Songs zur Liebe in Fellbach Zwischen Leidenschaft und Irritation: „Liebe mich, aber bitte nicht zu doll!“

Demnächst feiern sie Silberhochzeit: Die Sopranistin Natalie Karl und der Startenor Matthias Klink (rechts), hier mit Musikern ihres „Youkali“-Projekts. Foto: Matthias Baus (cf)

Im Rahmen der Beziehungskisten gastiert das Vorzeigepaar Natalie Karl und Matthias Klink in Fellbach. Ein Gespräch kurz vor dem Konzert – ausschließlich mit Liedern über die Liebe.

In ihrer herausragenden Reihe „Beziehungskunst“ über Künstlerpaare in Literatur, Musik und Kunst hat die Kulturgemeinschaft Fellbach (Rems-Murr-Kreis) in den vergangenen Monaten bereits mehrere Hochkaräter angelockt. Nun folgt ein weiteres Highlight – denn als außergewöhnliches Künstlerpaar sind der aus Fellbach-Schmiden stammende Tenor Matthias Klink und seine Ehefrau, die Sopranistin Natalie Karl, mit ihrer „Just Another Blues Band“ (JABB) zu Gast. An diesem Donnerstag, 23. April, präsentieren sie in der Schwabenlandhalle Fellbach Songs und Arien über die Liebe in all ihren Facetten. Vorab geben sie Einblicke in ihr eigenes (Liebes-)Leben.

 

Frau Karl, Herr Klink: Die Kulturgemeinschaft Fellbach kündigt sie in den Infos zum Konzertabend an als „ein Künstlerpaar der Extraklasse“ – sind Sie auch ein Liebespaar der Extraklasse?

Klink: Das wäre wohl etwas hoch gegriffen. Aber wir können sagen, dass wir im kommenden Juli unsere Silberhochzeit feiern – das spricht zumindest für Beständigkeit. Ob wir als Künstlerpaar „etwas Besonderes“ sind, lässt sich schwer beurteilen. Bei anderen Berufsgruppen stellt man diese Frage ja auch nicht in gleicher Weise – ein Ärztepaar wird schließlich nicht automatisch als „Medizinerpaar der Extraklasse“ bezeichnet. Letztlich ist entscheidend, wie gut zwei Menschen sowohl privat als auch künstlerisch miteinander harmonieren. Und das ist keineswegs selbstverständlich: Nicht jedes Paar, das privat gut funktioniert, kann auch gemeinsam künstlerisch arbeiten.

Karl: Genau. Ich kenne zum Beispiel eine Kollegin, ebenfalls Sängerin, deren Mann Pianist ist. Obwohl sie privat sehr gut miteinander auskommen – es ist wirklich alles gut zwischen ihnen –, hat die musikalische Zusammenarbeit einfach nicht funktioniert. Sie konnten nicht gemeinsam Musik machen.

Wie haben Sie den Konzertabend am Donnerstag in Fellbach angelegt?

Klink: Wir haben uns während des Studiums an der Musikhochschule Stuttgart kennengelernt – die Musik ist also von Anfang an ein zentrales Bindeglied unserer Beziehung gewesen. Deshalb war es uns wichtig, ein Programm zusammenzustellen, das diese gemeinsame künstlerische Entwicklung zeigt und verschiedene Facetten unseres musikalischen Arbeitens vereint. Gleichzeitig bringt das gemeinsame Arbeiten natürlich auch Herausforderungen mit sich. Durch unsere selbstständige Tätigkeit gibt es kaum klare Grenzen zwischen Beruf und Privatleben.

Karl: Und diese enge Verbindung wirkt sich auch auf unser Erleben aus. Wenn Matthias beispielsweise eine Vorstellung oder Premiere hat, bin ich innerlich genauso angespannt – richtig frei hat man dann auch nicht. Gleichzeitig ist genau das auch eine große Stärke unserer Beziehung: Durch die Musik haben wir einen besonderen Zugang zueinander und eine eigene Form der Kommunikation. Unsere gemeinsamen Projekte – etwa unsere Operetten-CD „Himmelblau“,die Bluesband JABB, oder auch der Brecht/Weill/Jazz-Abend „Youkali“, sind für uns wie kleine gemeinsame „Herzensprojekte“, die wir zusammen entwickeln und pflegen. Das verbindet uns auf eine Weise, die über viele andere Partnerschaften hinausgeht.

JABB: Die „Just Another Blues Band“ spielt am Donnerstag in Fellbach ihr Programm „Love is all you need“. Foto: Peter Hartung (cf)

Den ganz normalen Alltag gibt es trotzdem auch noch, oder?

Karl: Ja, natürlich. Unser Alltag ist sogar ziemlich bodenständig. Wir sind beide sehr geerdet und auch sehr häuslich. Ich koche und backe gern – und ich genieße es einfach, zu Hause zu sein.

Klink: Absolut, das geht mir genauso. Und ich habe eine gewisse Leidenschaft für alles Organisatorische im Haushalt. Ich sorge gern dafür, dass alles funktioniert und seinen Platz hat – reparieren, montieren, sogar betonieren (lacht). Bin sozusagen ein Hausmeister aus Passion.

Vor Spannungen, wie in wohl jeder Beziehung, ist man vermutlich auch nicht gefeit?

Karl: Natürlich nicht – wir geraten auch mal aneinander. Das gehört dazu. Aber interessanterweise ist es so, dass wir beim gemeinsamen Musizieren oft wieder zueinander finden. Gleichzeitig ist auch die künstlerische Zusammenarbeit ein Prozess. Man muss sich immer wieder neu abstimmen und aufeinander einlassen.

Klink: Gerade bei Projekten wie unserem aktuellen Liederabend zeigt sich das besonders. Ich übernehme häufig den ersten konzeptionellen Schritt – entwickle Ideen und entwerfe eine Struktur für das Programm.

Karl (lacht): Wobei ich anmerken möchte, dass ich durchaus auch meinen Anteil an Ideen habe – nur komme ich manchmal etwas später zum Zug.

Klink: Keine Sorge, Raum dafür ist immer da.

Karl: Genau – und so entstehen unsere Programme letztlich im Dialog. Dieses spielerische Ringen gehört einfach dazu.

Wie gestalten Sie den Abend in Fellbach?

Klink: Es ist ein Crossover-Abend – vom Popsong bis hin zur großen Opernszene. Wir bewegen uns also stilistisch bewusst quer durch verschiedene Genres. Das erfordert allerdings eine gewisse Ökonomie und Planung: Man muss genau überlegen, was man wann singt – etwa, ob nach einem Rocksong direkt eine Opernarie folgen kann. Dabei spielen sowohl die Kondition als auch die Anforderungen an die Stimme eine große Rolle. Uns ist wichtig, dass es stilistisch glaubwürdig bleibt. Es soll nicht so klingen, als würde ein klassischer Sänger versuchen, eine „Rockröhre“ zu imitieren. Entscheidend ist vielmehr die Frage: Was verlangt die jeweilige Musik – und wie kann ich darauf mit meiner Stimme angemessen reagieren? Genau diese Wechselwirkung reizt uns an solchen Projekten.

Aber es gibt doch fast unzählige Songs über die Liebe in all ihren Schattierungen…

Karl: Das stimmt – und genau deshalb hat sich unser Programm im Laufe der Zeit auch noch einmal deutlich verändert. Die ersten Überlegungen liegen mittlerweile über ein halbes Jahr zurück. Für mich stand aber von Anfang an fest, dass Isoldes Liebestod aus Tristan und Isolde unbedingt dabei sein muss. Das ist eine der berühmtesten Arien überhaupt – und Tristan und Isolde zählen zu den großen, ikonischen Liebespaaren der Musikgeschichte. Außerdem war uns – ähnlich wie bei unserem vorherigen Programm „When the Night Has Come“ – wichtig, wieder ein verbindendes musikalisches Element zu haben. Damals war es die Mondscheinsonate von Ludwig van Beethoven, diesmal ist es „Liebestraum“ von Franz Liszt – eben ein Klavierstück, das die einzelnen Teile des Abends miteinander verbindet.

Klink: Und genau an diesem Punkt knüpfen wir auch im weiteren Programmverlauf an: Uns interessieren nicht nur einzelne Liebeslieder, sondern vor allem die Geschichten dahinter – also berühmte Liebespaare, die diese Musik geprägt haben. So ergibt sich ganz organisch der Bogen von klassischen Paaren wie Tristan und Isolde hin zu moderneren Künstlerpaaren. Ein Beispiel ist etwa „Love“ von John Lennon.

Ah, das kenne ich gar nicht.

Klink: Das ist ein sehr persönlicher Song aus seinem ersten Soloalbum von 1970 – und er steht natürlich auch im Zusammenhang mit seiner Beziehung zu Yoko Ono. Ein weiteres Kriterium bei der Auswahl war für uns, ob ein Stück vielleicht sogar von einem Künstlerpaar selbst gesungen wurde. Da passt zum Beispiel „I Got You Babe“ von Sonny and Cher – zunächst ein Liebespaar, später bekanntlich nicht mehr. Oder auch Leonard Cohen mit „So long, Marianne“, wo ebenfalls eine konkrete Beziehungsgeschichte mitschwingt. Uns war wichtig, verschiedene Facetten der Liebe zu zeigen – ihre Anfänge, ihre Intensität, aber auch ihr Scheitern. So bewegen wir uns gewissermaßen entlang großer Liebesgeschichten durch die Musikgeschichte.

Also auch unterschiedliche Details und Strategien der Liebe?

Karl: Ja, genau. Ein schönes Beispiel dafür ist Stephen Sondheim, der in Deutschland oft noch unterschätzt wird, obwohl er großartige Stücke geschrieben hat. Wir haben zwei seiner Songs miteinander verbunden: „Marry Me a Little“ – also „Heirate mich ein bisschen, aber nicht zu viel. Lieb mich, aber nicht zu doll. Hülle mich in einen Kokon, aber lass mir Raum.“ Das haben wir mit einem anderen Song von Sondheim verknüpft, nämlich Soon – „bald“. Also: „Bald werde ich dir gehören.“ Sozusagen das Versprechen von Nähe und Hingabe. Und im Grunde geht es dabei um ganz unterschiedliche Haltungen – oder Strategien – in der Liebe.

An der Musikhochschule Stuttgart haben sie sich kennengelernt: Matthias Klink und Natalie Karl. Foto: privat

Klink: Genau. Und daran merkt man ja auch, dass Liebe selten einfach ist. Sie ist oft mit Arbeit verbunden, manchmal auch mit Anstrengung und Auseinandersetzung. Aber gerade aus diesem Spannungsfeld heraus entstehen dann diese besonderen Momente, in denen alles stimmt – und für die sich das Ganze letztlich lohnt.

25 Jahre Ehe – das schafft nicht jedes Paar. Was ist Ihr Geheimnis?

Klink: Wir profitieren sicher davon, dass bei uns immer auch ein Hauch von Ironie mitschwingt. Sich selbst nicht zu ernst zu nehmen, ist für uns eine ganz wichtige Maxime. Und dann gibt es natürlich diese besonderen Momente, in denen einfach alles stimmt, in denen eine große Harmonie da ist. Sich dieser Momente bewusst zu sein und sich immer wieder daran zu erinnern, ist von ganz großer Bedeutung.

Karl: Ich glaube, ein Teil unseres „Geheimnisses“ ist, dass wir sehr viel miteinander reden – und ja, auch diskutieren und streiten. Aber wir behalten uns dabei immer eben jene gewisse Selbstironie und lachen auch viel miteinander. Und wir sind tatsächlich nicht nur ein Paar, sondern auch wirklich Freunde. Das ist etwas, was uns im Innersten verbindet – eben auch unsere musikalische Freundschaft. Gerade in einer Welt, in der es so viele Spannungen und Unstimmigkeiten gibt – im Großen wie im Kleinen –, hat unser Abend ein schönes Thema. Denn auch in den Stücken, die wir auf der Bühne zeigen, geht es nicht nur um Harmonie, sondern auch um Konflikte, Reibung und manchmal auch Leiden. Aber am Ende ist es das Gemeinsame, die Liebe, die uns trägt. Und um es mit den Beatles zu sagen – deren Liedzeile aus dem Song „All you need is Love” ja auch unserem Abend den Titel gibt: Love is all you need.

Liederabend über die Liebe

Natalie Karl
Im italienischen San Remo geboren, wächst Natalie Karl später in Grosselfingen am Fuße der Hohenzollernburg auf. „Ich hatte von Anfang an, seit meiner Kindheit, den Wunsch zu singen“, sagt sie. „Wir hatten genau zwei Klassikplatten: Anneliese Rothenberger und Fritz Wunderlich, mehr nicht.“ Sie hat an der Stuttgarter Musikhochschule studiert und als Sopranistin an großen Opernhäusern gesungen – Köln, Staatsoper Berlin, Semperoper Dresden und viele weitere.

Matthias Klink
Der 1969 in Waiblingen geborene Matthias Klink ist in Fellbach-Schmiden aufgewachsen. Er gehört zu den großen Tenören in Deutschland, neben seiner Heimatoper in Stuttgart hatte er Engagements etwa in Salzburg, an der Mailänder Scala oder an der Metropolitan Opera in New York. Das Ehepaar lebt in Stuttgart und hat zwei Söhne.

Liederabend
Der Abend „Love is all you need“ mit Songs und Arien über die Liebe mit Matthias Klink, Natalie Karl, Nicholas Kok und JABB (Just Another Blues Band), initiiert von der Kulturgemeinschaft Fellbach, findet am Donnerstag, 23. April, von 19 Uhr an im Uhlandsaal der Schwabenlandhalle statt. Eintritt: 20 Euro, Karten im Vorverkauf beim i-Punkt im Rathaus Fellbach und gegebenenfalls an der Abendkasse.

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