ohne eine entsprechende Kompensation oder auf Basis von Zwang möglich gewesen wären.

Die Schwellenländer müssen warten

Anders verhält es sich freilich beim Aussetzen von Patenten, das vor einigen Monaten von der Welthandelsorganisation vorgeschlagen wurde. Unter anderem der Tübinger Impfstoffhersteller Curevac hat das ausdrücklich begrüßt. Hier sollte die Politik ansetzen und die Unternehmen beim Wort nehmen. So lange das Anreizsystem an sich intakt bleibt, kann ein Aussetzen von Patenten helfen, die Produktion weltweit in Schwung zu bringen. Zu überlegen ist auch, ob dies nicht nur, wie die Präsidentin des evangelischen Hilfswerks Brot für die Welt, Cornelia Füllkrug-Weitzel, vorgeschlagen hat, für die Impfstoffe selbst, sondern auch für Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten zur Anwendung kommen sollte.

Das könnte maßgeblich dabei helfen, auch die Länder des globalen Südens besser mit Impfstoffen zu versorgen. Während in Industrieländern wie Israel schon junge Erwachsene geimpft werden, müssen in Schwellenländern Alte und medizinisches Personal noch sehr lange auf Schutz warten. Laut Schätzungen kann es für zwei Drittel der Weltbevölkerung bis zu drei Jahre dauern, ehe sie mit einer Impfung rechnen können, weil sich die entwickelten Länder wohl 80 Prozent der verfügbaren Impfstoffe gesichert haben.

„Moralisches Versagen“

Angesichts dieser Zahlen und drohender Exportverbote für Impfstoffe kann es nicht verwundern, dass der Chef der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Adhanom Ghebreyesus, vor einem „katastrophalen moralischen Versagen“ der Industrieländer warnt. Das ist auch mit Blick auf ihre Eigeninteressen kurzsichtig: In den Ländern, in denen wenig oder nicht geimpft wird, können Virusmutationen entstehen, die auch die entwickelten Länder bedrohen.

Die Debatte in Deutschland schwankt zwischen der Forderung nach maximaler Geschwindigkeit und internationaler Solidarität. Doch die Pandemie ist nicht zu Ende, wenn der letzte Deutsche geimpft ist. Corona ist eine globale Pandemie. Sie kann nur global bekämpft werden.

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