Sommerserie: Husarenhof „Es gab eine Wirtschaft, aber keinen Laden“

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Der Weiler ist eigentlich nur ein Straßendorf. Schlagzeilen hat der Husarenhof zuletzt gemacht, als es um den Bau des Ingersheimer Windrads ging. Für ein Kind in den siebziger Jahren war das Leben „im Hof“ vor allem eines in der Natur.

Kathrin Fritz ist in Husarenhof geboren – eine Heimat der besonderen Art. Foto: factum/Granville
Kathrin Fritz ist in Husarenhof geboren – eine Heimat der besonderen Art. Foto: factum/Granville

Besigheim - Das Windrad hatte den Ort gespalten“, meint Kathrin Fritz. Zum Glück aber sei dieser unselige Streit von 2012 endlich abgeflaut. Viele hätten sich darüber zerstritten, aber nun sei wieder Ruhe eingekehrt. „Man redet wieder miteinander“, sagt die Betreiberin des Hofladens Grill in Husarenhof. Nach wie vor überragt die 180 Meter hohe Windkraftanlage mit ihrem Riesenpropeller den zwischen Besigheim und Ingersheim gelegenen Weiler, aber es gibt drängendere Probleme. Zum Beispiel, dass immer weniger Kunden den Weg in den Bioladen finden und dass die Besenwirtschaft möglicherweise nicht mehr öffnen wird.

Nach Ansicht von Ernst Grill, Landwirt, Betreiber des Besens und Vater von Katrin Fritz, hat die Flaute im Hofladen viel mit einer Dauerbaustelle zu tun: im Sommer 2014 wurde die Landesstraße 1113 saniert. Statt der ursprünglich vorgesehenen Bauzeit von zwei Monaten, haben die Arbeiter vier Monate gebraucht. Das hieß, große Umwege in Kauf zu nehmen oder – im Fall der Besucher des Husarenhofs – wegzu bleiben. Kathrin Fritz hält das aber nicht für die alleinige Ursache. „Es gibt ja jetzt überall Hofläden. Vielleicht ist die Konkurrenz inzwischen zu groß.“ Außerdem redeten zwar alle von Biogemüse und gesunder Ernährung, aber die Lebensweise sei nicht danach. „Die Leute, die immer noch jeden Mittag kochen, sterben aus“, sagt die gelernte Winzerin. „Es wird viel mehr in Kantinen gegessen, und die Schüler bleiben in der Mensa. Das ist halt so, die Großfamilie gibt es so eben nicht mehr.“

Der Laden ist in einem ehemaligen Scheunenanbau

Sie selbst hat sie noch kennengelernt. Mit Oma, Eltern und Kindern rund um den Tisch, das sei für sie ganz normal gewesen. Ebenso wie die Arbeit auf dem dazugehörigen Landwirtschaftsbetrieb. „Nach der Schule war es meistens noch nicht vorbei, das gab es immer noch etwas zu tun“, sagt sie. Sie ist 1971 in Husarenhof geboren, wohnt heute allerdings mit ihrer Familie in Ingersheim. Aber ihr Geschäft befindet sich in einem ehemaligen Scheunenanbau des elterlichen Betriebs. Die Mutter habe den Verkauf vor 17 Jahren begründet. Anfangs habe sie nur Kartoffeln und Zwiebeln im Hauseingang verkauft. Als der Laden ausgebaut war, ist die Mutter gestorben. Seither verkauft Kathrin Fritz Bioprodukte und Gemüse, Wurst und Getreide aus der Region. „Hierher zu kommen, ist für mich einfach Heimat“, sagt sie. „Das nimmt einem niemand mehr.“

In Husarenhof aufzuwachsen, sei etwas ganz Besonderes gewesen. „Vor allem, weil es damals niemanden in meinem Alter gab“, sagt die Geschäftsfrau. „Ich habe drei jüngere Geschwister, die hatten es da schon leichter.“ Als die heranwuchsen, gab es auch bei anderen Familien Kinder. Kathrin Fritz war also oft allein. „Aber als Kind ist einem das nicht bewusst, man kennt es ja nicht anders.“ Sie spielte viel auf den Wiesen oder im Wald. Und sie hatte Hunde und Katzen. Als kleines Kind war ihr das oft auch lieber, als in den Kindergarten zu gehen. Eine ausgeprägte Naturverbundenheit ist geblieben. „Angst hatten wir nicht“, sagt Kathrin Fritz und korrigiert sich gleich selbst: „Na ja, ich hatte keine Angst. Wie es meinen Eltern damit ging, weiß ich nicht. Aber ich habe bei meinen eigenen Kindern gesehen, dass man das als Eltern natürlich ganz anders sieht.“

Motorisierung ist ein Muss

Im Husarenhof gab es nur eine Wirtschaft, kein Geschäft. Der nächste Tante-Emma-Laden war in Besigheim. „Aber damals hat man auch noch viel selbst angebaut“, sagt Kathrin Fritz. Wurst gab es aus der Dose, und sie stammte aus der winterlichen Hausschlachtung. Und wenn etwas nötig war, wurden die Kinder zum Einkauf geschickt, wenn sie sowieso nachmittags Unterricht in der nächst größeren Gemeinde hatten. Den Metzger und den Bäcker hat sie am meisten vermisst. „Wenn die Oma nach dem Arztbesuch mit einem Pfund Aufschnitt und ein paar süßen Stückle zurück gekommen ist, das war ein Highlight für uns“, sagt Kathrin Fritz.

Als Jugendliche jedenfalls hat man darum gekämpft, möglichst bald irgendein motorisiertes Gefährt zu bekommen. „Mit 15 bin ich Mofa gefahren und mit 18 habe ich gleich den Autoführerschein gemacht“, sagt Kathrin Fritz. Schließlich wohnten die Schulkameraden weit im Umkreis verstreut. Außerdem wollte man endlich auch mal zum Einkauf ins Breuningerland kommen. „Ich bin mit meinem Mofa oft erst nachts aus Löchgau heimgekommen, sagt sie. Da fährt man schon durch den Wald, deshalb wollten mich meine Eltern manchmal dort abholen, aber ich wollte das nicht, ich hatte keine Angst.“

Die Berufswahl Winzerin war schließlich auch vom Ort geprägt: „Wir hatten Weinberge, an denen wir Trollinger, Lemberger, Kerner, Riesling und Dornfelder angebaut haben“, sagt Fritz. Und die Familie betrieb eine kleine Weinstube. Die Lehre hat sie in der Weinbauschule Weinsberg begonnen und im elterlichen Betrieb abgeschlossen. Mittlerweile baut die Familie kaum noch Wein an. „Im Jahr 2002 haben wir uns der Felsengartenkellerei in Hessigheim angeschlossen.“ Viele Kunden fragen im Hofladen nach, wann denn der Besen wieder öffnet. „Wahrscheinlich gar nicht mehr“, sagt Kathrin Fritz. Nach einem Unfall sieht sich der Vater nicht mehr in der Lage, die kleine Wirtschaft wie seither weiter zu betreiben.




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