Sommer, Sonne Lärm Das ist der Klang des Sommers

Von unserer Redaktion 

Rasenmäher-Dezibel, Bass aus dem Autoradio, laute Partys und Kindergetöse: Der Sommer kennt viele Geräusche. Wir stellen einige vor.

Rasenmäher, Kreissägen und Betonmischer müssen an Sonn- und Feiertagen stillstehen. Doch an sonnigen Werktagen sind dem Lärm keine Grenzen gesetzt. Foto: dpa
Rasenmäher, Kreissägen und Betonmischer müssen an Sonn- und Feiertagen stillstehen. Doch an sonnigen Werktagen sind dem Lärm keine Grenzen gesetzt. Foto: dpa

Stuttgart - Der Sommer könnte die schönste Zeit des Jahres sein. Wäre es nicht zu heiß, zu trocken und zu laut. Denn im Sommer werden Gärten und Grünanlagen gemäht, haben Kinder besonders viel Zeit zum Spielen und Toben, bringen Zikaden einen fast um den Verstand. Wir haben die Geräusche des Sommers zusammengestellt und bewertet.

Grün-Fetischisten

Der letzte Regen liegt Tage zurück, die Sonne scheint, kein Wölkchen am Himmel, und da ein Sommeridyll nach akustischer Untermalung verlangt, startet die Nachbarschaft kollektiv die Rasenmäher. Ein Klang wie ein schlecht frisiertes Moped, und doch ist der Sound eines benzingetriebenen Sichel­mähers fester Bestandteil eines gemütlichen Sommertags. Das monotone, fast meditative Brummen schickt einen sanft ins Schlummerland, der Duft nach frisch geschnittenem Gras weckt Erinnerungen an die Kindheit und die Erkenntnis, dass der eigene Rasen auch gemäht werden muss.

Aber Obacht: So idyllisch der Klang sein kann, nicht alle wissen ihn zu schätzen. 1992 wurde daher die Rasenmäherlärm-Verordnung erlassen: Demnach gilt, dass der Rasenmäher nur zwischen 7 und 19 Uhr betrieben werden darf. Werfen Sie Ihren Rasenmäher auch nicht in der Mittagspause an – so schön er auch klingt. Rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr.

Geile Kerbtiere

Spätestens, wenn man die Autobahn verlässt und am Zahlautomaten die Fensterscheibe herunterkurbelt, hört man den Sommer: Kkkzzz, Kkkzzz, ohrenbetäubend und in rascher Folge. Ein tolles Hitzekonzert. Zikaden zirpen in Südfrankreich und an anderen Orten, wo es ordentlich heiß wird. Was genau sie sich zu sagen haben, wissen nur sie, die Frequenzunterschiede sind fürs menschliche Ohr kaum hörbar.

Was man weiß: Männchen locken damit Weibchen an und markieren ihr Revier. Zikaden haben im Hinterleib ein Trommelorgan, eine Art elastische Platte, die ein Muskel eindellt. Erschlafft der Muskel, springt die Platte zurück. Hunderte Male pro Sekunde, aber nur ab einer Temperatur von rund 25 Grad Celsius; Insekten, auf Deutsch Kerbtiere, reagieren auf Temperatur – je höher, desto bewegungsfreudiger. Grillen, die deutlich kleiner sind als Zikaden, machen die Geräusche, indem sie ihre Hinterbeine gegeneinanderreiben.

Radio-Rabauken

Es gibt Tage, da wünscht man sich, der Gebrauch von Panzerfäusten wäre nicht durch gutgemeinte Vorschriften eingeschränkt. Dann könnte man Menschen, die in ihren offenen Autos mit lauter Musik durchs Wohngebiet fahren oder an der Ampel unter dem Schlafzimmerfenster warten, unmissverständlich klar machen, dass man ihre Musik nicht hören will.

Auch in der kalten Jahreszeit, wenn Autodach und Fenster geschlossen sind, würde man die eine oder andere rollende Beschallungsanlage gerne aus dem Verkehr ziehen. Nur im Sommer wird die Kakofonie aus Gangsta-Rap, orientalischen Volksweisen und den größten Hits aller Zeiten zur echten Landplage. Wer seine Musik im Auto zu laut aufdreht, dem droht ein Bußgeld von zehn Euro. Haha! Da die Polizei von selbst offenbar nie tätig wird, müsste man den Übeltäter anzeigen.

Die Aussicht auf Erfolg: etwa so groß wie bei der Anzeige eines Raddiebstahls. Ernst wird es, wenn ein Unfall passiert: Wer wegen zu lauter Musik ein Polizei- oder Feuerwehrauto überhört, haftet für den Schaden.

Feier-Biester

Laue Nächte in der Stadt sind nichts für Sensibelchen. Kommt schon vor, dass man um zwei Uhr morgens vor Nachbars vibrierender Tür steht. Hämmernd. Klingt nach Punkkonzert im Schweinestall. Party ist ein nettes Wort für Spießer-Ekstase, steht für blödpopmusikalisch untermalte Kollektivbesäufnisse in Privaträumen. Um 23 Uhr wird hysterisch gelacht, ab Mitternacht gegrunzt. Der Ruhepuls hat sich bei 120 eingependelt, als der Lärmbold öffnet und fragt: „Yo, Alder, was geht?“ Im Hintergrund: Überall Flaschen. Schäumende und grölende. Nix geht mehr!

Zähneknirschend fügt man hinzu: Und falls doch, kommt die Polizei. Wird die Hausverwaltung informiert. Am besten mit Notizen zu Lautstärke und Dauer der Störung. Was viele Nachbarn nicht wissen oder wissen wollen: Auch in der Stadt gilt die Nachtruhe von 22 Uhr an. Dann klingt die Sommernacht wieder, wie sie soll: nach Zimmerlautstärke und einem Ruhepuls unter 120.

Nachbars Gören

Urbanes Leben mit Kiez, Eckkneipe und buntlebendigem Treiben auf der Straße: das heißt auch gemischtes Wohnen. Wie im Haus nebenan mit auffällig vielen Kindern. Die Wohnungsparteien scheinen sich herzlich zugeneigt, weswegen gemeinschaftlich den Gören und Rabauken Sandkasten, Rutsche, Torwand und allerlei sonstiges Spielgerät bereitgestellt wurde. Davon wird nicht nur sommers gerne Gebrauch – und Lärm – gemacht.

Lohnt es sich dagegen zu klagen? Wäre es ein Spielplatz üblicher Art auf öffentlichem Grund, hätte man vor Gericht keine Chance. Lärm auf einem Kinderspielplatz sei keine „schädliche Umwelteinwirkung“, sondern „sozialverträglich“, so ein Urteil des Verwaltungsgerichts Koblenz. Gut, dass die Freifläche zur anderen Seite der Wohnung bestimmungsgemäß ausgesprochen ruhig ist. Allenfalls erklingt dort gelegentlich ein feierlich geblasener Choral, wenn auf dem Friedhof eine Beerdigung stattfindet.