Der Schreyerhof gehört teils zu Mundelsheim, teils zu Hessigheim – doch der Flecken ist durch Weinberge und durch den Neckar von beiden Kommunen getrennt. Auch sonst prägen Wein und Wasser die idyllische Siedlung auf der Halbinsel.

Ludwigsburg: Melanie Braun (meb)

Sommerserie - Wenn Bernhard Fähnle samstags Brötchen holen will, nimmt er das Boot, um zum Bäcker zu fahren. Denn von seinem Wohnort Schreyerhof nach Mundelsheim ist der Weg über den Neckar der kürzeste: Das Ortszentrum befindet sich direkt am gegenüberliegenden Ufer. Letztlich ist die Siedlung in der Neckarschleife genau deshalb einst entstanden: Einige Mundelsheimer, die Äcker, Wiesen und später auch Weinberge auf der anderen Seite des Ufers bewirtschafteten, wollten nicht mehr ständig auf dem Fluss hin und her fahren und bauten Häuser nahe ihrer Felder. Heute, fast 250 Jahre später, wird im Schreyerhof kaum noch Landwirtschaft betrieben. Die Siedlung ist zu einem verwunschenen Wohnort zwischen Neckar und Weinbergen geworden.

Schon der Weg dorthin ist Idylle pur: Von Kleiningersheim aus schlängelt sich die Straße vom Wald hinab Richtung Neckartal, auf der gegenüberliegenden Seite ragen die steilen Weinterrassen in die Höhe und unten glitzert der Fluss. Nur ein schmaler Weg mitten durch Tausende Rebstöcke führt zu dem kleinen Wohngebiet, das insgesamt nur aus 24 Häusern besteht – 22 gehören zu Mundelsheim, zwei zu Hessigheim, darunter der Landgasthof auf der Anhöhe. Die 65 Einwohner sind auf Privatfahrzeuge angewiesen: Eine Bushaltestelle gibt es hier nicht und die Fährverbindung nach Mundelsheim wurde schon Anfang der siebziger Jahre eingestellt.

Der Neckar bestimmte den Alltag im Flecken

Bernhard Fähnle ist Polizeihauptkommissar in Großbottwar – seit vier Jahren wohnt er wieder im Schreyerhof. Der 58-Jährige ist im Alter von fünf Jahren mit seinen Eltern vom Mundelsheimer Ortskern in den Schreyerhof gezogen und hier aufgewachsen. Schon damals bestimmte der Neckar seinen Alltag. Zusammen mit seinem Bruder musste er täglich in einem Holzkahn über den Fluss rudern, um zum Kindergarten und zur Schule zu gelangen. Und damals war der Neckar noch nicht so gemächlich wie heute; er war weder begradigt noch durch Schleusen gezähmt.

Die Verwandlung des wilden Gewässers in eine geordnete Wasserstraße hat Fähnle hautnah miterlebt. Er erinnert sich an riesige Schaufelbagger, mit denen das Flussbett neu geformt wurde: „Viele Schreyerhöfer waren damals am Ausbaggern beteiligt“, erzählt Fähnle. Über mehrere Jahre hinweg seien die Arbeiten in den fünfziger und sechziger Jahren ein willkommener Broterwerb im Ort gewesen. Erst zu dieser Zeit sei der elegante Schwung der Neckarschleife entstanden, die nun die Halbinsel umschließt, auf welcher der Schreyerhof liegt. „Vorher war eine richtige Ecke im Flussverlauf“, sagt Fähnle.

Ruhe und Idylle, aber weder Geschäfte noch ein Café

Für den Polizisten, der zwischendurch jahrelang in Kleinbottwar lebte, ist der Flecken „ein kleines Paradies“. Er genießt die Aussicht auf Fluss und Weinberge von seiner Terrasse aus. Diese liegt direkt am Neckar, er kann also vom Garten aus in sein Boot steigen – oder schwimmen gehen. An den vielen heißen Tagen in diesem Sommer sind Bernhard Fähnle und seine Frau Ute regelmäßig in den Fluss gegangen: „Die Nachbarn machen inzwischen auch mit“, erzählt Ute Fähnle. Wenn sie runter ans Wasser geht, nimmt sie oft etwas Brot mit, denn meistens warten dort hungrige Schwäne auf sie. Neulich seien es 17 Stück gewesen, sagt die 56-Jährige begeistert.

Auch sie ist hin und weg von der Ruhe und der Idylle im Schreyerhof. „Aber das muss man mögen“, betont sie. Denn klar sei auch, dass man hier ab vom Schuss sei: Es gebe weder Geschäfte noch Cafés, lediglich kleine Verkaufswagen eines Bäckers, eines Metzgers und eines Müllers kommen hier ab und zu vorbei. Aber es gibt auch einen Landgasthof, der heute ein beliebtes Ziel von Ausflüglern, Wanderern und Radfahrern ist – und dessen Vorgeschichte bis zu den Anfängen des Schreyerhofs zurückgeht. Nachdem die ersten Häuser in den 1780-er Jahren gebaut worden waren, entwickelte sich der Flecken zu einem Rastplatz für Schiffsknechte, die ihre Schiffe von Pferden auf sogenannten Leinpfaden entlang des Neckars flussaufwärts ziehen ließen. Die Knechte wurden zunächst privat verköstigt, 1838 öffnete dann die Gaststätte „Anker“ – wohl ein Vorläufer des Gasthofs Schreyerhof.

Neben Bernhard Fähnle dürften nur noch wenige so gut über die Geschichte des Fleckens Bescheid wissen. Denn viele Alteingesessene gebe es im Schreyerhof nicht mehr, erzählt der 58-Jährige. „Es gab regelmäßig einen Generationswechsel, auch durch neu Zugezogene“, sagt er. Von Überalterung könne man in der Siedlung daher kaum sprechen: Von den 65 Einwohnern seien zwölf jünger als 18 Jahre.

Vernetzung nach außen

Verbindung
: Es gab lange eine Schiffsverbindung zum Schreyerhof, für die die Landwirte als Nutzer eine jährliche Gebühr entrichteten. Als der Nachfolger, eine eher touristisch genutzte Fähre, in den 70-ern eingestellt wurde, hat man über den Bau einer Brücke diskutiert. Doch Mundelsheim ist vom Weinbau geprägt – man gab das Geld lieber für die Steillagen aus.

Kooperation Im Schreyerhof kooperieren Mundelsheim und Hessigheim in vielen Bereichen, etwa bei der Strom- und Wasserversorgung oder bei Einsätzen der Feuerwehr.