Entspannter Musikgenuss
Es war ein herrlich entspannter Sonntagabend auf Esslingens Höhen. Während noch die letzten Tropfen fielen, warteten die Fans in langen Schlangen vor den Eingängen zum Inneren Burgplatz. Trotzdem gab’s kein Gedränge und kein böses Wort. Anders als andere Künstler ließ Kerstin Ott ihr Publikum nicht warten – Punkt 19 Uhr ging es los. Und schon im ersten Song „Rockstar“ hatte die Sängerin die Zuhörer für sich gewonnen mit einer Botschaft, die sich auf unterschiedliche Weise durch viele ihrer Songtexte zieht: „Sing deine eig’ne Melodie, sei ein Rockstar. Du kommst alleine klar, vergiss, was damals war. Sing deine eig’ne Melodie und bleib sonderbar. Du bist wunderbar, vergiss, was damals war. Sei ein Rockstar.“
Fast zwei Stunden lang präsentierte Kerstin Ott auf der Burg eine Auswahl ihrer Hits, und sie ließ sich auch von der Schwüle dieses Sommerabends nicht aus dem Konzept bringen, weil sie die Nähe ihrer Fans genießt und weil sie beseelt ist von dem, was sie da tut. Sie weiß, dass vielen ihre Texte genauso zu Herzen gehen wie ihr selbst. Doch sie beruhigte ihr Esslinger Publikum augenzwinkernd: „Macht Euch keine Sorgen – ich weine nicht, ich schwitze nur. Ich müsste mehr trainieren. Mein Problem ist nur, dass ich damit immer erst am nächsten Tag anfangen will.“ 26 Titel hatte die Sängerin nach Esslingen mitgebracht – viele sind längst zu Hits geworden. Als Extra-Bonbon gab’s einen Vorgeschmack auf ihr neues Album „Für immer für Dich“, das im Oktober unter anderem mit dem Titel „Bye bye“ erscheinen soll.
Die Musik spricht für sich
Es ist nicht spektakulär, was Kerstin Ott auf der Bühne präsentiert. Die Shows der Sängerin, deren Karriere nicht immer den einfachen Weg genommen und die sich vielleicht gerade deshalb umso nachhaltiger etabliert hat, sind schnörkellos inszeniert. Nichts soll der Musik und den Texten ihre Wirkung nehmen. Ihr Sound bewegt sich zwischen Pop, Schlager, Folk und Dance, zwischendurch probiert sie auch mal etwas aus. Und sie bezieht ihr Publikum gerne ein und freut sich, wenn manche von weither angereist sind, um sie und ihre Botschaften live zu erleben.
Bei vielen ihrer Texte spürt man, dass eigene Erfahrungen beim Schreiben die Feder geführt haben. „Ich musste das endlich einmal sagen“, ließ sie ihre Fans auf der Burg wissen, dass nichts von alledem aufgesetzt sei. Da ging es um Liebesschmerz und Lebensglück, um Diversität und Toleranz, um die schwierige Suche nach dem richtigen Weg und darum, sich gegen die Erwartungen anderer zu behaupten. Einige Titel hatte sie ihrer Ehepartnerin gewidmet, der jüngste trägt den Titel „Für immer für Dich“. Zur Entstehung mancher Songs wusste Kerstin Ott kleine Geschichten zu erzählen. Einen der berührendsten Titel – „Was weißt Du von meiner Liebe“ – hat sie ihrer Brieffreundin Romy gewidmet, die an Trisomie 21 leidet, ihre erste Liebe erlebt und die Schmetterlingsgefühle in ihrem Bauch gar nicht so recht genießen kann, weil sie spürt, dass sie ob ihrer Behinderung von manchen belächelt wird. Menschen wie Romy sind Kerstin Ott immer wieder begegnet, und auch ihr eigener Lebensweg war nie frei von Hürden. Trotzdem ließ sie sich nie entmutigen, und dazu möchte sie auch andere ermutigen.
„Die immer lacht“ darf nicht fehlen
Natürlich durfte ihr größter Hit „Die immer lacht“ nicht fehlen – ein Lied, das sie vor fast 20 Jahren noch als Hobbymusikerin am Küchentisch für eine erkrankte Freundin geschrieben hat. Auf der Burg begleitete sie die ersten Strophen allein mit ihrer Gitarre, stellenweise sang allein das Publikum. Ein Gänsehautmoment. Nach einiger Zeit stimmte ihre famose Begleitband ein und zeigte die ganze Klangfülle dieser Komposition. Erst nach diversen Zugaben machten sich ihre Fans auf den Heimweg – viele mit einem glückseligen Lächeln im Gesicht und mit Kerstin Otts Abschiedsbotschaft im Sinn: „Wenn man die Liebe zwischen Menschen zulässt, ob man sie kennt oder nicht, kann viel Gutes entstehen. Lasst dafür die Hater in sozialen Netzwerken links liegen.“
Bekenntnisse einer Sängerin
Lampenfieber
Jeder Auftritt ist für Kerstin Ott etwas Besonderes – und bevor sie auf die Bühne geht, muss sie erst mal durchschnaufen. „Es ist abhängig von meiner Tagesform, ob ich Lampenfieber habe oder nicht“, hat sie im Gespräch mit unserer Zeitung verraten. „Manchmal bin ich völlig entspannt, manchmal habe ich Herzrasen. Das weiß ich vorher nie, und das kann ich auch nicht beeinflussen.“ Auf der Esslinger Burg hat sich Kerstin Ott sichtlich wohlgefühlt: „Manchmal kann ich gar nicht glauben, wie schnell solch ein Abend vorbeigeht.“
Open-Air
Auftritte unter freiem Himmel sind für Kerstin Ott verbunden mit Leichtigkeit und Sonnenschein: „Die Menschen können der Musik lauschen, sich ihren Gefühlen hingeben und jeden Moment genießen. Das ist eine schöne, sehr emotionale Geschichte.“