Kirchheim/Teck - Der Mann hat seine Heimatstadt seit mehr als 20 Jahren mitgeprägt, und viele Kirchheimer meinen nach wie vor, Andreas Schwarz sei der Ansprechpartner für so gut wie jedes Problem. Nicht ohne Grund: Man steht auf der Brücke über die Lauter an der Bruckmühle am Rande der historischen Kirchheimer Innenstadt und Andreas Schwarz weist gerade stolz darauf hin, dass der lange Zeit in einem begradigten Flussbett gefangene Bach jetzt mäandern darf. „Gehen Sie da runter, was das für eine Sauerei ist“, sagt ein Passant, und Schwarz geht mit, nimmt die Uferböschung in Augenschein und findet jede Menge Plastikmüll. Sofort kommt der Politiker durch: „Ich bin ein großer Befürworter der kommunalen Plastiksteuer“, sagt Schwarz und lobt die „tolle Initiative Kirchheim plastikfrei“.
Schon als Schüler engagiert
Das liegt vor allem am kommunalpolitischen Engagement, das der heute 41-Jährige seit der Schulzeit an den Tag legt. „Als Schülersprecher habe ich die Schülercafeteria eingerichtet“, ruft der Wirtschaftsjurist in Erinnerung. Mit 19 zog er in den Kirchheimer Gemeinderat ein, davor war er schon vier Jahre lang Jugendgemeinderat. Zwölf Jahre als Kreisrat kommen hinzu. Dass die S 4 bis Kirchheim fährt, hält er auch seinem Einsatz zugute, ebenso wie die Einrichtung der für Radfahrer offenen Fußgängerzone. So hat er quasi von Jugend auf gelernt „Mehrheiten zu finden und Allianzen zu schmieden“, sagt er, das komme ihm im Landtag zugute.
Sein Stadtratsmandat hat er nach 17 Jahren 2016 schweren Herzens abgegeben, als er Chef der Grünen-Landtagsfraktion wurde. „Ich halte nichts von Mandatsanhäufung“, sagt er, aber die tiefe Verbundenheit bleibt: „Hier planen wir ein Sanierungsgebiet“, erzählt er beim Bummel über den Postplatz, wo sein Wahlkreisbüro in einem Gebäude der 70erJahre untergebracht ist. Dann korrigiert er sich lächelnd, „die Stadt“ plant das.
Vorbildliches Konzept fürs Land
Nicht selten schließt sich der Kreis von der Kommunal- zur Landespolitik, zumal auch der Grüne verinnerlicht hat: „Ein guter Abgeordneter guckt, dass sein Wahlkreis vorankommt.“ Voran geht es zum Beispiel im Steingauquartier, der Großbaustelle in der Innenstadt. Man hat das einst eingeschossige „Einkaufszentrum für alle“, das EZA, abgerissen und überbaut das Gelände nun samt dem ehemaligen Parkplatz. Auf dem hat halb Kirchheim in der Fahrschulzeit einparken geübt, auch Andreas Schwarz – versteht sich.
Es entstehen viergeschossige urbane Gebäude. Ganz im Sinne des Landes und von Andreas Schwarz. Der Zweimetermann ist ein großer Freund von „vertikaler Stadtplanung“, des Bauens in die Höhe, um Flächen zu sparen. Bauen darf in dem Quartier, wer mit seinem Konzept überzeugt. Die Investoren, darunter auch Genossenschaften, müssen soziale, energetische und ökologische Vorgaben erfüllen. Es gibt eine Nahwärmeversorgung, bei 30 Prozent der Mietwohnungen gilt eine reduzierte Miete.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Wie Wohnungsnot im Land bekämpft wird
Nahtlos kommt Schwarz zur Landespolitik. 250 Millionen Euro stellt das Land im Jahr für die Wohnraumförderung zur Verfügung. Davon fließen 180 Millionen in den sozialen Mietwohnungsbau. „Es ist unser Anspruch, dass wir alle Anträge bedienen können“, sagt der Fraktionschef. Eine Aufstockung des Topfs hält er nicht für notwendig. Derzeit würden nicht alle Mittel abfließen, sollte sich die Nachfrage ändern, werde das Land nachlegen. Aber erst dann.
Selbstkritischer Blick auf die Stadtplanung
Weiter geht’s auf dem Stadtbummel zum Supermarkt am Rande der Innenstadt, der vom Steingauquartier auf das Gelände der einstigen Textilfabrik verlegt wurde. Da, räumt der ehemalige Kommunalpolitiker Schwarz im Nachhinein selbstkritisch ein, „hätten wir stärker an den Vorgaben arbeiten müssen“. So ein Einkaufszentrum sei doch eher „innen schön“. Außen weniger. Dann kommt das Teck-Center. „Na ja“, kommentiert Schwarz.
Aber die Stadt ist stolz darauf, dass die Supermärkte nicht auf der grünen Wiese sind, sondern am Rande der Altstadt, das ergibt eine „Stadt der kurzen Wege“. Er lobt, dass mancher Supermarkt in Kirchheim die Flachdächer mit Solarpaneelen gespickt hat, sieht aber hier, wie im ganzen Land, Nachholbedarf, sei es über Parkplätzen oder entlang der neuen ICE-Strecke nach Ulm. Er selbst zählt sich als Genossenschafter der Bürgersolaranlage im Teilort Jesingen zu den Pionieren der Fotovoltaik.
Start im Spitzenteam
Der begeisterte Rennradfahrer ist in seine landespolitische Karriere weit oben eingestiegen. Er war noch gar nicht im Landtag, da beförderten die Grünen den Kommunalexperten schon in das Spitzenteam, das sie ihrem Kandidaten Winfried Kretschmann für den Landtagswahlkampf 2011 an die Seite gestellt hatten. Der Ausgang ist bekannt, Kretschmann wurde unerwartet Ministerpräsident, Schwarz zog in den Landtag ein und avancierte bereits in seiner zweiten Wahlperiode zum mächtigen Vorsitzenden der grünen Regierungsfraktion. Inzwischen ist Schwarz schon zum zweiten Mal Fraktionschef, eine Position, die zu CDU-Regierungszeiten als die des Kronprinzen galt.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Moderne Themen für die angegraute SPD
Ambitionen auf eine Kretschmann-Nachfolge umkurvt Schwarz tunlichst: „Darüber mache ich mir momentan keine Gedanken.“ Es gehe darum: „Unser Ziel muss es sein auch in der nächsten Periode die stärkste Fraktion zu sein. Wir haben wieder den Anspruch, den Ministerpräsidenten zu stellen.“ Dabei sei klar, „jeder Nachfolger von Winfried Kretschmann wird es schwer haben“. Die Radlerin, die Schwarz in der Pizzeria sitzen sieht, ruft ihm jedenfalls im Vorbeifahren schon mal grundsätzlich gute Wünsche zu: „Alles Gute für die nächste Zeit und gutes Durchhaltevermögen.“