Songwriter Florian Ostertag Auf dem Weg nach oben

Von Katharina Sorg 

Zwischen Liederhalle und Wohnzimmerkonzerten: Florian Ostertag wohnt in Stuttgart und gilt als großes Talent unter den deutschen Songwritern.

Schafft er den Sprung zum Superstar? Foto: Matthias Schneck 2 Bilder
Schafft er den Sprung zum Superstar? Foto: Matthias Schneck

Kirchheim - Tübingen, im Sommer 2009. Florian Ostertag steht in kerzengerader Haltung auf der Bühne, die Gitarre umgeschnallt. Er trägt ein Halstuch zu Ringel-T-Shirt und braunen Locken. "Das hier ist meine Band", sagt er und macht eine Kopfbewegung in Richtung Tonbandgerät. Kaum einer im Publikum kennt den schmalen jungen Mann, der auf Englisch singt und dessen ruhige Melodien einem im Gedächtnis bleiben. Er ist bei dem Konzert im Sudhaus als Vorband für Philipp Poisel, den Durchstarter unter den deutschen Songwritern. Nach seinem Auftritt verkauft Ostertag ein paar seiner Lieder auf CDs, die er daheim selbst gebrannt hat.

Stuttgart, im Sommer 2011. Das Halstuch hat er abgenommen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Augen sind geschlossen. Seine Lippen berühren beim Singen das Mikrofon. Florian Ostertag steht vor mehr als 750 Menschen auf der Bühne der Liederhalle. Sie sind nur gekommen, um ihn zu hören. Der bisherige Höhepunkt seines Musikerlebens.

Endlich zahlt sich die Musik aus

Dieses Jahr war sein "Live-Jahr", wie Ostertag sagt. So oft stand er noch nie auf der Bühne - als Solist oder Begleitmusiker. Und es war das erste Jahr, in dem er sich allein über die Musik finanzieren konnte. Es wird erst mal so weiter gehen. Er hat viele Termine. Zurzeit probt der 32-Jährige für die letzten Konzerte in diesem Jahr als Klavierspieler in Philipp Poisels Band. An diesem Abend werden sie mit dem Tourbus nach Basel fahren. Gepackt hat er noch nichts, und das mit dem Waschen hat auch wieder mal nicht geklappt, das Lieblings-T-Shirt ist noch dreckig. Aber Zeit für ein Gespräch in einem Kirchheimer Café hat er natürlich trotzdem.

Die Sonne scheint auf Fachwerkhausromatik, entlang der Stadtmauer fallen die letzten Blätter von den Gerippen der Bäume, in dem Café am Schlossplatz unterhalten sich zwei ältere Damen viel zu laut. Florian Ostertag redet leise. Er trägt eine abgewetzte Lederjacke zu engen Jeans und Turnschuhen, bestellt einen Roibuschtee.


Länger als zwei Wochen am Stück war Ostertag in diesem Jahr nicht zu Hause in Notzingen, einer kleinen Gemeinde bei Kirchheim. Dort wohnt er in einer WG mit Freunden. Es zieht ihn nicht in die Musikmetropolen Berlin oder Hamburg. Er möge das Beschauliche, er schätze die Ruhe nach dem Tourtrubel, sagt Ostertag und verschüttet dabei den Großteil seines Tees.

Der Florian habe das Zeug dazu, den Sprung nach oben zu schaffen, sagt sein Freund Philipp Poisel, der inzwischen Tausende Platten verkauft, in ausverkauften Hallen spielt und für den diesjährigen Echo Award nominiert war. Der Musiker und Moderator Tex Drieschner, der mit seiner Sendung "TVNoir" jungen Songwritern eine Bühne bietet, ist der gleichen Meinung. Florian Ostertag war schon mehrmals zu Gast in der Sendung, die zunächst nur im Internet zu sehen war, inzwischen aber einen festen Sendeplatz beim Sender ZDFKultur hat. Unter all den jungen Männern, die momentan mit Gitarre und Liedern durch die Lande ziehen, sei Florian Ostertag einer der Besten, sagt Tex Drieschner. "Ich finde ihn ganz besonders."

Wurzeln auf der Schwäbischen Alb

Den Durchbruch schaffen nur wenige. Die Auswahl an Liedern für Fans und Plattenfirmen ist groß. Es gehört schon was dazu, sich herauszusingen aus der deutschen Songwritergarde, die gerade so wellenartig über das Musikgeschäft schwappt, dass man sich fragt: Wo kommen all die jungen Männer mit Gitarre her?

Aufgewachsen ist Florian Ostertag in einem kleinen Dorf auf der Schwäbischen Alb. Als Kind lernte er Klavier und Gitarre, doch seine Begeisterung für die Musik fing erst mit 15 Jahren an. "Bis dahin habe ich eigentlich nur TKKG und die drei Fragezeichen gehört", sagt er und lächelt.


Noch hat Florian Ostertag erst ein Album veröffentlicht, das er auch selbst produziert hat. Entstanden ist es auf einem alten Bauernhof in Weilheim, wo er drei Jahre in einer Musiker-WG lebte. Schlagzeug spielen nachts um halb vier war da kein Problem.

Seinerzeit studierte er Elektrotechnik und machte nebenbei Musik. Die Ausbildung zum Tontechniker hatte er bereits hinter sich und auch das Jahr Auszeit in Australien und Neuseeland. Weil er mit Musik arbeiten und damit auch ein bisschen Geld verdienen wollte, entschied er sich für Ausbildung und Studium. Er richtete sich ein eigenes kleines Studio ein und mischte Livekonzerte ab. So lernte er vor drei Jahren auch Philipp Poisel kennen, der ihn als "Vorband" engagierte. Seitdem singt Florian Ostertag sich durch die Lande.

"Wenn ich fröhlich bin, gehe ich lieber raus ein Bier trinken."

"The Constant Search" heißt sein Debütalbum und erinnert ein wenig an die Melancholie eines Damien Rice. Die Instrumentierung ist meist spärlich, die Stimme variiert, mal scheint sie die Melodien fast streicheln zu wollen, mal kommt sie richtig druckvoll daher. Gitarre und Klavier sind fast immer dabei, zuweilen dient ihm eine Schreibmaschine als Taktgeber.

In Ostertags Texten geht es vor allem um Beziehungen, um Sehnsucht und Liebe. "Klassisch eben", sagt er und schmunzelt. Es schreibe sich eben einfach besser, wenn man traurig sei. "Wenn ich fröhlich bin, gehe ich lieber raus ein Bier trinken."


Radiosender spielen inzwischen zwei seiner Songs. Eigentlich müsse jetzt dann was Neues her, sagt er und streicht mit den Fingern durch die Haare. Er schreibe auch schon an neuen Songs, im kommenden Jahr soll ein Album erscheinen. Dank der Tournee hat er inzwischen Kontakt zu Plattenfirmen bekommen. Was die können, sei vor allem Geld zu investieren und Kontakte herzustellen, etwa zu Radio und Fernsehen, sagt Florian Ostertag. "Wir sind im Gespräch." Die Zeit der ganz großen Abhängigkeit von den Plattenriesen ist für junge Künstler vorbei. Ostertags Album gibt es bei iTunes und Amazon, der wichtigste Vertriebsweg ist das Internet, da braucht er keinen Konzern im Rücken. Seine Videos und Konzertausschnitte stellt er auf Youtube und Facebook. Seine Lieder kann man auf Myspace anhören. "Wenn du als Vorband spielst, finden dich von tausend Leuten vielleicht fünfzig so gut, dass sie im Internet mal schauen, was du so machst", sagt Ostertag. Den größten Teil seiner CDs verkauft er bei Konzerten, an einem guten Abend sind das schon mal 150 Stück.

Ostertag hat die Entspanntheit eines Menschen, der mag, was er macht, zufrieden ist mit seinem Leben. Viel Geld braucht er nicht, ein Zimmer und ein Auto reichen. Einen Mischer für seine Songs, das wäre ein Luxus, den er sich gerne leisten würde.

Schlafen auf der Couch der Fans

Noch spielt er seine Konzerte auch vor zwanzig Leuten. Im Frühjahr hat er eine Wohnzimmertour gemacht. Einfach alle Fans in seinem E-Mail-Verteiler angeschrieben, wer sein Wohnzimmer frei räumte, Wein und Knabbereien auf den Tisch stellte, bekam dann Besuch von Ostertag. Danach schlief er auch schon mal auf der Couch seines Gastgebers.

Sein Weg wird sich mit dem kommenden Album entscheiden, ist nicht nur sein Förderer Tex Drieschner überzeugt. Vom Verband der deutschen Konzertdirektionen wurde Ostertag vor einigen Wochen mit einem Nachwuchspreis geehrt, dotiert mit 10.000 Euro. Eigentlich sollte er nun richtig durchstarten. Aber der enorme Erfolgsdruck scheint Ostertag wenig zu beeindrucken. "Ich mach jetzt halt einfach und schau mal, was kommt." sagt er, statt in Hektik zu verfallen. "In the Meantime I'll be singing", heißt es in einem seiner Lieder. "In der Zwischenzeit werde ich singen."