InterviewSolo-Tanz-Theater-Festival startet „Nur gut getanzt ist zu wenig“

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Marcelo Santos Foto: Jo Grabowski

Vor 25 Jahren hat Marcelo Santos das Solo-Tanz-Theater-Festival gegründet. Seither gibt es viel Neues, zum Beispiel einen Stuttgart-Abend. Mit diesem Warm-up startet der Wettbewerb in diesem Jahr digital.

Kultur: Andrea Kachelrieß (ak)
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Stuttgart - Was einst klein begann, ist heute ein Wettbewerb, der von Stuttgart aus international ausstrahlt. Bereits zum 25. Mal findet das Internationale Solo-Tanz-Theater-Festival statt, in diesem Jahr coronabedingt als Hybridveranstaltung: Aus dem Treffpunkt Rotebühlplatz gibt es eine Livemoderation, die Soli werden per Film eingespielt. Als Warm-up zum Wettbewerb laden am 12. Mai Stuttgarter Tänzer zum lokalen Parcours. Was sich sonst noch geändert hat, erklärt Festivalgründer Marcelo Santos.

Herr Santos, wenn Sie auf 25 Jahre zurückblicken: Was ist heute anders beim Solo-Festival?

Am Anfang konnten wir natürlich nicht mit so viel Beachtung rechnen, wie wir sie heute erleben. International und professionell war das Festival schon zu Beginn, aber die Zahl der Bewerber und die Höhe der Preisgelder ist gestiegen, auch neue Preise sind dazugekommen. Ganz wichtig sind inzwischen die Residenz-Preise, sie erlauben den Gewinnern, an namhaften Theatern zu arbeiten und zu choreografieren. Das ist bisweilen mehr wert als Geld.

Und was hat sich bewährt?

Die hohe künstlerische Kraft, die von diesem Wettbewerb ausgeht. Das Festival ist nach wie vor zeitgenössisch, das war es vor 25 Jahren, und das ist es noch heute. Künstler, Bewegungen und Inhalte sind jedes Jahr neu, frisch und erwachsen den Themen der Zeit.

Alleine tanzen ist in der Pandemie angesagt. Was ist auch ohne Corona das Tolle an dieser Form?

Die Schwierigkeit beim Solo liegt darin, dass vom Künstler eine sehr hohe Bühnenpräsenz ausgehen muss. Die Stücke dürfen nicht langweilen, ähnlich wie bei einem Gedicht ist der Ausdruck stark verdichtet und muss außerordentlich gut dramaturgisch durchdacht sein. Es ist ja nicht nur ein Solo, das verlangt wird, sondern zeitgenössisches Solo-Tanz-Theater. Nur gut getanzt ist deshalb zu wenig. Das macht das Format schwierig und aufregend zugleich.

Was kann ein Preis beim Festival bewirken?

Bei etwa 250 Bewerbungen aus aller Welt ist es schon toll, wenn man unter die 18 eingeladenen Künstler kommt. Dann noch einen Preis zu holen ist mit Sicherheit ein Türöffner. Die Teilnehmer, mit denen ich in Deutschland, Europa und Brasilien auf Tour gehe, empfinden sich oft als Teil einer Familie. Man kennt sich, bleibt über Social Media verbunden und folgt gegenseitig den beruflichen Wegen. Und ja, einige unserer Gewinner haben tatsächlich Karriere gemacht, leiten Theater oder Kompanien. Von selbst ergibt sich natürlich eine solche Karriere nicht, jeder muss seinen Lebensweg selbst beschreiten, aber ein Gewinn hilft viel.

Steht der Wettbewerb im Vordergrund?

Nein, in Stuttgart treffen sich normalerweise Künstlerinnen und Künstler, lernen sich kennen, tauschen sich aus. Wir bieten eine Plattform für zeitgenössischen Tanz. Das ist ein wichtiger Fokus, deshalb heißen wir auch Solo-Tanz-Theater-Festival und nicht -Wettbewerb.

Können Sie Trends feststellen?

Dem Solo-Format ist geschuldet, dass häufig innere Zustände oder Spannungsfelder zwischen der Person und der Welt auf die Bühne gebracht werden. Es gab auch schon Umweltthemen, Kriegserlebnisse oder politische Statements, alles ist denkbar. 2021 findet man: Multitasking, eine Kindheit im Slum, Individualität in Auseinandersetzung mit dem Mainstream, Persönlichkeit als Ausdruck von Erfolg und Leistung, Komplexität der Welt, emotionale Intelligenz. Man merkt also schon, was die Welt und junge Menschen so umtreibt. Was es nicht gibt, ist ein Stück über Corona.

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